1000 Robota

1000 Robota © Jim Rakete

Mit ihrem ungestümen, phrasendreschenden und polarisierenden Debütalbum "Du Nicht Er Nicht Sie Nicht" begeisterten 1000 Robota vor zwei Jahren die Musikszene. Vor kurzem veröffentlichten die drei Hamburger nun ihr zweites Werk "Ufo". Unser Redakteur Daniel Voigt traf Sänger und Gitarrist Anton Spielmann und Schlagzeuger Jonas Hinnerkort in Berlin und sprach mit ihnen über ihr neues Album, Erwartungshaltungen, Rebellion und Verantwortung.

{image}regioactive.de: Euer neues Album heißt Ufo. Wie kamt ihr auf diesen Titel?
Anton Spielmann: Ich glaube, dass der Name als Begriff in der Form gar nicht so viel Raum für Interpretationen bietet. Wir suchten nach einem Wort, das eine bestimmte Ästhetik hat. Ufo kann ein Begriff sein, dem etwas Magisches und Unbeholfenes innewohnt. Man weiß zwar nicht genau, was ein Ufo ist, aber die Vergangenheit hat uns dennoch schon oft Bilder und Interpretationsflächen davon gegeben. Zudem hat uns gefallen, dass dieses Wort einfach gut auszusprechen und kurz und knapp ist.
Jonas Hinnerkort: Das Wort hängt angenehm und schön in der Luft. Man denkt, es ist ein hipper Begriff, aber eigentlich ist er es gar nicht.

Ufo ist für mich ein ganz undeutlicher Begriff.

Anton: Es ist ein vernebelter Begriff. In dieser Undeutlichkeit steckt seine Magie. Man hört "Ufo" und denkt sofort an eine Untertasse, aber man weiß nicht, wie man das Wort greifen soll.

Was hat sich gegenüber eurem Debütalbum verändert?

Anton: Das ist schwierig. Es hat sich für uns vor allem persönlich einiges getan. Wenn wir Musik machen, sind wir recht nahe an uns selbst, weil es nie ein Thema für uns war, irgendwelche Inspirationen von anderen Musikern zu klauen. Musik war immer etwas, das uns zeigte, wo wir schon immer hin wollten. Zu uns selbst zurück. Das war uns diesmal noch präsenter.

Jonas: Es war in der Hinsicht eher eine Entwicklung als eine Veränderung. Ein Prozess, der damals begann und jetzt fortgesponnen wird.

{image}Wie seid ihr damals mit dem Hype umgegangen und wie hat sich das heute verändert? Wie geht ihr mit Erwartungshaltungen um?

Anton: Musik ist für uns etwas ganz Persönliches und das wollen die Leute haben: Musiker, die Persönlichkeit haben. Wir gehen nicht wirklich auf Erwartungshaltungen ein, für uns gibt es in der Form diesen Erwartungsdruck nicht. Wir müssen damit nicht arbeiten, es lenkt nur ab und es ist im Grunde etwas, was die Leute nicht interessiert. Wir sind Künstler, wir sind Musiker, wir machen das, was wir machen. Und dafür sind wir bekannt und öffentlich relevant geworden.

Inwieweit spielt in dieser Hinsicht Rezeption für euch eine Rolle?

Anton: Wir gucken uns das nicht an. Für uns ist das kein Bestandteil. Das ist Öffentlichkeit, die für den Konsumenten zählt. Für den, der die Berichterstattung macht. Für den, der sich für die Band interessiert. Wir sind nicht so egoistisch und narzisstisch, dass wir uns so präsent für uns selbst interessieren und permanent nachvollziehen müssen, was wie und wo was passiert oder über uns geschrieben wird. Man freut sich natürlich, wenn man in den Lesercharts hoch im Kurs steht, aber das sind Sachen, über die man sich kurz freuen kann, aber dann auch wieder vergisst. Aber wenn man darüber nachdenkt, was die Leute erwarten, dann ist das schon eine Überlegung zu viel. Da sollte sich der Künstler von frei machen.

Es gibt einen Song namens Reiß Dich Zusammen, wo ihr euch im Text rechtfertigt, wie ihr seid und wie ihr singt.

Anton: Ja, aber das ist eher ein Psychomodell, was ich für mich selbst erarbeitet habe. Das hat vielmehr mit mir selbst zu tun. Mit dem Kampf in mir selbst, wenn ich mich frage, ob es in Ordnung ist, wenn ich so singe. Denn vielleicht würde ich auch gerne so singen wie Cat Power. Aber im Endeffekt singe ich so, wie ich nun einmal singe und das finden die Leute entweder gut oder nicht. Die Quintessenz der ganzen Sache ist, dass man sich nicht unbedingt gegenüber den Leuten, sondern vor allem gegenüber sich selbst rechtfertigen muss. Dass man das machen soll, was man machen will. Und das man so singen soll, wie man singen will.

