Ellie Goulding (live bei Rock im Park 2010)

Ellie Goulding (live bei Rock im Park 2010) © Achim Casper

Vier Tage, 80 Bands, 100.000 Liter Bier und 65.000 Gäste: Wer kann sich in diesen schweren Zeiten noch leisten, so zünftig seinen 15. Geburtstag zu feiern? Natürlich das Rock im Park in Nürnberg, wo die Party bei schönstem Festivalwetter dem 25jährigen von Rock am Ring in nichts nachstehen sollte. Unser Team - Redakteur Joachim von Hunnius und Fotograf Achim Casper - war vor Ort, um das Festivalerlebnis für euch in Wort und Bild festzuhalten.

{image}Es ist Samstag, 10 Uhr morgens. Ganze Scharen von Badetuchbewehrten pilgern gen Club-Bad des 1.FC Nürnberg. Für 4 Euro bekommt man hier eine warme Dusche und ein wenig Ruhe in gepflegter Atmosphäre. Die ortsansässigen Rentner scheinen sich an der Flutung ihres Sonnentempels durch jüngeres Gemüse nicht zu stören, im Gegenteil, man genießt die willkommene Abwechslung. Am Nachmittag wird die Clubstage durch Das Actionteam eröffnet, eine etwas skurrile, aber sehr unterhaltsame Truppe aus Frankfurt am Main. Airbourne kramen auf der Centerstage im Altkleidersack des 70er-Jahre-Hardrock. Die musikalische Nähe zu jener anderen, sehr bekannten australischen Band mit den vier Buchstaben lässt großflächig angelegte Klonversuche offenbar werden. Wer nach diesem Festival noch genügend Kleingeld zusammenkriegt, sollte sich vielleicht doch lieber das Original anschauen gehen.

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{image}Die Alternastage hingegen lädt heute zunächst mal zum Mädchenkreis. Nach einem netten Metallica-Cover von Lissie und ein paar recht schmerzfreien Songs von Ellie Goulding präsentieren sich The Sounds mit einem soliden Set und ihrer auffälligen Frontfrau. Kate Nash hat im Anschluss daran kaum Probleme, das Niveau in geradezu senkrechtem Sturzflug jenseits der Geschmacksgrenze in den Boden zu rammen. Kindisch herumgrölend schludert sie sich durch ihr Programm und weiß weder durch Optik, noch durch Ausstrahlung sonderlich zu überzeugen. Ihr fehlender Sinn für passende Kleidung präsentiert sich bei ihrem abschließenden Spaziergang auf dem Stagepiano auf schwer erträgliche Weise.

{image}Weitaus Erfreulicheres gibt es auf der Centerstage zu sehen: Slash ist wieder da und hat seine neuen Freunde mitgebracht. Gut gelaunt und cool wie eh und je spielt der Ex-Guns'n'Roses-Gitarrist seine entzückenden Soli. Mit Myles Kennedy hat er dabei einen wunderbaren Gesangspartner gefunden, der unter anderem beim Song Starlight auf Slashs neuem Soloalbum mitgearbeitet hat. Zur allergrößten Freude der Fans kommen mit Night Train, Civil War, Sweet Child o’ Mine und Paradise City gleich vier Schätzchen aus Omis Schmuckschatulle der 90er zum Vorschein. Slash beweist, dass man weder allzu jung sein muss, noch Drogen zu nehmen braucht, um wunderbare Musik zu machen. Mit größter Sicherheit ist er über diese Einsicht selbst schon seit längerem sehr froh. Ebenfalls alte Bekannte, wenn auch aus einem anderen Genre und dem Betäubungsmittel-Eckchen immer noch nicht ganz entwachsen, sind Cypress Hill. Glücklicherweise ist die Soundanlage der Centerstage inzwischen soweit heißgelaufen, dass die dickflüssigen Subbässe und bleischwer klunkernden Grooves der vier kalifornischen Homies in aller Gemütsruhe über den Platz walzen können.

{image}Keinen besseren Trittstein hätte sich Jay-Z wünschen können, der überraschend große Massen des anonsten von Natur aus gitarrenaffinen Rockerpublikums zu seinen Hip-Hop-Beats die Hüften schwingen lässt. Die "neuen Oasis" versammeln sich währenddessen auf der Alternastage: Kasabian aus Großbritannien. Sicher gibt es Bands mit dickerem Gaspedal, aber gute Stimmung muss man nicht immer mit dem Stahlhammer verbreiten. Und manche Gitarristen bewegen sich einfach nicht gerne, wenn sie ihre neue Lederjacke anhaben. Das ist nun mal so. Weit knackiger als auf Platte klingen die Editors live. Ein gefälliger Nachschlag in Sachen Indierock auf der Alterna an diesem Abend.

{image}Mit einem Mal sind wir dann wieder im Jahr 1975 und auf der Bühne stehen keine geringeren als KISS höchstpersönlich. Streng genommen sind als Gründungsmitglieder nur noch Paul Stanley und Gene Simmons dabei, was jedoch durch die dicke Schminke nicht weiter auffällt. Ebenso wenig wie die Frage, ob und wie viel die Jungs in der Zwischenzeit gealtert sein mögen. Jede Menge flotte Sprüche und eine fulminante Bühnenshow ziehen auch die jüngeren Zuschauer in ihren Bann, und man muss diesen schrillen Vögeln auf jeden Fall eingestehen, dass sie vieles von dem erfunden haben, was heutzutage so ziemlich jede Rockband macht, die etwas auf sich hält. Mehr als zwei Stunden verausgaben sich die vier Herren für ihre alten und neuen Fans, und zum Abschied um 23 Uhr gibt es noch ein paar schöne glitzernde Raketen. Auf der Alterna gibt es in der Nacht noch ein bisschen Partyprogramm: Jan Delay und seine Disko No.1 sind am Start, um noch einmal gründlich zu entertainen. Der Totalausfall des In-Ear-Monitorings hält so einen alten Showhasen wie ihn außerdem nicht davon ab, den Hexenkessel unter leichtem Rühren zum Überkochen zu bringen. Hammerfall knipsen zu späterer Stunde in der Clubstage schließlich das Licht aus, und das abgerockte Volk darf endlich schlafen gehen.

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Sonntag beim Rock im Park 2010

► Teil 3 unseres Festivalberichtes: Der Samstag bei Rock im Park!

► Teil 1 lest ihr hier.

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