Editors (live bei Rock im Park 2010)

Editors (live bei Rock im Park 2010) © Achim Casper

Vier Tage, 80 Bands, 100.000 Liter Bier und 65.000 Gäste: Wer kann sich in diesen schweren Zeiten noch leisten, so zünftig seinen 15. Geburtstag zu feiern? Natürlich das Rock im Park in Nürnberg, wo die Party bei schönstem Festivalwetter dem 25jährigen von Rock am Ring in nichts nachstehen sollte. Unser Team - Redakteur Joachim von Hunnius und Fotograf Achim Casper - war vor Ort, um das Festivalerlebnis für euch in Wort und Bild festzuhalten.

{image}Mit Matsch unter den Füßen, Modergeruch in der Nase und kühlem Wind um die Ohren plätschert das Volk am Donnerstag zum Vorglühen zusammen. Noch ist es ruhig auf dem Zeppelinfeld. Man freut sich auf ein schwergewichtiges Wahnsinns-Line-Up und legt sein ganzes Vertrauen in den Wetterfrosch, der auf der Herfahrt allstündlich feinstes Kaiserwetter versprochen hat. Turbostaat eröffnen das Spektakel pünktlich um 19:30 Uhr und geben sich redlich Mühe, den noch etwas träge sich herbeischleppenden Partygästen den Rost aus den Gliedmaßen zu schrubben. Klug ist, wer sich dabei schon ein wenig aufwärmt für den Headliner des Abends, der sich kurz nach Neun mit lautem Sirenengeheul bemerkbar macht. Langsam geht am abendlichen Bühnenhintergrund ein altbekannter roter Stern auf, und unter dem Jubel der Menge spricht ein kleiner, wilder Lockenkopf die fast schon historischen Worte: "Good evening! We are Rage Against the Machine from Los Angeles, California!" Und schon wettert und wütet das Battlefield im erbarmungslosen Trommelfeuer.

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{image}Das vollständig neu konzipierte Soundsystem der Centerstage liefert dabei ein erstes Zeugnis seiner Tragfähigkeit. Die Vokabel "Durchschlagskraft" wird erst weiter unten im Artikel Verwendung finden können, da einige fehlende Dezibel im Bauchbereich des Subwoofs das eigentlich obligatorische Komplettausrasten der rockenden Reihen deutlich zu bremsen scheint. Ausgelassene Stimmung und amtlich rotierende Moshpits sind dennoch reichlich zu finden, wobei hier die vorherrschende Fairness der Feiernden ausdrücklichst gelobt werden muss. Zu Boden Gegangene werden sofort von allen Mitmoshern wieder hochgezogen und in Sicherheit gebracht, weibliche Poger werden gar bewusst schonend angesprungen. Ungeschriebene Gesetze des Rocker-Knigge.

Nachdem die letzten Töne von Killing in the Name verhallt sind, legt sich alsbald wieder die Stille über den Platz. Der als offizielles Fangeschenk postulierte zusätzliche Festivaltag wird damit der Regel gerecht, aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Vorhandene Energiereserven für die kommenden Tage aufzusparen empfiehlt sich ohnehin.

