Sigur Rós: ganz nah bei den Massen

Sigur Rós: ganz nah bei den Massen © Leonard Kötters

Maßlos übertrieben. Es wäre Unsinn, zu sagen, dass alle skandinavischen Bands dicke Enden an alle ihre Songs knüpfen und zu pompösem Finale neigen. Dazu aber später.

Maßlos übertrieben. Es wäre Unsinn, zu sagen, dass alle skandinavischen Bands dicke Enden an alle ihre Songs knüpfen und zu pompösem Finale neigen. Dazu aber später.

Die Entscheidung, die isländische Gruppe Sigur Rós als letzte Band des Samstages auftreten zu lassen, wurde wahrscheinlich von Leuten getroffen, die sich der Wirkung eines guten Abschlusses für einen Festivaltag bewusst sind.

Vielleicht denken einige Leute ähnlich wie ich, dass man an diesem Tag die Umgebung der Zeltbühne ab Nada Surf ohnehin gar nicht mehr so dringend hätte verlassen brauchen. Wer dort vorher Kettcar - du liebe Zeit - anschauen wollte und nach deren erstem Song gedacht hat, dass es vielleicht besser wäre, zu Danko Jones rüberzugehen und zu hoffen, dass vielleicht wenigstens die ordentlich loslegen, hat gut daran getan. Die haben nämlich ordentlich losgelegt.

Einige haben vielleicht lange überlegt, ob sie Turbonegro oder Gus Gus ansehen sollen. Das mag nicht einfach gewesen sein. Aber grundsätzlich hat es auf der Zeltbühne doch einiges mehr zu entdecken gegeben als Guano Apes oder Coldplay, die ja nun wirklich nicht schlecht sind, aber eben wenig Besonderes aufzuweisen hatten.

Außerdem wurde meine Konzentration immer wieder von dieser großen Bühne mit dem großen Monitor auf meinen alten Freund Nick abgelenkt, der sich in seinem Übermut zum Ziel gesetzt hatte, ganz nach britischer Tradition wildfremde Leute mit Rugby-Tacklings niederzukämpfen. Es spricht für die friedfertige Stimmung der Festivalbesucher, dass er nicht mal ein blaues Auge abbekommen hat. War ja auch nur Spaß.

Gleich nach Coldplay, gegen 1 Uhr, begannen also Sigur Rós (mit Unterstützung des vierköpfigen String-Quartetts Amina) mit ihrem Auftritt. Ich hätte es ganz nett gefunden, zum Abschluss noch ein bisschen was rockiges zu sehen, habe mich aber dann in das gut gefüllte Zelt geschoben. Das hat sich gelohnt.

Es war ziemlich schnell klar, dass es hier zu einem ähnlichen Erlebnis werden könnte wie vor ein paar Jahren auf einem Festival bei Tortoise gegen 3 Uhr – obwohl sich die beiden Bands musikalisch nicht ähnlich sind. Wie damals Tortoise waren mir Sigur Rós bis dahin, von einem ziemlich langen Song im TV abgesehen, völlig unbekannt. Die Intensität aber, mit der die acht Musiker ihre Lieder präsentierten, war bemerkenswert. Hier waren Leute am Werk, die Stück für Stück immer weiter in ihr Material hereinwuchsen, und ihrem Publikum zeitgleich die Tür immer weiter öffneten – bis es am Ende einzelner Songs derartig gekracht hat, als gäbe es kein morgen mehr.

Oft benutzte Sänger und Gitarrist Jón Bor Birgisson einen Cellobogen, um sein Instrument in Schwingung zu bringen - oder einen Drumstick. Mit Keyboards, Bass, Schlagzeug, Streichern und dem hellen Gesang Birgissons, der mehr Instrument war als vokabulares Sprachrohr, entstand ein sich während der Songs langsam aufschwingender, atmosphärischer, flächendeckender Sound, der gegen Ende der Stücke im ganzen Zelt umherschwirrte, dass einem der Mund offen stehen blieb.

Wer vielleicht schon mal Motorpsycho's "The Golden Core" vom Album Timothy's Monster gehört hat, wird erahnen können, was gemeint ist. Nachdem die Musiker die letzten Stücke mit einem gewaltigen Klangteppich beendet hatten und das Publikum sichtlich ergriffen und mit großem Applaus alleine ließen, kamen sie auf die Bühne zurück und sahen so aus, als würden sie selbst nicht so richtig glauben, was sie da angerichtet hatten.

So werden oft die Konzerte zu richtigen Knallern, von denen man nichts Spezielles erwartet. Sigur Rós, so habe ich gelesen, möchten die Schönheit der Landschaft ihrer Heimat mit ihrer Musik transportieren. Wenn sie diesem Anspruch gerecht werden, muss es dort ausgesprochen zauberhaft sein.

Und natürlich ist es Unsinn, dass alle Bands aus Skandinavien alle ihre Lieder mit beeindruckendem, pompösem Finale beenden. Wenn aber erst mal eine von ihnen dazu ansetzt, dann wird auch ordentliche Qualität geboten. OK, es waren Drinks im Spiel, es war spät. Aber in ähnlichen Situationen haben es auch Motorpsycho nicht geschafft, mich zum Heulen zu bringen. Sigur Rós schon.

Alles zu den Themen:

southside sigur ros

Das könnte Sie auch interessieren