Roger Willemsen (live in Mannheim, 2010)

Roger Willemsen (live in Mannheim, 2010) © René Peschel

Roger Willemsen stellte am vergangenen Dienstag zum vierten Mal seine liebsten Jazzplatten bei Enjoy Jazz vor. Ein insgesamt vergnüglicher Abend wurde allerdings durch eine grobe Unwahrheit über Miles Davis getrübt.

{image}Roger Willemsens Plattenvorstellungen ziehen mehr Zuschauer an als die meisten Konzerte bei Enjoy Jazz und so ist die Alte Feuerwache in Mannheim bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Was veranlasst das Publikum in so großer Zahl zu erscheinen? Willemsen gibt vor, es selbst nicht zu wissen und fragt mit gespielter Ungläubigkeit: "Was machen Sie hier?" Und später amüsiert er die Zuschauer, indem er sie mit einer urchristlichen Gemeinde vergleicht, die sich in einer Krypta zusammengefunden habe. "Immerhin sind sie weg von der Straße", sagt er und alle lachen. Man kann Roger Willemsen nicht absprechen, dass er ein fesselnder Geschichten- und Anekdotenerzähler ist. Sein Enthusiasmus für Jazz ist ebenfalls echt und unverstellt. Wenn er von Coltranes spiritueller Erweckung und seiner wahnsinnigen Liebe zur Musik spricht, dann merkt man, wie sehr ihn dieser geniale Musiker fasziniert. Es ist durchaus positiv, wenn Willemsen die Gelegenheit erhält, dem Publikum etwas von seiner eigenen Leidenschaft zu vermitteln und zum Jazz-Hören anzuregen.

{image}Das Zielpublikum besteht hauptsächlich aus Menschen, die von Jazz nicht allzu viel wissen oder sich lediglich oberflächlich damit beschäftigt haben. Manche sind vermutlich nur anwesend, weil Freunde ihnen berichtet haben, dass der Roger Willemsen auf der Bühne einige lustige Geschichten erzählt. Und wirklich: Vom Spielen von Schallplatten (genauer gesagt: CDs) kann keine Rede sein: Der Auftritt besteht aus 2/3 Monolog und 1/3 Musik. Wenn es anders wäre, bliebe sicherlich die Hälfte der Stühle unbesetzt. Das Publikum will unterhalten werde – und das ist ja auch in Ordnung.

Roger Willemsen spielt daher eher kurze und Jazzfans allseits bekannte Stücke, u.a. von Charlie Parker (Parker's Mood), Lenny Tristano (Requiem), Sonny Rollins (How Are Things in Glocca Morra), Gil Evans (Big Stuff), John Coltrane (Little Old Lady), Eric Dolphy (Warm Canto), Stephane Grappelli und natürlich Michel Petrucciani (Lullaby). Gegen die Auswahl ist vieles oder nichts zu sagen, sie wurde für ein möglichst breites Publikum getroffen und enthält nichts, was Zuhörer übermäßig irrieren sollte. Aus dem Rahmen fällt lediglich das erste Stück, das Teil von Quincy Jones' grandios misslungener Bearbeitung von Händels Messias ist. Zu einem wirklichen Highlight entwickelt sich die Suche nach der kurzzeitig vermissten Sonny Rollins-CD. Willemsen war entfallen, dass er sie bereits in den Player eingelegt hat, bis er von einem Zuschauer daran erinnert wird. Das zwischenzeitliche Entsetzen, das sich fast bis zur Panik steigert, liefert den unterhaltsamsten Augenblick des Abends.

Wer etwas bewanderter in der Geschichte des Jazz ist, der entdeckt in Willemsens Monologen einige grobe Irrtümer oder manche lediglich gefühlte Wahrheit. Nein, Sonny Rollins Vol. 1 (BLP 1542) war nicht Sonny Rollins erstes oder erfolgreichstes Album, sondern sein erstes für Blue Note. Nein, Little Old Lady stammt nicht von Giant Steps, sondern von Coltrane Jazz. Giant Steps wurde außerdem 1959 aufgenommen und nicht 1957. Nein, Coltranes letztes Konzert fand nicht anlässlich der Eröffnung des "Olatunji Center for African Culture" im April 1967 statt. Und vor allem, nein, Miles Davis hatte nichts gegen Weiße im Jazz.

{image}Dieser flapsige Vorwurf an den verstorbenen Miles Davis ist ebenso ungerecht wie ärgerlich. Er ist nämlich eine absurde Erfindung, pure Einbildung, die mit der Realität nichts zu tun hat und einen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts in ein falsches Licht rückt. Kein afro-amerikanischer Jazzer arbeitete häufiger mit Weißen zusammen als Miles Davis. Die Beispiele sind Legion: Lee Konitz, Bill Evans, Gil Evans, John McLaughlin, David Liebman, Dave Holland, Keith Jarrett, Chick Corea, Bob Berg, John Scofield, Joe Zawinul – und das ist nur eine unvollständige Auflistung. Und alle diese Musiker berichteten später, dass Miles nicht die allergeringsten Vorbehalte gegen weiße Musiker gehabt habe, im Gegenteil, er musste seine Entscheidung gegen manche Kritik von Afro-Amerikanern verteidigen! In seiner unvergleichlichen Art schrieb er dazu in seiner Autobiographie: "I'm hiring a motherfucker to play, not for what color he is." Dass Miles ein ebenso engagierter wie radikaler Kämpfer gegen Rassismus war und es genoss, Weiße bei zahlreichen Gelegenheiten verbal zu attackieren und zu irritieren, ändert daran nichts.

So hinterlässt der eigentlich vergnügliche, wenn auch etwas oberflächliche Abend einen schalen Beigeschmack. Es mag manche nicht interessieren, ob ein Album vor 53 oder 51 Jahren aufgenommen wurde, aber grobe Fehlinformationen wie die Aussage über Miles Davis stellen den Sinn der gesamten Veranstaltung nachhaltig in Frage. Darüber können auch alle lustigen Geschichten und Anekdoten nicht hinwegtäuschen.

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