Das Berlin Festival 2010 auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof: Die Veranstalter zogen "eine ambivalente Bilanz", was die meisten Besucher ähnlich sahen.

Das Berlin Festival 2010 auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof: Die Veranstalter zogen "eine ambivalente Bilanz", was die meisten Besucher ähnlich sahen. © regioactive.de

Zum Abschluss der ersten Berlin Music Week fand am vergangenen Wochenende das Berlin Festival statt. Wenn selbst die Veranstalter "eine ambivalente Bilanz" ziehen, dann muss gehörig der Wurm drin gewesen sein. Eine Rückschau unseres Redakteurs Daniel Voigt.

{image}Zum Abschluss der ersten "Berlin Music Week" fand am vergangenen Wochenende das fünfte Berlin Festival statt, zum zweiten Mal auf dem Airport Tempelhof. Fünf Bühnen sollten bespielt und an beiden Tagen des zweitägigen Festivals bis zum frühen Morgen gefeiert werden. Doch daraus wurde nichts. Das Festival wurde von einem Abbruch am Freitag und enormen Veränderungen sowie Kürzungen im Zeitplan des Samstagprogramms überschattet. In einem offenen Brief "an die Besucher des Berlin Festivals" vom 14.9.2010 nehmen die Veranstalter wiederholt Stellung zu den Ereignissen und der Fehl-Organisation, nachdem man bereits den gesamten Samstag über in Stellungnahmen an die Presse und auf Plattformen wie Facebook versucht hatte, die Gründe des Abbruchs und der Umstellungen im Line-Up zu erklären.

{image}Nachdem sich die Veranstalter schon im letzten Jahr dafür gerühmt hatten, dass das Berlin Festival ein Openair-Festival sei, bei dem alle Bühnen überdacht und regendicht seien, wollte man dieses Konzept auch in diesem Jahr wieder umsetzen. Allerdings unter veränderten Bedingungen. So war die Hauptbühne nicht mehr in einem der Hangars untergebracht, sondern befand sich unter dem Vordach des Airports, während sich zwei größere Nebenbühnen im Hangar 4 und 5 befanden. Dazu gab es noch eine Mobile Disko auf einem motorisierten Gepäckwagen sowie den Club Floor Berlin an dem Ort, wo letztes Jahr noch einer der Nebenbühnen aufgebaut worden war.

Während die Hauptbühne nur bis 23:30 Uhr bespielt wurde, sollte das Programm auf den anderen Bühnen an beiden Festivaltagen jeweils bis in die frühen Morgenstunden andauern. Allerdings wurden schon zu Beginn des Festivals erste Fragen laut, wie das publikumstechnisch eigentlich hätte funktionieren sollen, da beide Hangars jeweils nur eine deutlich kleinere Anzahl von Zuschauern (Gesamtbesucher: über 20.000) aufnehmen konnten – nur kurz nach dem letzten Hauptbühnen-Act des ersten Abends, den Editors, waren beide Hangars bereits sehr gut bis komplett gefüllt. So wollten viele Fans z.B. Caribou sehen, kamen aber schon zu dem vergleichsweise frühen Zeitpunkt nicht mehr zu der entsprechenden Hangar-Stage hinein.

{image}Wohin sollte also das Publikum nach den Editors wandern, wenn nicht in die gefüllten Hangars, zur Mobile Disco und dem Club Floor? Das konnte kaum gut gehen, denn die Rechnung lautete offenbar, dass die meisten Zuschauer nach den Editors sowieso den Heimweg antreten würden. Das taten sie nicht, denn rundherum war unter den Besuchern die Vorfreude auf Fatboy Slim zu spüren und artikuliert worden. Und so kam es dann auch zum vorgezeichneten Chaos: An den sowieso schon viel zu engen Eingangsschleusen zu den Hangars stauten sich die Zuschauer. Dieser Umstand führte zum gesamten Abbruch der Veranstaltung, nicht etwa die Überfüllung innerhalb der Hangars selbst, wie der Veranstalter später betonte.

Nicht nur der Umstand, dass die Fans nicht verstanden, warum sie Geld für Bühnen bezahlt hatten, zu denen sie faktisch keinen Zugang hatten, führte zu deutlichen Beschwerden der Festivalbesucher, die nach der Verkündung des Abbruchs vereinzelt sogar Bierbecher auf die Bühne warfen und die Entscheidung mit Buhrufen begleiteten. Den Samstag Vormittag nutzen viele, um sich online mit Beschwerden Luft zu machen, zu denen der Veranstalter kaum ausführlich Stellung beziehen konnte, da man bereits entschieden hatte, auch das Samstagsprogramm zu kürzen und nun mit aller Macht versuchte, ein Not-Line-Up zu gestalten. Auch der Samstag sollte nun um 23:30 Uhr und damit fast zeitgleich auf allen Bühnen beendet werden, um nicht wieder in die Gefahr zu geraten, dass sich Staus vor den Eingangsschleusen bilden. Die Entscheidung am Freitag Abend selbst mag richtig gewesen sein, doch dem ging eine eindeutige Fehlplanung und -Einschätzung zuvor. 

{image}Bem dem ganzen Wirrwarr darf aber auch nicht vergessen werden, dass einige Bands für echte musikalische Höhepunkte gesorgt hatten, und mit Aktionen und Gastsängern das Publikum zu überraschen wussten. So zum Beispiel Adam Green, der den ehemaligen Kinderstar Maucaulay Culkin ("Kevin allein zu Haus", "Richie Rich") auf der Bühne begrüßte und mit ihm im Duett den Scorpions-Song Wind Of Change coverte. LCD-Soundsystem, die die Massen mit ihrem Elektropop zum Tanzen brachten. Herman Dune, die sich vor Zugabe-Rufen kaum retten konnten und die überschneidend auf der Hauptbühne aufspielenden Editors blass aussehen ließen. Atari Teenage Riot, die erstmals nach 11 Jahren wieder in Berlin auftraten. Chilly Gonzales, der das Publikum mit einer Pianoshow begeisterte. Boys Noize, der die Zuschauer mit Technobeats zum Ausrasten brachte. Hot Chip, die mit ihren einschmeichelnden Melodien für etwas Versöhnung bei all denen sorgten, die immer noch wütend auf das Organisationschaos des diesjährigen Festivals waren.

Dennoch: Die Ernüchterung und Enttäuschung über den Festivalabbruch des ersten Tages und die Zeitplanverkürzung des zweiten Tages sowie die mangelhafte Organisation im Allgemeinen obsiegte. Es gilt nun, die richtigen Lehren aus dem diesjährigen Chaos beim Berlin Festival zu ziehen.

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