Wie würdet ihr eure Musik in eigenen Worten beschreiben?

Anton: Das kann man nicht. Das ist eine Frage, die wir nicht beantworten, weil es unmöglich ist und einen auch in der Magie, die diese Band umtreibt, einengt. Wir sind nicht diejenigen, die darüber entscheiden, wie diese Platte klingt. Das sind die Leute, die die Musik hören. Die sollen sich hinsetzen und schauen, ob es ihnen gefällt oder nicht, ob das Indierock, ob das Progrock, Heavy Metal oder Krautrock ist. Das ist etwas, was nicht in unserer Hand liegt und in dieser Hinsicht werden wir uns auch auf keinen Fall einengen. Das wäre fatal und würde das Konzept stören.

Ihr kommt aus Hamburg. Welchen Einfluss hatte die Hamburger Schule auf euch?

Anton: Die Band Tocotronic war für uns aus dem Grund eine ausschlaggebende Band, weil der Sänger Dirk von Lowtzow mit seinen Texten und die Attitüde der Band einen von dem ganzen Schmutz, der an einem klebt und auch von der tatsächlichen Erwartungshaltung, die sich im gesellschaftlichen Leben widerspiegelt, gelockert hat. Es hat geholfen, sich künstlerisch zu entfalten. Soundmäßig habe ich ja schon vorhin erklärt, dass das bei uns schwer zu erklären ist, weil wir im Endeffekt jedes Mal, wenn wir uns die Instrumente umhängen, sowieso machen, was wir wollen. Wenn die Ästhetik und die Magie da ist und man das Gefühl hat, dass es das Richtige ist, was man macht, dann wird das auch gemacht. Egal, ob es nun ein Rock-Riff oder der verschrobenste, dreckigste Blödsinn ist. Was die Hamburger Schule angeht: Die gibt es ja nicht mehr wirklich. Genau wie es in dieser Form auch keinen so präsenten Kult unter den Massen mehr gibt. Die Subszene der Subszenen existiert in der Form nicht mehr als Bewegung. Da gab es zu viele Modelle. Die Jugendlichen identifizieren sich mit anderen Sachen als mit Kulturen, die sie binden, weil so etwas oft bedeutet, dass man dort nicht mehr rauskommt und sich einengt.

Das Coverbild hat Jim Rakete gestaltet und die Produktion des Albums hat diesmal ein Member der Goldenen Zitronen mit übernommen. Das sind sehr erfahrene Künstler. Haben die euch mit ihrem großen Erfahrungsschatz geholfen?

{image}Anton: Die Zusammenarbeit entstand durch verschiedene Faktoren. Erst einmal war es für uns natürlich eine große Freude zu einem Kostensatz in ein Studio zu können, der für eine Zeit bezahlbar ist, die unbeschränkt ist. Zudem hatten wir das Glück, dass diese Leute mit uns sehr kommunikativ zusammengearbeitet haben und wir viel über die Sachen gesprochen haben, ohne dass es uns zu etwas zwang. Dabei halfen sie uns auch technisch das durchzusetzen, was in unseren Köpfen schlummerte.

In euren Songs lehnt ihr euch oft gegen verschiedene Dinge auf und versucht zu rebellieren. Wie würdet ihr den Begriff "Rebellion" definieren?

Anton: Normalerweise sind wir alle Fantasievögel, die herum fantasieren, wie schön es doch wäre, wenn alles schön wäre. Mit dem "Nein!" zum "Nein!" und dem "Ja!" zum "Nein!" löst man sich von dieser eigenen Dummheit der Strenge zur Liebe. Denn das ist ein ganz fataler Ansatz, da man gar nicht mehr richtig aufgehen kann, wenn man sich so einengt. Rebellion und Anarchismus haben oft fatale Folgen, aber diese zeigen schön, – und das finde ich das Faszinierende – dass man, wenn man einmal hinfällt, auch immer wieder aufstehen kann. Und ich finde es spannend, dieses Authentizitätsgefühl, dass da oft mit drin steckt, mitzuerleben.

Gegen was kann, soll oder muss man heute rebellieren?

Anton: Ich denke, der Kapitalismus spielt in solchen Überlegungen eine große Rolle, da er viele Dinge zu einem großen Haufen Scheiße verwandelt. Dazu kommt, dass Gier einen großen Anteil am Kapitalismus hat und ich eben beide Dinge als sehr negativ werte. Leider sind aber dennoch viele Leute sehr gierig. Ansonsten sehen wir es auch nicht als unbedingt gegeben an, dass der Mensch den Nächsten liebt. Die Liebe zur Bodenständigkeit ist ein ganz altmodischer Parameter, dass uns das Leben in der Vision anscheinend etwas glücklicher machen soll. Ob das aber so ist, ist eine andere Frage.

