Syl Johnson - Complete Mythology

Syl Johnson - Complete Mythology © Numero Group

...da war doch noch was. Zwar wird mit dem neuen Jahr alles besser, schöner und weiter, aber etliche Alben, die noch in 2010 erschienen waren, sollen hier doch noch zu ihren Ehren kommen. So versammeln sich in dieser Ausgabe die aktuellen Werke von dub à la pub aus Augsburg, Reich & Schön aus Mannheim, Coppelius, J.R.& PH7, Garden of Eden aus Heidelberg und dem altehrwürdigen Syl Johnson, bei dessen Output sich schon Cypress Hill, Michael Jackson und Kanye West bedient haben.

Syl Johnson – Complete Mythology | Numero Group

{image}Er hat eine der herausragendsten Stimmen in der Geschichte des Soul und doch ist Syl Johnson in erster Linie dafür bekannt, einige der markantesten Breaks geliefert zu haben. Egal ob Kid Rock, Cypress Hill, Michael Jackson oder Kanye West – alle haben sich bei ihm bedient, denn mit einem Johnson-Sample mutiert jedes Stück zum Sure Shot. "Mein Haus wurde vom Wu-Tang Clan errichtet", sagt der 74-jährige in Anlehnung an die Tantiemen, die er heute noch aus Staten Island von RZA – dem fleißigsten Syl-Sampler – überwiesen bekommt. Dabei sind Different Strokes und Is It Because I'm Black auch über ihre gesamte Spielzeit gesehen Masterpieces. Geboren wurde der Sänger mit der tiefgreifenden Soulmembran als Sylvester Thompson im US-Bundesstaat Mississippi, wo er zunächst mit der Blues-Musik von Howlin Wolf in Berührung kam. Bald produzierte Johnson erste Stücke selbst und verbuchte mit dem R&B-Stück Come On Sock It To Me eigene Erfolge. Die 81 Titel umfassende CD-Box Complete Mythology beleuchtet mit einer Spanne von 15 Jahren die Hochphase des Künstlers. Wenn Syl Johnson wie in Could I Be Fallin' In Love oder Do You Know What Love Is über Liebe singt, dann transportiert er jeden Herzschlag und jedes Seelenleiden durch seine Musik. Trotzdem sind seine Texte sozialkritisch und haben – wie in I'm Talkin' Bout Freedom – oftmals einen politischen Hintergrund und prangern Rassismus an. Beachtet man die Raffinesse der musikalischen Arrangements verwundert es, warum der Sänger ein ungekrönter Soulprinz geblieben ist und nie wirklich seinen Durchbruch im Mainstream feierte. Ein Stück Musikgeschichte, gepresst auf vier CDs, respektive sechs Vinyl-Scheiben. Als Beilage gibt es obendrauf einen Sample Index.
Wertung: +++++ (Andreas Margara)

dub à la pub – Decelerate! | Reggaekeggae Productions

{image}dub à la pub ist eine zehnköpfige Kombo aus Augsburg, deren Musik sich aus Einflüssen von Reggae, Ska und – wie der Bandname schon andeutet – Dub zusammensetzt. Mit Decelerate! haben sie ihr zweites Album veröffentlicht. Die neuen Songs beweisen, wie abwechslungsreich Reggaemusik klingen kann. Der Opener Ear Drum Intro ist ein Instrumentalstück, das im Hintergund von leisen Gesängen untermalt wird und den Hörer direkt in die richtige Stimmung versetzt, um auch bei den folgenden Stücken der Platte ordentlich mitgrooven zu können. Kurz ausgebremst wird der Hörer jedoch direkt beim zweiten Song Borderline, eines der unscheinbareren Lieder auf Decelerate!, das die durch den Auftakt aufgestellten Erwartungen nicht erfüllen kann. Es soll glücklicherweise ein kurzer Einknick bleiben: Puzzle kommt soulig daher – die Bläser der Band sorgen für tolle Akzente. Esra, die einzige weibliche Stimme der Band, erhält im Song Tremble die Chance, so richtig mit ihrem Können aufzutrumpfen. Durch ihren Gesang und die eingebauten Rap-Parts hebt sich der Track deutlich von den restlichen Songs auf Decelerate! ab. Die nächste Verschnaufpause kommt mit Der Hundund ist an dieser Stelle willkommen. Die Band ermutigt in den Lyrics dazu, in dieser schnelllebigen Welt auch einmal innezuhalten und sich nicht zu viele Sorgen um das, was morgen sein wird, zu machen; Decelerate!. Welche Rolle der deutsche Songtitel spielt, bleibt jedoch auch nach mehrmaligem Hören von Der Hund unklar. Als Remix-Version kehrt Der Hund am Ende des Albums gemeinsam mit Got your Back nochmal zurück – zwei Songs, sie hier so richtig loslegen. Definitiv tanzbar! Wer nun denkt "Och nee, nicht schon wieder so ein Reggae-Sommerhit-Gentleman-Album", der liegt eindeutig falsch. dub à la pub beweisen mit Decelerate! viel Liebe zum Detail. Einziger wirklicher Kritikpunkt ist die Tatsache, dass es nur sieben richtig neue Songs auf dem Album gibt. Das Werk zeigt insgesamt also eher die Tendenz zu einer EP, ist aber dennoch gut und absolut empfehlenswert. Die Band beschreibt es im Booklet des Albums schon ganz richtig: dort bezeichnen sie ihr Album als "Anleitung für physische und psychische Entschleunigung". O-Ton: "Setz dich, nimm dir 'nen Keks, atme ein, atme aus, leg das Album ein, erfreu dich daran, vergiss den Rest."