Der Freitag beim Rock im Park 2010

{image}Viel zu früh treibt die Sonne die schlafenden Geburtstagsgäste aus ihren sich aufheizenden Zelten. Ein noch sanfter Vorgeschmack auf die Hitze der kommenden Tage. Die Luft ist zwar noch frisch, dennoch dürfen sich die Sonnenbrillenverkäufer über steigenden Umsatz freuen. Locker-flockig bis rockig starten Carpark North auf der endlich auch mit zwei großen Leinwänden ausgestatteten Alternastage in den Tag. Die nach der durch "Kill Bill 2" bekannt gewordenen Fünf-Finger-Pressur-Herz-Explosionstechnik benannten Five Finger Death Punch müssen auf der Centerstage noch immer gegen eine nicht ganz warmgelaufene PA anspielen, während die Cancer Bats nebenan ihren selbst gewählten Job der bedingungslosen Verteidigung von Metal- und Hardcore-Klischees sehr ernst nehmen. Pendulum übernehmen alsbald das Ruder auf der Centerstage und arbeiten sich von einem halbwegs coolen Opening in Riesenschritten in Richtung eines semi-elektronischen Kindergeburtstags vor. Auf dem in der Hitze einen latent fauligen Geruch entwickelnden Alternastage-Rasen versammelt sich eine beachtliche Menge von Anhängern der sonnenstaatlichen Combo A Day to Remember, die gerade auf einem längeren Trip durch europäische Gefilde unterwegs ist, und sicherlich keine enttäuschten Gesichter hinter sich lässt. Wer sich an diesem Nachmittag auf der Suche nach Schatten und Ruhe in die Clubstage verirrt, wird mit einem außergewöhnlich brillanten Set der belgischen Absynthe Minded überrascht. Mit seidig versponnenen Melodiegeflechten hüllen sie die Halle in samtweiche Kühle. Eine schimmernde Oase, Graogramans Schloss, inmitten der flirrenden Farbenwüste des Festivals.

{image}Irgendwo zwischen Rave und HipHop siedelt sich Dizzee Rascal an, und bringt damit eine weitere Stilblüte in den ansonsten eher ledrig bis dunkel schattierten Blumenstrauß der verschiedenen Musikrichtungen bei Rock im Park. In jene düsterere Schlagrichtung prügeln dann auch wieder Bullet for my Valentine und gleich im Anschluss In Extremo auf der Centerstage. Auf der Alterna feiert eine altbekannte Gruppierung 30jähriges Jubiläum. Dass es sich dabei nicht um das ebenfalls 1980 gegründete Musterhaus-Küchen-Fachgeschäft handelt, hört man bereits am ersten Gitarrenton: Bad Religion bedanken sich bei ihren Fans für jahrzehntelange Treue. Mag sein, dass jüngere Punkbands mehr körperlichen Einsatz zeigen, mag sein, dass Punks mit Iro besser aussehen als mit naturbedingter Halbglatze, trotzdem gibt es kein gültiges Argument gegen die schier zeitlose Eingängigkeit und Relevanz von Songs wie I want to Conquer the World oder 21st Century (Digital Boy).

{image}Nicht viel weniger Abgehpotential bringen bald darauf Gogol Bordello auf und – nicht zuletzt – vor die Bühne. Auch wenn Frontmann Eugene Hütz irgendwie mit jedem Mal besorgniserregender aussieht tut das seiner Show nicht den leisesten Abbruch. Es scheint so, als bräuchte man als Gypsy-Punk keinen Schlaf, um jederzeit gewaltig auf die Pauke hauen zu können. Man vermisst im Bühnenbild ein wenig das zweite Tanzmariechen, aber den Tanzknopf des Publikums finden die New Yorker wie jedes Mal ohne jegliche Umschweife. Doch gleich anschließend kehrt die norddeutsche Unterkühltheit zurück. Niedrig steht schon die Sonne, tief hängt der ergraute Pony, schlecht sitzt das Polohemdchen. Tocotronic scheinen permanent Angst zu haben, vor irgendetwas Unbenennbarem, Namenlosen. Zaghaft stoßen sie ihr Set vor, umrahmt von fast schüchternen Ansagen. Man setzt sich und verweilt ein wenig. Wenn man möchte.

{image}Deutlich mehr Druck erzeugen Rise Against auf der Centerstage, und auch im Vorgarten der Alterna regt sich das Leben wieder, als The Hives ihre frechen Rotznasen hinter dem Vorhang hervorstrecken. Mit dem Lausbubencharme eines Michel aus Lönneberga bejubelt Frontsau Pelle Almqvist vor allem sich selbst, wozu er auch die begeisterte Menge immer wieder anstachelt. "How are you doing heute Abend?", ruft er. Und weiter, auf amüsant klingendem Deutsch: "Jetzt kommt eine neue Explosion. Eine seeehr große Explosion. Die HIVES!" Er schreckt auch keinesfalls davor zurück, zu behaupten, er stelle den Rock’n’Roll nicht nur dar, sondern er sei der Rock’n’Roll höchstselbst. Ob das nun der Wahrheit entspreche sei außerdem egal, fügt er triumphierend hinzu, er hasse die Wahrheit, und abgesehen davon werde jetzt einfach Rock’n’Roll serviert, ob man wolle oder nicht. Die Hives, nach über einem Jahrzehnt immer noch ganz vorne mit dabei. Ein Genuss.

