Konzerte im Karlstorbahnhof sind zwar nur einer, aber seit 15 Jahren ein ganz wesentlicher Programmpunkt in dem Heidelberger Kulturzentrum.
Bonaparte spielten dieses Jahr gleich zwei ausverkaufte Abende hintereinander.

Konzerte im Karlstorbahnhof sind zwar nur einer, aber seit 15 Jahren ein ganz wesentlicher Programmpunkt in dem Heidelberger Kulturzentrum. Bonaparte spielten dieses Jahr gleich zwei ausverkaufte Abende hintereinander. © René Peschel

Der Karlstorbahnhof existiert seit 1995 und hat sich in diesen vergleichsweise wenigen Jahren zu einer Veranstaltungsadresse mit sowohl national als auch international sehr gutem Ruf entwickelt. Über 100.000 Besucher finden jedes Jahr den Weg in das Heidelberger Kulturzentrum. Keine Frage also, dass es zum 15-jährigen Jubiläum viel zu feiern gibt. regioactive.de sprach mit Patrick Dengl (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) und Martin Müller (Booking) über den Status Quo und die anstehenden Highlights.

{image}Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! Wenn ihr ein Buch zum Jubiläum schreiben solltet, welchen Titel würdet ihr dem geben wollen?
Martin: Frei nach Olli Kahn: "Niemals aufgeben! Von der dritten Liga in die Champions League".
Manch Fußballverein wäre froh, das in nur 15 Jahren zu schaffen. Dafür muss man immer neu justieren, am Ball bleiben, und viel investieren. Wie ist das bei euch: Hat sich im Laufe der Jahre an eurem Konzept etwas wesentliches verändert?
Patrick: Natürlich verändern sich Konzepte. Aber wesentlich ist, dass wir bei unserem Programm voll und ganz auf Qualität setzen. Nur so können wir die Besucher an unser Haus binden und sie auch zu noch unbekannten Künstlern locken. Schaumpartys oder dergleichen wird es bei uns nicht geben.

{image}Was ist bis heute der Kern eures Konzepts, was das Besondere, das den Karlstorbahnhof ausmacht?

Martin: Bezogen auf das Musikprogramm ist das sicherlich, dass wir sehr "schnell" arbeiten und immer versuchen Bands zu entdecken und diese dann auch an uns zu binden. Ein gutes Beispiel hiefür sind die Bands Menomena und Caribou. Vor drei Jahren gaben sie Konzerte bei uns – vor ca. siebzig Zuschauern. Jetzt, im November 2010, waren beide wieder bei uns. Caribou spielten im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals – und das Konzert war ausverkauft (→ Konzertbericht auf regioactive.de). Und Menomena spielten im Rahmen unseres "prêt à écouter"-Festivals ein unglaubliches Konzert vor ca. dreihundert Leuten.

Wieviele Konzerte veranstaltet ihr monatlich so im Schnitt?

Patrick: Konzerte sind es fünfzehn bis zwanzig im Monat. Veranstaltungen haben wir aber jeden Tag: Ob Vorträge, Filme, Lesungen, Kurse, Konzerte, Partys... im Kino, Theater, Saal, Gumbel-Raum oder im Klub_k.

Wie groß ist euer Team heute, mit dem ihr dieses Programm stemmt? Wie sind die Aufgaben auf die vielen Schultern verteilt?

Patrick: Festangestellte gibt es zehn, wobei nur zwei Positionen mit einer vollen Stelle besetzt sind. Die anderen acht Mitarbeiter haben Teilzeitstellen. Dazu kommen noch fünf Azubis, davon arbeiten drei im Bereich der Veranstaltungstechnik und zwei als Veranstaltungskaufmann/frau. Dann haben wir noch ca. zwanzig Hausdienste für die Durchführung der Veranstaltungen am Abend, eine Gastro-Cheffin und ca. fünfzehn Leute – vor allem Studenten – für die Bar. Das Kino ist hier noch gar nicht mit aufgelistet.

{image}An welche Veranstaltung, an welches Konzert erinnert ihr euch gerne und immer wieder zurück? Warum?

Martin: Da hat natürlich jeder seine persönlichen Highlights. Für mich waren die zwei folgenden Konzerte etwas ganz besonderes: Antony and the Johnsons im Sommer 2005! Er gab eines seiner ersten Deutschlandkonzerte bei uns. Das Konzert war bestuhlt, ca. 200 Leute waren da. Der Abend war in seiner Intensität unglaublich, zu vergleichen nur noch mit dem Konzert von Vic Chesnut Ende 2007 (→ regioactive.de erlebte dieses Konzert ganz ähnlich intensiv). In seiner Band waren u.a. Guy Picciotto von Fugazi und Musiker von Godspeed you! Black Emperor bzw. Thee Silver Mt. Zion.