Wertung: ++++ (Lisa-Marie Schnell)

Reich & Schön – kleine Gesten | Eigenvertrieb

{image}Grönemeyer oder Naidoo? Julius Reich, agiler Frontmann, Songwriter und Kopf bei Reich & Schön aus Mannheim, kontert diese Frage danach, wem seine Stimme denn nun ähnlicher klingt, immer sehr galant. Nicht erst seit der EP kleine Gesten ist sowieso völlig klar, dass sich die Klärung dieser Frage im komplett irrelevanten Bereich abspielt. Denn hier rollt ein derzeit noch etwas empfindliches deutschsprachiges Pop/Rock-Gesamtkunstwerks-Pflänzchen auf seine neuen Hörer zu, das in Zukunft noch für viel Aufsehen sorgen wird. Julius Reich bringt sich dabei als kreativ-exzentrischer Individualist mit Gürtelschnallen-Fetisch auf einzigartige Weise ins Bandgefüge ein – also Grönemeyer oder Naidoo? Nein, eindeutig Reich in Band. Die ersten Gigs der Schönen haben es gezeigt: Hier trifft musikalische Virtuosität auf Kreativität und eine engagierte, stets authentische Show fesselt ab der Eins des ersten Taktes. Hier werden fürs Songwriting Totgesagte wieder zum musikalischen Leben erweckt (Gitarrensoli!) und Texte rezitiert, die Spaß verbreiten ohne der Anbiederung zu verfallen. Zugegeben: Reich & Schön sind eine Live-Band und das merkt man dieser Promo-EP an. Sie fällt rein produktionstechnisch gegenüber dem Live-Erlebnis etwas ab. Aber kleine Gesten ist alles, was wir bisher in fester physischer Form von dieser Band greifbar haben, und daher ein Pflichtprogramm. Wir empfehlen: Vorsichtig rantasten an diese Band, die EP macht's möglich. Bis zum ersten Longplayer bleibt sicher etwas Zeit, um den letzten Meter Luft nach oben auch noch auszufüllen.

Wertung: ++++ (Markus Biedermann)

Garden of Eden – Puzzle | Fastball

{image}Garden of Eden aus Heidelberg ordnen ihre eigene Musik irgendwo zwischen Alternative Rock und Grunge ein. Durch fleißiges Touren und zahlreiche Support-Auftritte für bekannte deutsche Bands haben sie sich in der Region einen Namen gemacht und mit ihrem aktuellen Werk Puzzle ist ihnen erneut ein solides Rock-Album gelungen. Härtere, gitarrenlastige Songs wechseln sich mit gedämpfteren, durchaus radiotauglichen Stücken ab. Mal wird geschrien, mal gefühlvoll und sanft gesungen – Überraschungen erlebt man jedoch keine. Der Opener Minutes For You gibt bereits einen Hinweis darauf, wie man sich den Sound der Platte vorzustellen hat: rockig, aber nicht zu hart, melodiös, aber nicht zu soft.   In You Set Me Free schlägt die Band zu Beginn noch ruhigere Töne an, um dann im Refrain mit einem eingängigen Chorus und dominantem Schlagzeug aufzuwarten. Ooops geht gleich am Anfang in die Vollen und ist definitiv der Song des Albums, der nicht zuletzt aufgrund seines Titels am längsten im Gedächtnis bleibt. Sänger Pascal Häusling erreicht in seinem Stimmumfang ungeahnte Höhen und stellt so einen Kontrast in dem eigentlich harten Song her, der das Stück deutlich von den anderen abhebt. Kaum zu glauben, dass Ready vom gleichen Sänger gesungen wird, denn der Song kommt wesentlich düsterer daher. Bei Flying High handelt es sich um eine Ballade und damit um einen der wenigen ruhigen Song auf Puzzle. Hier wird deutlich, dass Garden Of Eden sich musikalisch an Nirvana und Incubus anlehnen. Das Album endet mit dem Stück Memory Of Today, das ungewohnt schlicht gehalten ist und im Wesentlichen von Stimme und Akustikgitarre getragen wird. Zum Schluss wird der Song noch von einem leisen E-Gitarren-Solo untermalt und lässt den geneigten Hörer erstaunt zürück. Nach den ersten Songs des Albums hätte man nicht erwartet, dass Garden of Eden ihre Platte auf diese Art und Weise ausklingen lassen würden. Es steckt jede Menge Gefühl in Puzzle – sowohl in den Songs der härteren Gangart als auch in den sanfteren Stücken. Trotz der oft ähnlich klingenden Tracks und wenig innovativen Melodien handelt es sich bei dem neuesten Werk von Garden of Eden um ein Album, das hörenswert ist und aufgrund seiner Grunge-Attitüde gut in die Jahreszeit passt.

