As I Lay Dying (live bei Rock im Park 2010)

As I Lay Dying (live bei Rock im Park 2010) © Achim Casper

Vier Tage, 80 Bands, 100.000 Liter Bier und 65.000 Gäste: Wer kann sich in diesen schweren Zeiten noch leisten, so zünftig seinen 15. Geburtstag zu feiern? Natürlich das Rock im Park in Nürnberg, wo die Party bei schönstem Festivalwetter dem 25jährigen von Rock am Ring in nichts nachstehen sollte. Unser Team - Redakteur Joachim von Hunnius und Fotograf Achim Casper - war vor Ort, um das Festivalerlebnis für euch in Wort und Bild festzuhalten.

{image}Die andauernde Hitze lässt am Sonntag bei den Festivalbesuchern allmählich mehr Körperpartien frei werden, als man vom Alltag im Büro gewöhnt ist. Dabei lässt sich zum Einen feststellen, dass Sonnencreme durchaus nicht überbewertet ist, und zum Anderen, dass die guten Ideen für individuelle Tätowierungen ernsthaft vom Aussterben bedroht sind. Die Organisatoren von Rock im Park geben auf der Pressekonferenz ihrer Zufriedenheit Ausdruck. Die Neuerungen in diesem Jahr seien allgemein gut angekommen. Hierunter fallen unter anderem das neu konzipierte Soundsystem, die Großleinwände und die Vergrößerungen des Zuschauerbereichs an der Alternastage, das Volleyballturnier und der "Umwelt Rocky", ein Award für den am besten gesäuberten Zeltplatz. Mit insgesamt 65.000 Besuchern sei das Festival fast komplett ausverkauft gewesen. 95% der Gäste hätten sich dabei für das Vier-Tages-Ticket entschieden, während die besten Verkaufszahlen für das Tagesticket am Freitag zu verzeichnen gewesen seien. Die Sprecher des Sanitätsdienstes und der Polizei zeigten sich ebenfalls sehr zufrieden mit der allgemeinen Bilanz.

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Die Zahl der Verletzten sowie Diebstähle und Drogendelikte haben sich im Bereich des Üblichen bewegt. Sehr zu bedauern ist indessen der Tod eines Festivalbesuchers, der aus bis dato nicht geklärten Gründen das Gelände verlassen und zu Fuß entlang der Bahngleise Richtung Hauptbahnhof aufgebrochen war, wo er in einer Entfernung von etwa einem Kilometer zum Gelände von einem Zug erfasst wurde. Die Organisatoren sprechen in dem Zusammenhang ihr aufrichtiges Beileid für die Hinterbliebenen aus.

{image}Auf den Bühnen regt sich wieder allerhand Interessantes. Nach den wieder auferstandenen H-Blockx hätten auf der Centerstage eigentlich Wolfmother auftreten sollen, jedoch wurde aus gesundheitlichen Gründen deren komplette Tour gestrichen. Stattdessen hat man Gentleman in den frei gewordenen Slot gebucht. Eine etwas bizarr anmutende Entscheidung, rein musikstilistisch gesehen. Zum Wetter passt die Besetzung jedoch hervorragend, und als die ersten Reggae-Vibes in der vor Hitze flirrenden Luft erzittern, blüht in tausenden verschwitzten Gesichtern ein entspanntes Lächeln auf und die Hüften wiegen sich einträchtig im gemütlichen Takt.

{image}Etwas flotter wird es anschließend mit Gossip. Im absolut unglaublichen pinkfarbenen Schlauchkleid schwingt sich Beth Ditto auf die Bühne, um auf ihre niedlich bis schelmische Art für Stimmung zu sorgen. "Deutschland, mein Lieblingsland! Sehr gut!", flötet sie auf gar nicht mal so schlechtem Deutsch. Sie kann sich der wogenden Massen indes nicht nur sicher sein, sondern – wir danken der Natur für diese sprachliche Bananenflanke – sie ist ja geradezu die Verkörperung derselben. Nach einer guten Stunde Dance-Aerobic verabschiedet sich die Sängerin mit einer A-Capella-Version von Dolly Parton's I will always love you, nur kurz unterbrochen von einem lauten Rülsper und dem zugehörigen "Schulz". Und dabei schaut sie, als sei sie ehrlich traurig, uns schon wieder verlassen zu müssen. Eine auf ihre Art sehr anrührende Szene.

{image}Die Alterna ist an diesem Tag mit As I Lay Dying, Lamb of God, Stone Sour und Alice In Chains eindeutig auf der härteren Schiene unterwegs. Auf der Clubstage wechseln sich derweil nicht nur optisch sehr gefälliger Mädchenrock, New Metal, Hardrock und Gothic Rock ab. Ein buntes Programm mit genügend interessanten Facetten, um immer mal wieder ein Auge und ein Ohr hineinzuwerfen. Nach einem recht netten Set von 30 Seconds to Mars brodelt vor der Centerstage schon die Vorfreude auf den letzten Act und Headliner des Abends: Muse. Das sehr eigenwillige und von einigen sicher als Enttäuschung empfundene letzte Album The Resistance macht das heutige Konzert umso spannender.

{image}Dass sie mit jenem letzten Release ihren Fans einiges zugemutet haben, ist den drei Jungs aus Südengland offensichtlich bewusst. So muss auf die alten Hits gar nicht lange gewartet werden, was die Menge mit tosendem Jubel belohnt. Der Wettergott bemüht sich ebenfalls hernieder, um der Show mit erfrischenden Windböen aus dunklen Wolken und im Laserlicht funkelnden Regentropfen den letzten Schliff zu verleihen. Sänger und Gitarrist Matthew Bellamy umrahmt das Programm mit kleinen Jam-Phrasen aus wie zitiert wirkenden Riffs, auf die ihm Drummer und Bassist mit Nachdruck antworten. In jedem Fall gut zu wissen, wofür man sich drei Tage durch die Hitze gequält hat. Dieses Konzert lässt alle erlittenen Strapazen sofort vergessen.

{image}Klug, wer sich für den Gänsemarsch zum Franziskaner-Biergarten noch ein Wegbier mitgenommen hat, denn für einige Minuten macht der plötzlich einsetzende Platzregen jede Art von Fortbewegung so gut wie unmöglich. Glücklicherweise legt sich die himmlische Gewalt rasch wieder, um Platz für ein Urgestein des Heavymetal zu machen: Lemmy Kilmister und Motörhead. Wie ein Denkmal für den Inbegriff der rohen Männlichkeit steht er da, breitbeinig, den Kopf im Nacken, den Rickenbacker in den Pranken, und ohne viel Faxen zieht er einen ganzen Güterzug von ratterndem Songmaterial über die Bühne. Jemand, der sicher schon im letzten Jahrtausend das ein oder andere Pferd hat kotzen sehen, und der für die meisten der Anwesenden fast der Großvater sein könnte, hat das auch einfach nicht mehr nötig. Nach einer kurzen Verschnaufpause kommt er dann doch noch, der zeitlose Überhit Ace of Spades, und Lemmy bedankt sich für ein großartiges Publikum. Recht hat er.

Einige nicht Totzukriegende geben sich zum finalen Abgesang noch das Alkaline Trio, und nach unglaublichen vier Tagen des superlativen Overkills fällt gegen halb drei in der Frühe auch hier der Vorhang.

Danke, Rock im Park, das hast du gut gemacht! Wir kommen wieder. Bis dahin, Adieu!

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Samstag und Sonntag beim Rock im Park 2010

► Teil 1 unseres Festivalberichtes lest ihr hier.

Teil 2 unseres Festivalberichtes: Der RiP-Samstag

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