Atmosphäre (Splash Festival 2010, Gräfenhainichen)

Atmosphäre (Splash Festival 2010, Gräfenhainichen) © Hannes Mezger

Tag 3: Mit der Sonne gehen die Augen auf. Dass Splash ist, weiß jetzt wirklich jeder. Die Parallelwelt ist über Nacht vollständig Wirklichkeit geworden. Sonne, lass die Augen jetzt nicht zugehen! Bleib! Sie bleibt.

{image}Der dritte Tag Splash! ist definitiv der anstrengendste, jedoch nicht weniger attraktiv, was Kunst im Bereich Musik, Graffiti und Breakdance angeht. Die Masse bewegt sich erst gegen Nachmittag nachdem der Kaffeestand keine Kühe mehr für die Milch auftreiben konnte und so ist es für den Opener am Sonntag meist sehr undankbar im Hellen aufzutreten, da die freien Stellen in der Arena gut sichtbar sind – so wie bei Creme Fresh. Trotzdem zeigen die zwei Münchener einmal mehr, dass sie durchaus in der Lage sind bei einem großen Festival aufzutreten. Freestyles vom Fach, Exkurs zum Blues, Marschieren im Kollektiv von links nach rechts. Abgang.

Mittlerweile kommt es dem Zuschauer vor wie ein Sprung in einer grausamen Schallplatte, wenn Madness die Bühne betritt. Bevor Rah Digga nach zehn Jahren zurück im Geschäft die Stage entert, sind vielleicht noch 50 Menschen bereit, sich den Auftritt anzuschauen. Madness ist nicht unschuldig. Als die Rapdiva die Bühne betritt, haben sich doch um die 150 Kandidaten versammelt, was dennoch unter dem Status von Rah Digga ist. Der Auftritt verläuft glanzlos: Wuchtige Premo-Beats, hart akzentuierter Rap. Viel Lärm. Wenig Publikumsreaktion. Wer schon vor dem letzten Track in Richtung Aruba Stage gegangen ist, bekommt gerade noch den Gewinner des End oft he Weak MC-Battles mit. Und wer geblieben ist, wird Zeuge zweier ausgezeichneter Künstler: Brooklyns Masta Ace und Bostons Edo G. Zwei Künstler, die wissen, was sie an einem europäischen Publikum haben. Zwei Künstler, die wissen, dass das europäische Publikum völlig durchdreht, wenn ein amerikanischer Künstler alles gibt.

{image}Edo G filmt für die Privatvorführung zu Hause die feiernden Fans und Masta Ace sucht schon beim ersten Song die erste Reihe auf, um seinen Part anzurappen. Die Chemie zwischen den beiden stimmt. Gemeinsam stimmen sie launig Bill Withers Just The Two Of Us an und die Energie steckt das Publikum unweigerlich an. Über Coverversionen einiger rapgeschichtlicher Titel wie Criminal Minded von BDP ertönt schließlich Wishing On A Star von Rose Royce. Allen ist klar- jetzt wird es wunderschön auf dem Splash. Beautiful. Ohne Worte. Geschlossene Augen. Sanfte Gesichter. Eine emotionale Szene. Abschließend wird den Fans auf persönliche Weise per Fingerzeig in die Menge gedankt: "This one is for you, and you, and you, and you…"

Auf den nächsten Artist wird sich mancher Rapfan aus den 90ern seit Bekanntgabe des Lineups gefreut haben, denn es handelt sich um niemand geringeren als einen der Mitglieder der Ruhrpott AG Aphroe. Mit im Gepäck hat der erkältete MC eine 5köpfige Band, die Tailor Mades, und einen Pott-Newcomer namens Rheza. In alter "nice" Manier spielt er alte Hits wie Kopfsteinpflaster, die von vereinzelten Zuhörern mitgesungen werden. Die Tracks der neuen Platte Kleiner Mann, die am 13. August diesen Jahres erscheinen wird, werden gemischt aufgenommen. Insgesamt ist die Stimmung eher verhalten, was darauf zurückzuführen ist, dass wahrscheinlich zu wenige Nostalgiker anwesend sind. Die Band spielt hervorragend, Dj Rafik legt sehr gut auf und steuert die erste Dj Solonummer zum Festival bei. Respektabel, was er leistet. Aphroe enttäuscht ein wenig.

{image}5 Gehminuten entfernt tritt man ein in den vollen Glanz eines sonnigen Tages an einem sonnigen Ort. Am Strand vor der Aruba Stage wird Ball gespielt, einige schwere Köpfe schlafen sich aus, Liebespärchen zeigen offen ihre Liebe, einige  lassen sich den Sprung ins Nass nicht entgehen und auf der Bühne untermalt Ladi6 das schöne Bild mit ihren Vocals. Ein Moment zum Festhalten. Ein Moment nur. Und schon poltert die raue Eternia vor die Menge und beklagt ein wenig die zu klein geratene Menschentraube vor sich. Die NewYorkerin aus dem Umfeld von Rah Digga hatte auf mehr Anhänger gehofft. Während des einigermaßen knapp bemessenen Auftritts beweist sie ordentlich Puste, einen harten Flow und enormen Biss. Den Liegenden im Sand ist es bei der Kulisse allerdings nicht zu verdenken, dass sie Liegende bleiben wollen.