Wertung: +++ (Lisa-Marie Schnell)

Coppelius – Zinnober | F.A.M.E. Recordings

{image}Zinnober, das dritte Album von Coppelius, ist wie viele vorangegangene Lieder der Berliner Band von E.T.A. Hoffmann inspiriert, genauer gesagt vom Kunstmärchen "Klein Zaches, genannt Zinnober". Anders als die bisherigen Alben Tumult und Time-Zeit ist Zinnober zwar leichtere Kost, aber begeistert dennoch durch den typischen Coppelius-Klang: Metal-Riffs gepaart mit Cello, Kontrabass, Klarinetten und jeder Menge Attitüden. Mit schnellen Tracks eröffnet das Sextett das neue Alben und führt den Hörer durch das 19. Jahrhundert. Immer an Hoffmans Werk angelehnt geht es um ein Duell, Zauberer und andere Abstecher in die Welt des Klein Zaches. Plötzliche Wendungen und Romanverweise durchziehen die Texte. So wird in Diener 5er Herren der auf einer Konzertreise entwendete Zylinder erwähnt. Ebenfalls hat man auf Zinnober wieder einmal nicht auf Besonderheiten verzichtet: I Told You So als englischsprachiges Lied, Vergessen als A-Capella Song, Genghis Khan als Iron Maiden-Cover und Ade Mein Lieb als gelungene Eigeninterpretation des deutschen Volksliedes. Auch das Motto der Band – "Coppelius Hilft!" – wurde diesmal vertont. Die dritte Veröffentlichung ist für alle bisherigen Coppelius-Skeptiker sicherlich ein Schlag ins Gesicht, da das Sextett endlich beweist, dass es auch Alben erschaffen kann, die den Live-Konzerten nahe kommen. Bisher waren diese Konzerte einzigartig und die Erstlingswerke von Coppelius konnten leider keinesfalls mithalten, da der Hörer wegen der Komplexität vor allem auf der Bühne überzeugt werden konnte. Auch eingefleischte Fans werden an dem Album Gefallen finden, da der lockere Geist des Sextetts von der Bühne endlich mit digitalisiert wurde. Drum bleibt letztlich nur eines zu sagen: "Da Capo, Da Capo – Coppelius Hilft". Wer es nicht glaubt, sollte sich spätestens jetzt davon überzeugen.
Wertung: +++++ (Jan Philipp Brand)

J.R. & PH7 – The Update | Jakarta Records

{image}Auf The Standard, dem Debütwerk des in Köln ansässigen Produktions-Duos J.R. & PH7, übergab sich das Who's Who der amerikanischen Underground-Rap-Szene wie bei einem Staffellauf das Mic. Mit The Update liegt nun die Fortsetzung der Übersee-Connection bereit und wieder sind gestandene Größen wie Edo G, Elzhi und Evidence als auch ambitionierte Rookies wie Trek Life, Oddisee und Access Immortal auf der Domplatte vertreten. Nach bewährter Manier hat sich J.R. wieder durch sein soulhaltiges Arsenal alter Platten gediggt und diese auf seiner MPC aufbereitet, während PH7 diese Samples (alles andere als geschmacksneutral) mit dem Mac gesequenzt hat. Das Eröffnungsstück und gleichzeitig die erste Singleauskopplung Bow Down ist ein funky Kopfnickerbrett, bei dem der raptechnisch schwache Reimpart von Evidence gekonnt von L.e.g.a.c.y. überspielt wird. Während Toraes von Melancholie durchtränktes Do For You oder Shawn Jacksons She Loves Me äußerst mellow arrangiert sind, hat J.R. für Termanology und Edo G ein bangendes Boom Bap Brett aus seinem Board gezaubert, das mit innovativ eingesetzten Orgelversatzstücken verziert ist. Kommt das soulvolle Freedom noch mit Vocalsamples als Gesangschor aus, sind mit Olivier Day Soul und den beiden deutschen Sängerinnen Larissa Sirah und Rachel Scharnberg gleich drei Soul-Features vertreten. Insgesamt ein smoothes aber adäquates Update von The Standard, das produktionstechnisch eines der Higlights 2010 markiert!

Wertung: ++++½ (Andreas Margara)

So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

definitiv ein "must have"

Alles zu den Themen:

aufgelegt garden of eden coppelius

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