Billy Talent

Billy Talent

Böses Wetter, armes Highfield? Dass ein Festival sowohl von einer kompletten Absage als auch einem vorzeitigen Abbruch bedroht wird, kommt glücklicherweise nicht sehr oft vor. Bei seiner Premiere an neuer Stätte brachte das Highfield genau dieses Kunststück fertig, um dann am Ende aber trotzdem noch zu einem vollen Erfolg zu werden.

{image}150 Liter Regen pro Quadratmeter hatten dem Gelände in Großpösna bei Leipzig schwer zugesetzt und dieses teilweise überschwemmt. Erst am Mittwoch konnten die Veranstalter das endgültige OK geben, dass das Festival überhaupt stattfinden würde. Gleichwohl wurden die Besucher in selten besorgtem Tonfall dazu aufgefordert, keinesfalls schon am Donnerstag anzureisen und sich für widrigste Umstände zu rüsten. Umso unerwarteter dann das Bild, das sich vor Ort bot: Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Köpfe und Zelte, von Schlammlöchern oder gar Überflutungen war nur noch wenig zu sehen. Dies war nicht zuletzt dem Einsatz der Veranstalter zu verdanken, die tausende Tonnen Schotter, Späne und Rindenmulch sowie ebenso viele Quadratmeter Bodenabdeckungen verteilt hatten. Selbst aus Schweden waren kurzfristig noch Aluplatten ins sächsische Idyll gekarrt worden.

{image}Das neue Zuhause des Highfields hinterließ so also doch noch einen positiven Eindruck. Auf dem Gebiet eines ehemaligen Tagebaus gelegen, der derzeit geflutet wird, ist das Festivalgelände von drei Seiten von Wasser umgeben. Baden war allerdings trotzdem nicht möglich. Im nächsten Jahr soll dafür aber sogar ein Strandbad zur Verfügung stehen, nur ist dazu der Wasserspiegel des Sees derzeit noch zu niedrig. Immerhin gab es am Sonntag einen Shuttleservice vom Campingplatz zu einem nahegelegenen Badesee.

Freitag

{image}Entgegen aller Erwartungen herrschten pünktlich zum Beginn also annäherend optimale Bedingungen. Das wirkte sich auch auf die Stimmung der Bands aus, die sich am Freitagnachmittag überwiegen außergewöhnlich gut gelaunt präsentierten. Damit waren sie dem Publikum, das noch nicht so richtig ausgelassen sein wollte, einen Schritt voraus. The Gaslight Anthem, die als erste eine größere Menge vor der Bühne versammelten, merkten dies recht schnell, mühten sich redlich und doch musste Frontmann Brian Fallon feststellen, dass es ihm wohl am "natural swedish charisma" seines Freundes und Kollegen Pelle Almqvists von The Hives fehle, um sein Auditorium ähnlich gut im Griff zu haben.

Einen ersten Höhepunkt setzten dann ausgerechnet die ehemaligen Punkrentner Wizo. Aus der Versenkung direkt in die hohen Slots der großen kommerziellen Festivals, um von dort aus die Anarchie zu predigen und zur Revolution aufzurufen. Durchaus kurios – aber es funktionierte und zwar nicht zuletzt, weil die Sindelfinger schlicht eine starke Performance boten.

{image}In letzter Zeit waren Wir sind Helden von der Bildfläche verschwunden, dafür stehen sie nun auf jeder Festivalbühne und gehen im Herbst auf große Tour durch die Republik. So richtig passten sie ja nicht zwischen Wizo und Tagesheadliner Billy Talent, aber ein Festival lebt ja schließlich auch von seinen Gegensätzen. Für Abwechslung sorgte auch das erlesene Programm im Zelt: Archive als Alternative zu Billy Talent, The Drums statt Wizo und die zweifellos schönste Paarung des Abends: Das Elektroduo Kap Bambino überschnitt sich mit den Helden und gab seinem Publikum derart ins Gesicht, dass alle anderen Acts des Tages dagegen fast zu Kuschelrock degradiert wurden.

