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Jan Garbarek & The Hillard Ensemble © Paolo Soriani / ECM Records

Der Auftritt von Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble in der Heidelberger Heiliggeistkirche sollte einer der ersten Höhepunkte des Enjoy Jazz Festivals in diesem Jahr werden. Die außergewöhnliche Mischung aus alter Vokalmusik und Improvisationen auf dem Saxophon versprach ein spannendes Erlebnis zu werden. Leider ließ sich ein großer Teil des Publikums davon nicht überzeugen und zeigte das auch mehr als deutlich.

Die Heiliggeistkirche in Heidelberg hat bereits viele Dinge gesehen. Bis zum Dreißigjährigen Krieg war sie Hort der wohl wertvollsten Bibliothek diesseits der Alpen, der Bibliotheca Palatina. Die Emporen, auf denen einst Bücherschränke und Lesepulte standen, und die Mischung aus gotischen und barocken Bauelementen schaffen ein einzigartiges Bauwerk. Bis 1936 trennte eine Wand den Chor von der restlichen Kirche ab, da sich katholische und evangelische Gläubige die Kirche teilten.

Eine perfekte Kulisse also für den Auftritt des norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek zusammen mit dem britischen Hilliard Ensemble. Das Ensemble, bestehend aus Countertenor David James, den Tenören Steven Harrold und Roger Covey-Crump und Bariton Gordon Jones, stellte mit Garbarek das neue Album der Formation, Officium Novum, vor. Das Werk ist die dritte Veröffentlichung nach Officium aus dem Jahr 1994 und dem Doppelalbum Mnemosyne von 1999. Officium, auf dem Garbarek zum ersten Mal zur Vokalmusik das Hilliard Ensembles auf dem Saxophon improvisierte, hat sich bis heute mit über 1,5 Millionen verkauften Einheiten zur erfolgreichsten Veröffentlichung des Labels ECM gemausert.

Auf Officium Novum, im September erschienen, stehen traditionelle armenische Lieder im Vordergrund. Daneben sind aber auch Kompositionen des estnischen Komponisten Arvo Pärt sowie von Jan Garbarek selbst enthalten. Das Konzert in der Heidelberger Heiliggeistkirche zu Beginn des Oktobers ist eines der wenigen, auf denen Officium Novum in Deutschland live vorgestellt wird. Schon alleine in dieser Hinsicht ist der Abend im Rückblick traurig, denn während des gesamten Abends ist das Publikum merkbar unruhig. Dass Holzstühle und Kirchenbänke knarzen, ist keine Neuigkeit. Nicht still sitzen zu können und andauernd mit den Stühlen laut rumzurücken, dagegen schon. Lautes Husten hallt immer wieder durch die Kirche. Man könnte auch kurz etwas trinken, aber scheinbar ist es besser, mehrere hundert Menschen zu stören. Der lautstarke Streit eines Pärchens auf der Empore setzt dem Ganzen die Krone auf: "Genieß es doch einfach!", hört man laut flüstern; kurz darauf laute wütende Schritte die Steintreppe hinunter. Bei jedem anderen Konzert wäre diese ganze Unruhe nicht weiter tragisch, schließlich übertönt die Lautstärke der Musik sonst alles andere. Hier sieht die Sache aber etwas anders aus.

Es gibt schließlich nur vier Sänger und ein Saxophon, ohne Unterstützung von Lautsprechern, die durch die Akustik des Raumes getragen werden. Schon allein deshalb ist eine gewisse Vorsicht mehr als sonst gefragt. Aber in Zeiten, in denen Menschen Rockkonzerten schon nicht mehr folgen können, ohne sich nebenher lautstark über Nichtigkeiten zu unterhalten, sind die leisen Klänge der fünf Musiker natürlich eine schwere Prüfung. Dass die Musik von Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble zudem noch wenig Höhepunkte besitzt und eher einem musikalischem Fluss gleicht, macht den Abend noch anspruchsvoller und fordert daher Geduld, die Viele scheinbar nicht mehr besitzen. Deutlich zeigt sich das in der ersten wirklichen Pause nach einer ganzen Stunde. Hatten die fünf Musiker zuvor ihre Lieder ohne Unterbrechung vorgetragen, gibt es jetzt die Möglichkeit zum Klatschen, die ein Teil des Publikums zur Flucht aus der Kirche nutzt. Selbstverständlich in einer Lautstärke, die sogar das Klatschen übertönt.

{image}Was sie aber verpassen! Der Gesang des Hilliard Ensembles stößt in andere Sphären vor und zieht den Hörer dorthin mit. Jan Garbarek dagegen bietet die Erdung an und holt die Entschwundenen mit seinen Klängen wieder zurück. Man kann beinahe die Schallwellen durch den Innenraum ziehen sehen. Dazu gesellt sich das Lichtspiel in den Bögen. Durch das bunte Glas scheint Licht von draußen herein und untermalt die Vokalmusik des Ensembles. Nach einiger Zeit folgt eine zweite Pause und ein zweiter Menschenstoß verschwindet so schnell wie möglich aus der Kirche. Scheinbar will keiner der Fliehenden noch im Raum sein, wenn die Musiker wieder im Chor stehen. Auch sie verpassen wieder eine eindrucksvolle Darbietung, denn zum Abschied ziehen Garbarek und das Hilliard Ensemble durch die Kirche und spielen bzw. singen dabei weiter. Mit jedem Schritt verändert sich der Klang und die Lautstärke, die tolle Akustik der Kirche wird dem verbliebenen Publikum deutlich. Was hätte es für ein Abend werden können.

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