Gibt es gleich drei verschiedene Acts, die sehenswert sind, gerät man schnell in die Bredouille, welche Prioritäten man setzt. Zur gleichen Zeit treten nämlich Blumentopf auf der Main Stage, die Engländer Foreign Beggars im Grenada Haus und Bilal auf der Seebühne auf. Von der Hauptbühne hört man in der Ferne ein ungesundes Knacken in den Boxen, die Stimmen werden abwechselnd laut und leise, irgendwas stimmt mit der Anlage nicht. "Die Jungs ausm Reihenhaus" mit Live Band klang schon mal besser. So nicht bei den Jungs aus Großbritannien, die von Anfang an mächtig aufs Pedal drücken und schonungslos die Bässe in die Leiber der zahlreichen Anwesenden hämmern. Das Grenada Haus ist für so eine stark nach vorne gehende Druckmusik auch wirklich geeignet. Nach zwei gespielten Tracks ist die Hütte voll und jeder Furz ließe sich in der feuchten Höhle problemlos mit den Fingern zerschneiden. Ein schmutziges Ambiente. Genau richtig. Die Leute drehen durch. Zu allem guten Überfluss freestylen Dr Syntax (bei Tag 1 bereits genannt) und die Jungs mit hohem Niveau über zwei Beats. Nach Fashawn ein zweites nicht ganz geheimes geheimes Highlight.

{image}Das Konzert ist noch lange nicht vorbei, da reizt Bilal, ein Hochkaräter, seine Stimme auf das Höchste auf der Aruba Stage. Schon von weitem erklingt unverkennbar der helle Gesang Bilals, in dem so viel Soul steckt. Exile legt Beats auf, Bilal improvisiert dazu, eine Musik mit der gerade noch ertragbaren Menge Sex entsteht. Auf einem J-Dilla Beat beginnt es mit spontanem Freestyle und je länger die Musik läuft, desto mehr rutscht Bilal unbewusst in einen Song, den er schon veröffentlicht hat, rein. Musikalische Symbiose. Ein merk-würdiger Moment. Ein Curtis Mayfield Lied wird auch noch gesungen, dann ist es Zeit für einen deutschen MC, der den Platz vor dem letzten Headliner redlich und buchstäblich verdient hat.

Der Rapper des Deluxe Soundsystems, Frontmann von Dynamite Deluxe, erfolgreicher Solokünstler und eine bedeutungsvolle Figur in der Geschichte der deutschen Rapmusik lädt ein- Samy Deluxe. Alle guten Dinge die über ihn und seine von den Platten abgelösten Liveauftritte gesagt werden entsprechen der Wahrheit, wie jeder Anwesende feststellen sollte. Ein erstklassiger Bühnenrapper begrüßt die über 10 000 Leute zusammen mit seiner talentierten Band in gewohnt lockerer und sicherer Art und Weise. Von Aufregung ist keine Spur. Wohlfühlen, still sein und genießen. Zumindest für eine kurze Stunde. Das ist die Zeit, die Samy zur Verfügung gestellt wurde. Ladies and Gentlemen, Weck mich auf und weitere bekannte Lieder werden in einem unglaublich versierten und vielseitigen, den Musikstil überwindenden Flow dargeboten.

{image}Nach einer guten halben Stunde kommt es zum Höhepunkt des gesamten Splash-Festivals. Die versammelte Mannschaft verlässt die Bühne und auf Zurufe der Fans kehrt Samy alleine zurück. Ein Feuer beginnt, das so schnell nicht mehr aus den Medien zu löschen sein wird. Samsemilia, Sam Deluxe leistet etwas, was unter Tausenden MCs ein einziger schafft. Nicht nur auf höchstem Niveau freestylt er 15 Minuten Accapella über ein durchgängiges Thema, sondern er baut in einem Improvisationsstück eine Spannung auf, die man nicht hätte aufschreiben können. Die Menge nicht bloß mit 16 Bars Freestyle zu erreichen, sondern die Stimmung und die Euphorie innerhalb der Viertelstunde auch noch zu steigern- das ist große Kunst.

Nachdem Samy das letzte Wort gesprochen hat, dauert es einen kurzen Augenblick, in dem die Menschenmasse begreifen muss, was hier gerade geschehen war bis der gellende Beifall losbricht. Zu toppen ist dieser Moment von niemandem mehr. Zum Abschluss und um das Verlangen der Eingefleischten zu stillen, brettert er noch Sneak Preview auf das Gelände, auf dem wirklich alle 5 Minuten am Stück springen und tanzen, bevor er unter lautem Jubel hinter der Bühne verschwindet. Ein trauriges Element hat der phantastische Gig von Samy aber. Nämlich dass, wer Samy gefeiert, Mayer Hawthorne verpasst hat. Die letzten zwei Songs kann man sich noch anhören, die sicherlich für das gesamte Konzert stehen. Jaylibs The Official in Originalfassung und Mayer Hawthornes Track Ain't Gonna Work Out. Sehr gut.

{image}Missy Elliot in Stichworten: Aufwendigstes Bühnenbild, pompöses Intro, bunte Neonlichter, Missy erscheint aus 5 Zauberwürfeln vor der durch längeres Warten angespannten Menge. Glitzermikrofon. Diva und Girlie zugleich. Die ersten 5 Tracks sind pure Banger. One Minute Man. Get Your Freak On. Missy hat sichtlich Lust, ist nah am Publikum, rappt Face to Face mit der ersten Reihe. Kurze Pause zum Umziehen. Neues Outfit. Vorstellung der Tänzer, die Missy bei ihrer Karriere unterstützen. Ein signierter Sneaker wird in die Reihen geworfen. Dann nimmt mit dem Tempo auch die Motivation ab. Missy beendet vor Ablauf der vorgesetzten Konzertdauer den Auftritt. Leider gibt es keine Zugabe.

Dass die Menschen am nächsten Tag nicht mehr beim Splash! aufwachen bedeutet bloß, dass sie jetzt ein Jahr lang schlafen müssen, um 2011 wieder dabei zu sein. Dan heißt es wieder aufwachen. Beim Splash!.

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