{image}HIM muss sich am späteren Abend mit dem kargen Rest derer begnügen, die sich nicht vor die Centerstage gedrängelt haben, um des Deutschen liebste Provokation live ins Gesicht geklatscht zu kriegen: Rammstein lädt zum Schlachtfest der Fleischesfreuden. Und wo sollte das besser funktionieren als auf dem Nürnberger Zeppelinfeld? Historisch sensibles Gelände trifft auf künstlerischen Überexzess. Und hätten die Erbauer dieser Stätten seinerzeit voraussehen können, welch moralisch entgleister Unfug eines Tages hier getrieben werden würde, sie hätten ihre Pläne vermutlich sofort in die Ablage "P" verfrachtet und wären gedemütigt nach Hause gegangen. Nicht umsonst hingegen die investierte Arbeitszeit der Techniker, die seit den frühen Morgenstunden damit beschäftigt gewesen sind, den komplexen Background für die infernale Metal-Oper aufzubauen. Bei dieser perfekt durchgeplanten Show sitzt jeder Handgriff und dreht sich jedes Schräubchen exakt und synchron zum Takt. Ob da Menschen in Flammen aufgehen, Raketen über die Köpfe der Menge hingwegrasen, Till Lindemann sein überdimensioniertes Theaterfleischgewehr ins Publikum entlädt, oder Keyboarder Christian "Flake" Lorenz im schwarzen Schlauchboot von tausenden von Händen getragen in See sticht: Ein Konzert der derzeit wohl erfolgreichsten deutschen Band ist ein einziges, beeindruckendes Spektakel.

{image}Und dennoch vermag diese Nacht noch einen draufzusetzen. Der Kopf schwirrt noch von den eben erlebten Knalleffekten, da stehen auch schon drei absolute Top-Celebrities der Rockmusik nebeneinander vor einem. Josh Homme von den Queens of the Stone Age, Dave Grohl, Ex-Nirvana-Drummer und Foo-Fighters-Sänger, und John Paul Jones von Led Zeppelin. Die Alternativeszene hätte ja schon zum Halleluja angestimmt, um nur Dave Grohl noch einmal trommeln zu sehen. Jedoch bläst dieses erlesene Trio dem versierten Rockenthusiasten das Hirn komplett durch die Schädeldecke: Them Crooked Vultures. Eine fast greifbare Bühnenchemie umwogt die drei Musiker. Der für die Liveauftritte mitgebrachte Alain Johannes ergänzt und unterstützt die nach eigenen Worten noch junge Band dabei hervorragend. Jones und Grohl peitschen sich in den immer wieder eingeschobenen Jam-Parts zu völlig irrwitzigen Grooves hoch, über die Homme seine schnörkelig-dreckigen Improsoli drapiert wie mutierende Rosenranken. Die Stimmung wabert zwischen Extase, Meditation, Hingabe und Dramatik hin und her. Jeder Moment opfert sich dem Gewahrsam, unvorhergesehenes geschehen zu lassen. Erhaben, lässig, und doch zugleich dankbar und zugewandt geben sich die Musiker auf der Bühne, jeder nach seiner Fasson.

Während die Foals auf der Clubstage noch ein paar Takte Gutenachtmusik spielen, schließt somit ein wunderbarer zweiter Festivaltag mit einem absolut funkelnd geschliffenen Diamanten als seinem i-Tüpfelchen.

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Samstag und Sonntag beim Rock im Park 2010

Teil 2 unseres Festivalberichtes: Der RiP-Samstag

Teil 3 unseres Festivalberichtes: Der Samstag bei Rock im Park!

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