Die Hauptbühne beim Chiemsee Reggae Summer

Die Hauptbühne beim Chiemsee Reggae Summer

Vom 27. bis 29. August fand wieder der Chiemsee Reggae Summer im schönen Übersee in der Idylle der Chiemgauer Alpen statt. Mit mehr als 75 Acts und Soundsystems und über 29.000 Gästen avancierte der CRS 2010 endgültig zum größten Reggae-Festival Europas. Auch wenn anstatt bei Sonne im Chiemsee eher bei Regen und im Schlamm gebadet wurde, war das dreitägige Openair-Festival, bei dem mit den beinahe dreißigtausend Gästen übrigens auch ein neuer Besucherrekord aufgestellt werden konnte, ein voller Erfolg.

{image}Zum mittlerweile 16. Mal seit der Urveranstaltung 1995 pilgerten auch 2010 wieder tausende Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ins Reggae-Mekka Übersee, um sich zahlreiche nationale und internationale Künstler aus den Bereichen Reggae, Ska, HipHop und Dancehall auf dem Chiemsee Reggae Summer (CRS) zu Gemüte zu führen. Neben den Headlinern Gentleman, Alpha Blondy, Fettes/Brot, Mono & Nikitaman, Culcha Candela und Samy Deluxe  überzeugte der diesjährige CRS mit weiteren Specials wie dem bayerisch-jamaikanischen Biergarten, einem bunten Bazar, der zum Bummeln, Schmökern und Schnäppchenkaufen einlud, sowie einer "Chill & Grill"-Area, bei der man zu Dancehall- und Reggae-Sounds preisgünstig Fleisch, Fisch und Gemüse erwerben und grillen konnte.

Der Festival-Freitag

{image}Nachdem am Donnerstag bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad Hitze die meisten Festivalbesucher bereits angereist waren und ihre Zelte aufgeschlagen hatten, ging es am Freitag dann mit dem offiziellen Programm und Nieselwetter beim Chiemsee Reggae Summer in die erste Runde. Eröffnet wurde das Spektakel recht ungewöhnlich von der Überseer Blasmusik, die beim Festival gleichzeitig ihr 200-jähriges Bestehen feierte und von den Fans trotz eher rustikalem Sound frenetisch begrüßt wurde.

Gegen Abend trat dann der deutsche Roots-Reggae-Musiker Martin Jondo mit Band auf die Hauptbühne, dessen Debütalbum Echo & Smoke ihn 2006 bereits in die Höhen des deutschen Reggae-Himmels katapultierte. Mit Akustik-Gitarre bewaffnet zeigte der Berliner, dass man auch ohne Rastafrisur extrem gute Reggae-Musik zaubern kann und begeisterte damit die tobende Menge. Spätestens beim Hit Rainbow Warrior sangen alle Festivalbesucher lautstark mit und das Lied avancierte im Laufe des Wochenendes zur wahren Festivalhymne – noch bis spät in die Nacht konnte man die Gesänge auf dem Campingplatz hören. Fazit: In Übersee ist Helga schon lange tot, der Rainbow Warrior aber lebt.

{image}Um 23.30 Uhr konnten man sich auf einen weiteren deutschen Reggae-Künstler freuen, der es mittlerweile ganz nach oben geschafft hat – Gentleman. Auf dem CRS präsentierte der Kölner sein fünftes Studioalbum Diversity sowie den neuen Song To the Top, der bei den Rasta-Freunden sehr gut ankam. Gentleman lieferte eine überzeugende Show, spielte aber leider nur eine Stunde, was vielleicht auch an dem starken Regen lag, der mittlerweile einsetzte. Dafür wurde die Menge am Ende noch mit der Hymne Dem Gone als Zugabe belohnt.

Bei strömendem Regen zog es einen Großteil der Festivalbesucher um 2:45 Uhr schließlich zur Zeltbühne, wo ein trockenes Plätzchen sowie der Geheimtipp Shantel & the Bucovina Club Orkestar mit modern interpretierter osteuropäischer Tanzmusik auf die nasse Masse wartete. Der Balkan-Pop von Shantel schlug ein wie eine Bombe: Als der Mega-Hit Disko Partiziani angestimmt wurde, gab es kein Halten mehr und die Menge rastete endgültig aus. Zu heftigstem Orkestar-Getöse wurde noch bis in die frühen Morgenstunden gesungen und getanzt, bis der Schweiß von der Festzelt-Decke tropfte. Was für eine Nacht.

Der Festival-Samstag:

{image}Am Samstag wurden die campierenden Festivalbesucher von starkem Regen und herannahenden Baggern geweckt, die massenweise Rindenmulch ankarrten. Das Festivalgelände hatte sich über Nacht nämlich in eine rießige Schlammgrube verwandelt, auf dem kaum noch ein Stückchen Gras zu sehen war. Gummistiefel und Müllsack-Cape waren Pflicht, wollte man diesen Tag einigermaßen trocken überstehen. Manche Festivalbesucher verzichteten aber auch ganz aufs Schuhwerk und spazierten einfach barfuß durch den Matsch; wieder andere gönnten sich morgens erst einmal eine ausgiebige Schlammdusche.

Künstler wie Rubber Cell, Jamaram und Jahcoustix hatten leider Pech, denn bei ihnen versammelte sich aufgrund des Sauwetters am Vormittag nur eine kleine Menge hartgesottener Fans vor der Hauptbühne. Dies änderte sich dann beim Jamaikaner Fantan Mojah schlagartig: Nachdem der Regen endlich aufgehört hatte, sangen tausende Festivalbesucher zu den melodischen Chants des gläubigen Rastas, der in seinen Liedern Probleme wie Drogen, Gewalt und Korruption thematisiert und positive Vibrations verbreitete.