Inwieweit spielt bei Rebellion Provokation eine Rolle? An einer Stelle singt ihr ja "Lieber mache ich mir tausend Feinde als falsche Freunde".

Anton: Provokation ist dieses Auf-Die-Schnauze-Fallen. Ich finde, das braucht man und ist Bestandteil von Hass und Verneinung, von Wut, Ärger und Ergötzung.

Ein anderes Thema auf eurem Album ist die Verantwortung. So singt ihr an einer Stelle "Geh nicht zu weit, damit du dich selber noch stoppen kannst". Was ist Verantwortung für euch und gegenüber wem oder was müsst ihr Verantwortung tragen?

Anton: Ich denke, Verantwortung tragen wir gegenüber der Popkultur, gegenüber der Unterhaltungskultur und gegenüber den Medien als öffentliche Person. Das ist in unserer heutigen Zeit wahnsinnig wichtig, wird aber leider immer wieder vernachlässigt. Gerade solche Themen, die sich damit beschäftigen, was in der Musikindustrie passiert, wie man mit Veränderungen in dieser Branche umgeht oder der immer geringer werdende Umsatz von CD- und Schallplatten-Verkäufen. Wir legen Wert darauf "Nein" zu sagen und den Leuten nichts vorzumachen. Den Leuten zu sagen, dass man natürlich auch noch an der Bar arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen. Ich hatte neulich ein ganz gutes Gespräch mit jemandem. Ich arbeite in einem Hamburger Club und da teilweise auch an der Bar und es kam ein junger Mann auf mich zu, der zwei Gin Tonic bestellte und daraufhin erstaunt fragte, ob ich denn nicht Anton Spielmann sei. Ich bejahte und er fragte, warum ich denn hier arbeiten würde. Ich fragte zurück, ob er unsere Musik höre und er bejahte ebenfalls und lobte unsere Platte. Dann fragte ich, ob er die sich gekauft hat. Ab da verlief ihm das Lachen zu einem komischen weiß geperlten Gesicht und er schaute sich verlegen um. Und da habe ich zu ihm nur gesagt, dass es genau der Grund ist, warum ich hier stehe und arbeite und bin weggegangen. Ich bin fest davon überzeugt, dieser Typ wird sich nun die nächste Platte kaufen. Tatsache ist leider, dass die Leute, die Presse und die Plattenlabels ein falsches Bild zeigen. Sie glauben, dass sie zukunftsorientiert denken, wenn sie auf den Live-Markt setzen, aber verleugnen die Musik und die Tonträger.

Das Ideal, dass Musiker nicht arbeiten müssen, scheint ja schon seit Jahren nicht mehr zu gelten.

{image}Anton: Ja, das Ideal ist schlichtweg nicht mehr vorhanden. Das ist total verhaftet, weil die Leute verhaftet sind. Weil die Leute an ein Bild glauben, dass sie nicht anders kennen und auch nicht anders kennen wollen. Sie denken, dass sie als Musiker etwas Besonderes sind. Das ist man zwar auch, aber man kann verdammt noch mal trotzdem wie jeder andere auch an der Bar arbeiten. Letztens habe ich zum Beispiel von einem Schauspieler gehört, dass man nicht mehr als Statist arbeiten darf, wenn man eine Schauspielerausbildung gemacht hat und hier und da schon einmal einen Fernsehauftritt hatte. Solch einen Narzissmus empfinde ich als untragbar. Man geht damit ein, denn wie und womit willst du denn leben? Wir brauchen zum Leben genauso viel Klopapier und Brot wie jeder andere Mensch auch. So sitzen wir gerade hier und fahren höchstwahrscheinlich einen Verlust mit diesem Konzert ein. Wie es zigtausend anderen Bands auch ergeht.

Habt ihr Ideen, wie man junge Musiker und Künstler besser promoten und unterstützen kann?

Anton: Ein Musiker muss heutzutage mehr als ein Musiker sein. Er muss die Fähigkeit haben, Verantwortung über das gesamte Projekt zu übernehmen. Er muss in der Lage sein, einerseits die geschäftliche Situation abzuwägen, dann zu arbeiten und schlussendlich auch noch seine Kunst gut zu machen. In letzter Zeit neigt es immer mehr dazu, dass Bands von Fans oder Leuten finanziell unterstützt werden, die von der jeweiligen Musik überzeugt sind und vor allem selbst viel Geld besitzen.

Letzte Frage: Was haltet ihr allgemein von der deutschen Musikszene?

Anton: Wir kennen die deutsche Musikszene nicht. Wir sind eine Band, die auf deutsch singt, weil wir diese Sprache können und weil uns die anderen Sprachen zu befremdlich sind, um wirklich mit den Worten arbeiten zu können. Wir sind keine deutsche Musikszene. Wir identifizieren uns weder mit diesem Land, noch mit der Kultur. Wir haben damit nichts zu tun. Wir denken da global.

Dann vielen Dank für dieses Interview!

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