Marina & the diamonds (live in Baden Baden, 2010)

Marina & the diamonds (live in Baden Baden, 2010) © René Peschel

Seit 1994 lädt der SWR3 alljährlich nach Baden-Baden zum New Pop Festival und verwandelt dadurch den mondänen Kurort in eine Bühne für aktuelle Popmusik. Die Stadt nutzt die Gelegenheit, um sich als "New Pop City" selbst zu feiern und sich Besuchern aus nah und fern von einer ganz ungewohnten, jugendlichen Seite zu präsentieren.

{image}Marina Diamandis, besser bekannt unter dem Namen Marina & the Diamonds, ist fraglos eine der interessantesten Newcomer des Jahres. Die Sängerin griechisch-walisischer Abstammung beeindruckt zunächst durch ihre kraftvolle, variable Stimme, die keineswegs so glatt und hochglanzpoliert ist, wie man es bei vielen aktuellen Popsängerinnen findet. Stattdessen signalisiert ihr Gesang, dass Marina nicht gewillt ist, ihre Ecken und Kanten zu verbergen, sondern sie im Gegenteil als ihr Markenzeichen behandelt. Wirklich bemerkenswert wird ihr Auftritt jedoch durch die zahlreichen hochkarätigen Songs, die sowohl eingängige Melodien, als auch vielschichtige Texte vorweisen können. Während die meisten Lieder auf ihrem Debütalbum The Family Jewels durch die etwas zu knallige Elektro-Pop-Produktion in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden, gelingt es Marina sie im Konzert mit einer exzellenten Band hervorragend zur Geltung zu bringen.

{image}Die düstere Bestandsaufnahme einer Beziehung in I Am Not A Robot gelingt dadurch ebenso wie die nicht minder desillusionierende Abrechnung mit dem Traum vieler Frauen, in Hollywood zum Star zu werden. Es verdeutlicht die große Klasse dieser Lieder, dass sie auch ohne Kenntnis des Themas hervorragend funktionieren – sie gewinnen allein durch nähere Betrachtung an Substanz und Gewicht. Marina besitzt die seltene Gabe, komplexe Themen in leicht zugänglichen Popsongs zu verarbeiten und sie dem Publikum mit viel Charakter und Temperament zu präsentieren. Damit weckt sie große Erwartungen, die sie hoffentlich im Verlauf ihrer künftigen Karriere einlösen kann.

Für einen weiteren Höhepunkt sorgt die hierzulande nur wenig bekannte Amanda Jenssen. Die Gewinnerin einer schwedischen Castingshow verblüfft das Publikum mit ihrem ausdrucksstarken Gesang und einer energiegeladenen Show, die eine längst vergangene Epoche der Popmusik wiederaufleben lässt. Anstatt ihre Songs in elektronischen Effekten zu ertränken oder gnadenlos zu übersingen, orientiert sich Jenssen an den Tugenden des Swing und der klassischen Popmusik des 20. Jahrhunderts. Ihre Band bestehend aus Klavier, Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre, Posaune und Trompete schafft gekonnt musikalische Räume, die dazu dienen, Jenssens Stimme effektiv zu inszenieren. Das Ziel besteht nicht darin, stets am Anschlag zu spielen, sondern die individuellen Klangfarben der Instrumente und die Möglichkeiten des Zusammenspiels zu nutzen, um Dynamik und Tempo zu variieren. Da Amanda Jenssen Uptempo-Songs genauso überzeugend vorträgt wie Balladen, vermag sie sich als erstaunlich reife Künstlerin zu präsentieren, die es versteht, das Publikum in ihre abwechslungsreiche Show einzubinden und dadurch zu begeistern.

{image}Im Gegensatz dazu zeigt sich Ellie Goulding als talentierte Künstlerin, die jedoch ihren Weg noch nicht wirklich gefunden hat. Ihre Stimme erinnert an große Sängerinnen wie Kate Bush oder Joanna Newsom, es fehlen ihr allerdings die herausragenden Songs mit Wiedererkennungswert. Durch die Verwendung elektronischer Elemente zusätzlich zur klassischen Besetzung einer Popband macht ihre Musik häufig einen überfrachteten Eindruck. Goulding besitzt genug stimmliche Ausdruckskraft und Charme, um das Publikum für sich zu gewinnen, aber was ihr fehlt sind gewichtige Songs, die ihre Stärken auch zur Geltung kommen lassen. Das verdeutlicht der unbestrittene Höhepunkt des Konzertes, nämlich ihr gefühlvolles Duett mit der amerikanischen Sängerin Lissie und Patty Griffins hervorragendem Making Pies. Lieder dieser Qualität hat Goulding ansonsten noch nicht in ihrem Repertoire.

Weitere Berichte vom SWR3 New Pop Festival:

{image}Fotogalerien: Das SWR3 New Pop Festival 2010 in Baden-Baden:

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