Samstag

{image}Festivaltag Nummer zwei begann mit traurigen Nachrichten: Aufgrund von Todesfällen in Familie bzw. Umfeld mussten Skindred und auch Black Rebel Motorcycle Club ihre Auftritte absagen. Auf der Hauptbühne ging es deshalb erst eine dreiviertel Stunde später, dafür aber vor einer beachtlichen Menge los, was Dúné als Opener für sich zu nutzen wussten.

Für eine bemerkenswerte Zweiteilung des Publikums sorgte Danko Jones: Die eine Hälfte verfolgte das Konzert offensichtlich wenig begeistert im Sitzen, während der Rest dem Kanadier aus der Hand fraß. Eine echte Perle war indes die Show von Thrice im Zelt, während Madsen zur Bespaßung der Massen vor der Hauptbühne sogar vor dem Einsatz von Pyrotechnik nicht zurückschreckten.

{image}Weshalb Unheilig auf einen Co-Headliner-Slot gebucht wurden, ist wohl nicht für für jeden verständlich. Bestehende Bedenken konnte das Konzert des "Grafen" sicherlich nicht ausräumen – im Gegenteil. Obendrauf gab es noch kitschige Clips auf den Videowalls samt Texteinblendungen und Backgroundchören aus der Konserve. Abhilfe boten Biffy Clyro im Zelt, vor dem sich teilweise lange Schlangen bildeten. Ob es dazu die unfreiwillige Hilfe von Unheilig gebraucht hätte, sei dahingestellt. Doch warum ärgern, wenn eine Band wie Placebo wartet? Ganz in weiß bot die live sechs Personen zählende Band eine gewohnt grandiose Show, die einen mehr als gelungenen Abschluss für einen ebensolchen Festivaltag bot.

Sonntag

{image}Am Sonntag hieß es zunächst Kraft tanken für das Finale. Selbst die Sonne gönnte sich erstmals einige kleinere Auszeiten und verschwand immer mal wieder hinter ein paar Wölkchen. Unheilvolle Vorboten, wie sich noch zeigen sollte. Im Vergleich zum Vortag war das Highfield jedenfalls wesentlich träger, besonders beim großartigen Konzert von Melissa auf der Maur schaffte es nur eine geradezu lächerlich kleine Zahl bis vor die Bühne.

{image}Im weiteren Verlauf des Tages kehrten die Lebensgeister jedoch langsam wieder zurück und bei NoFX schien die Welt langsam wieder in Ordnung. Man schien sich nicht besonders davon beeindrucken lassen, dass auf den Videowalls von Zeit zu Zeit etwas von erhöhter Unwettergefahr zu lesen stand. Pünktlich zu Fettes Brot begann es dann zu regnen. Konzert, Stimmung, Regen und Wind steigerten sich zunächst in friedlicher Eintracht. Das änderte sich spätestens, als das Wasser in Sturzbächen von der Bühne kam und alles, was nicht wirklich fest war, von dannen flog. Unvermeidliche Folge: Das Trio aus dem Norden musste die Bühne verlassen.

Das Publikum harrte jedoch aus und wurde nach einer halben Stunde für seine Tapferkeit belohnt: Das Konzert wurde fortgesetzt und von nun an entsprechend ausgelassen begangen. Auch Blink-182 konnten zum Abschluss des Festivals wie geplant auftreten, was vor allem deshalb ganz gut war, da nun all jenen, die vor allem wegen Blink gekommen waren, eine große Enttäuschung und dem Rest eine Menge Ärger erspart blieb. Ausgerechnet das Wetter hatte dem durch und durch gelungenen Festival nun also zu einem denkwürdigen Abschluss verholfen. Wir freuen uns auf nächstes Jahr. Und auf den Strand.

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