{image}Gegen Abend setzte sich dann die Sonne durch und es gab ein paar warme Sonnenstrahlen für die durchnässten und durchgefrorenen Besucher. Vielleicht freute sie sich aber auch auf Culcha Candela, die ihren Hit Sommer im Kiez mit im Gepäck hatten. Die siebenköpfige Truppe aus Berlin, die eher dem Mainstream zuzuordnen ist, redete allerdings mehr als dass sie sang und bot so nur eine mittelmäßige Show. Auch dass statt einer Live-Band nur Background-Musik vom Band geboten wurde, war enttäuschend. Fettes Brot hingegen machten alles richtig: geile Band, geiles Outfit und genau der richtige Mix zwischen guter Musik und Publikumsanimation – so überzeugten die Hamburger auf dem Chiemsee Reggae Summer. Neben Klassikern wie Nordisch by Nature, Jein und Schwule Mädchen, gab es auch aktuellere Songs wie Emanuela, Erdbeben und Bettina auf die Ohren und die Stimmung war so gut, dass der Menge selbst der wiedereinsetzende Regen nichts mehr ausmachte.

Der Festival-Sonntag

{image}Am Sonntagmorgen gab's mal wieder – wer hätte es gedacht – Regen. Ins Wasser fiel außerdem der Auftritt von The Wailers, die aus unbekannten Gründen ihr Konzert auf dem Chiemsee Raggae Summer kurzfristig absagten. Die Gruppe um die verstorbene Raggae-Ikone Bob Marley wollte auf dem CRS eigentlich das live zuvor noch nie performte Exodus-Album darbieten – dass es dazu nicht kam, war eine echte Enttäuschung! Stattdessen sprang Festival-Moderatorin Marlene Johnson (selbst eine bekannte Reggae-Sängerin) und House of Riddim ein, die ihre Sache zwar gut meisterten, aber leider keinen ebenbürtigen Ersatz für die legendären Wailers darstellen konnten. Darüber hinweg tröstete am Nachmittag Samy Deluxe & Tsunami Band, die vor allem HipHopper-Herzen höher schlagen ließen. Auf dem CRS präsentierte der Rapper sein aktuelles Album, eine Wundertüte aus lässig gespitteten Battlerhymes über harten HipHop-Beats und nachdenklichen Nummern mit entspannten Reggae-Rhythmen. So Einige hätten gerne noch mehr vom alten Samy und Dynamite gehört, das war aber bei gerade mal einer Stunde Spielzeit leider nicht drin.

{image}Sommer ohne Sonne, Mono ohne Nik und Chiemsee Reggae ohne First Lady Mono und Dancehall-König Nikitaman – einfach unvorstellbar. Zum 5. Jubiläumsgig in Folge gab's das neue Album der Neu-Berliner auf die Ohren. Das Duo bot eine funkelnagelneue Show mit taufrischem und altbewährtem Material und löste zum nahenden Ende des CRS noch wahre Pogo-Exzesse aus. Auch wenn Mono leider wegen eines zu leise gestellten Mikros teilweise kaum zu hören war, boten die Beiden Dancehall und gute Laune vom Allerfeinsten.

{image}Einen kleinen bis mittelgroßen Skandal gab es auf dem diesjährigen Reggae Summer dann auch noch, als gegen den Headliner Sizzla, eine der umstrittensten Figuren in der Reggae- und Dancehall-Szene, kurz vor Beginn des Festivals ein Auftrittsverbot verhängt wurde. Der Jamaikaner, der für seine schwulenfeindlichen Texte bekannt ist, durfte am Sonntag nicht auf die Bühne. Wie auf der Festival-Homepage bekannt gegeben, fürchteten die Veranstalter Randale linker Gruppierungen aus Oberbayern und Österreich, die forderten der "homophoben Mord-Propaganda keine Bühne zu bieten". Bündnis 90/Die Grünen sprachen sich ebenfalls gegen einen Aftritt des Künstlers aus. Somit beugten sich die Veranstalter dem Druck der Öffentlichkeit und luden Sizzla kurzfristig wieder aus. Stattdessen trat Busy Signal, ein Dancehall-Star aus Jamaika, am Sonntagabend auf der Hauptbühne auf.

{image}Auch dieses Jahr wurde übrigens klar, dass Service beim Chiemsee Reggae Summer großgeschrieben wird: Infocenter, Wäscherei, Handy-Ladestation, Gepäckaufbewahrung, Fundbüro, Meeting Point mit schwarzem Brett, Shuttlebusse sowie der Uncle Emma Supermarkt wurden von den Festivalbesuchern rege in Anspruch genommen. 2010 erstmalig dabei war außerdem der neue Campingbereich "Grüner Wohnen" für alle, die eine müllfreie Umgebung, lärmarmen Nachtschlaf und gemütliche Mitmenschen als Komfortmerkmale zu schätzen wissen.

Während einige Festivalbesucher bereits am Samstag oder Sonntag aufgrund von durchnässten und zugeschlammten Zelten frühzeitig abreisten, hielt der Großteil doch bis Montagmorgen tapfer durch und machte sich dann wieder bei strömendem Regen ans Zeltabbauen. Ein Termin für den kommenden Chiemsee Reggae Summer steht bereits fest, er wird am Wochenende vom 26. bis 28. August 2011 stattfinden. Wir drücken die Daumen, dass es dann trocken bleiben wird!

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