Gab es auch das Gegenteil, also Bands, die ihr heute nie wieder buchen würdet?

Martin: Die gibt es! (lächelt und schweigt).

Gibt es Beispiele für ehemals noch unbekannte Bands, die bei euch gespielt haben und später voll durchgestartet sind?

Martin: William Fitzsimmons gab sein erstes offizielles Konzert überhaupt bei uns. We are Scientists gaben ihr erstes Deutschlandkonzert hier im Karlstorbahnhof. Punjabi MC war vor seinem großen Hit im Karlstorbahnhof. Konstantin Gropper von Get Well Soon spielte mit Maike Rosa Vogel als Projekt "The Grand Mirage" in unserem klub_k, das war im Rahmen einer der ersten Chop Suey Club Partys vor ca. achtzig Leuten. 

{image}Täuscht der Eindruck, dass in euren Anfangstagen durchaus öfter regionale Newcomer bei euch gespielt haben, als das heute der Fall ist? Welche Möglichkeiten bietet ihr jungen Bands aus Heidelberg, Mannheim und der Region?

Martin: Das täuscht und liegt daran, dass wir – im Gegensatz zu den Anfängen – keine Newcomer-Wettbewerbe veranstalten, sondern regionale Nachwuchsbands als Support-Bands einbinden. Wir halten nichts von Wettbewerben, in denen eine Band gegen eine andere antritt. Ein Konzert ist kein Fußballturnier, wo es "Gegner" gibt, die man zu schlagen hat. Außerdem macht es für eine Newcomer-Band mehr Sinn und Spaß als Support vor einem großen Publikum zu spielen, als bei einem Nachwuchsabend vor einer Handvoll Zuschauern.

Dieser Ansatz gefällt mir. Aber wie betrachtet ihr denn das heutige Musikgeschäft generell, insbesondere das Live-Geschehen, insbesondere auch in dieser Region? Welche Veränderungen würdet ihr euch wünschen?

Martin: Das Konzertangebot in der Region Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen ist sehr gut und durchaus vergleichbar mit dem Angebot in den "Medienstädten" Berlin, Hamburg, Köln und München. Gerade im "Clubkonzert"-Bereich spielen eigentlich alle bekannten Bands auch in der Region – und zumeist bei uns im Karlstorbahnhof. Was in Heidelberg fehlt ist allerdings eine geeignete Konzerthalle für 2000 Besucher.

Nach 15 Jahren erfolgreicher Arbeit: Gibt es Pläne für die Zukunft? Bleibt alles so, wird's anders?

Patrick: Pläne gibt es natürlich, aber vieles ist abhängig vom lieben Geld. Und was das angeht, sind wir abhängig von unseren Besuchern: Die müssen auch in Zukunft so zahlreich wie bisher zu uns kommen. Und natürlich sind unsere Spielräume vor allem auch von den Zuschüssen der Stadt und des Landes abhängig.

{image}Zum Jubiläum gibt’s ein vollgepacktes Programm. Worauf sollte man sich eurer Meinung nach ganz besonders freuen? Habt ihr einen Geheimtipp?

Patrick: Ganz besonders freuen darf man sich auf das Konzert von Get Well Soon &  Le Grand Ensemble im Königssaal des Heidelberger Schlosses. Konstantin Gropper präsentiert hier seine neue Platte nicht nur mit seiner Live-Band, sondern auch mit einem großen Streicher- und Bläserensemble. Und mit dem Support Sizarr steht eine Band auf der Bühne, die schon jetzt – ohne Plattenveröffentlichung – für mächtigen Wirbel sorgt und 2011 ganz sicher richtig groß durchstarten wird. An dem Abend kann man die zwei momentan spannendsten deutschen Bands erleben.

Eine Frage noch aus persönlichem Interesse: Martin, in unserem letzten Interview (2004) hast du gesagt, dass es ein Traum wäre, mal Tom Waits ins Haus zu holen. Wie weit bist du mit der Verwirklichung dieses Ziels vorangekommen?

Martin: Ich habe noch nicht aufgegeben...! Vielleicht gelingt es mir zum nächsten Jubiläum in 5 Jahren, wenn wir "20 Jahre Karlstorbahnhof" feiern.

Also ich würde mich freuen! Wir wünschen euch jetzt aber erstmal viel Spaß beim 15-jährigen Jubiläum und weiterhin viel Erfolg!

 

Das Jubiläumsprogramm des Karlstorbahnhof:

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