Blick auf den Mannheimer Jungbusch, wo Musikpark und Popakademie angesiedelt sind.
Aber genügen die geschaffenen Institutionen, um den Titel "die heimliche Hauptstadt des Pop" zu rechtfertigen?

Blick auf den Mannheimer Jungbusch, wo Musikpark und Popakademie angesiedelt sind. Aber genügen die geschaffenen Institutionen, um den Titel "die heimliche Hauptstadt des Pop" zu rechtfertigen? © Stadtmarketing Mannheim

Vor ca. 6 Jahren wurde es ins Leben gerufen – das "Mannheimer Modell". Ein Marketing-Konstrukt, das auf den Institutionen Musikpark, Popakademie und der städtischen Förderung für Rock und Popmusik basiert. Ein Kommentar zum Status Quo.

{image}Schlagworte und -sätze wie "die heimliche Hauptstadt des Pop" wurden medial gestreut mit dem Ziel, "Kreative" anzuziehen und eine Popkultur zu inszenieren, wie man sie noch nirgends gesehen hat. Man hat sich die Kampagne schon etwas kosten lassen: teure Werbeanzeigen, Messeauftritte, wandernde Würfel und vieles mehr verschlangen Gelder, um dem Betrachter zu suggerieren, in Mannheim gehe musikalisch die Post ab. Die Realität sieht in einem zentralen Bereich jedoch etwas anders aus: Mannheim bietet nach wie vor wenig Livebühnen für den Nachwuchs. Es fehlen schlicht die Möglichkeiten für junge Acts, sich zu präsentieren und Live-Erfahrungen zu sammeln, um so schnell in das immer wichtiger werdende Live-Geschäft einzusteigen.

{image}Der Slogan "bei uns bleiben Musiker nicht auf der Straße" gilt im Nachwuchssegment maximal für Studenten der Popakademie, da diese Zugriff auf ein lebhaftes Netzwerk haben und in der Wahrnehmung vieler Veranstalter offensichtlich als qualitativ hochwertiger betrachtet werden. Die eigentliche Mannheimer Szene geht jedoch in den meisten Fällen leer aus oder organisiert sich selbst, wie die Beispiele Big Noise Community, Sulphur Sonic oder Jazz im Busch zeigen.

{image}Mannheims Clublandschaft ist in einem desolaten Zustand. Echte Alternativen wie das Schwoorz oder das Lagerhaus gibt es nicht mehr. Ehemalige Live-Clubs wie das Miljöö konzentrieren sich seit geraumer Zeit auf trinkfreudiges Partypublikum. Locations wie das Capitol und die Feuerwache sind viel zu groß und können maximal über Nachwuchswettbewerbe wie das Newcomerfestival Rhein-Neckar oder Rock im Quadrat für junge Bands genutzt werden. Neue Konzepte scheinen nicht wirklich im Gespräch zu sein. Zudem haben Ansätze wie "Mitten in der Nacht" oder der "Nachtwandel" im Jungbusch nur temporären Charakter; ohne nennenswerte Strahlkraft auf die restliches Zeit des Jahres. Ein kleiner Lichtblick inmitten dieser musikalischen Einöde ist die Veranstaltungsreihe SP!EL, die jungen Bands eine erste Plattform bietet. Das Jugendkulturzentrum Forum, das dieser Reihe eine Bühne bietet, sieht sich jedoch mit einem fortwährenden Existenzkampf konfrontiert.

{image}Auch die Mannheimer "Großveranstaltungen" lassen Raum für neue Bands vermissen. Innovative Ansätze wie "Pop im Hafen" oder "Arena of Pop" scheinen komplett in der Versenkung verschwunden zu sein oder werden aus Kostengründen nur noch jedes zweite Jahr durchgeführt. Kaum nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass auf dem nahegelegenen Darmstädter Schlossgrabenfest jedes Jahr die Bühnen wackeln und sowohl nationale Acts, als auch der regionale Nachwuchs der tobenden Menge einheizen. Das Mannheimer Pendant sieht dagegen grau und trist aus. Die Organisatoren des diesjährigen Stadtfestes setzten einmal mehr auf altbewährte Langeweile, um das Mainstream-Familienpublikum mit der gewohnten Musik zu berieseln.

{image}An einem Wochenende, an dem Deutschland mit der jugendlichen Lässigkeit einer Lena dem verstaubten Image des Eurovision Song Contest die Stirn bot, zeigte Mannheim, wie man Kreativität klein schreibt und glänzte mit gecoverter Partyzelt-Musik, bei der die Bands versuchten echte Showgrößen wie Peter Maffay, Robbie Williams oder Udo Lindenberg zu imitieren. Immerhin wollte man auf Acts mit eigener Musik nicht komplett verzichten, wagte sich aber schließlich nicht über das abgedroschene Wiederholungsprogramm der Vorjahre hinaus. Regionale Größen wie Silke Hauck, Klaus Eisenmann, Rolf Stahlhofen, KJ Dallaway durften sich einmal mehr live präsentieren, um dem Publikum zu zeigen, dass alles noch beim Alten geblieben ist – wie beruhigend in Zeiten wie diesen. Beunruhigend ist allerdings die Tatsache, dass die Organisation des Stadtfestes mittlerweile in der Hand der Stadt Mannheim selbst liegt und man vergeblich erwartet, dass das Programm im Vergleich zu den Ü35-Marketingaktivitäten der ansässigen Brauerei, die das Stadtfest lange Zeit ausrichtete, neue Akzente setzt.

{image}Schließlich muss man von einer Stadt, die sich das Thema Kreativität groß auf die Fahne schreibt, ebendiese erwarten können. Vor allem dann, wenn Livebühnen nahezu das gesamte Jahr über mehr als dünn gesät sind. In diesem Zusammenhang ist die Schnittstellenfunktion des "Beauftragten für Musik und Popkultur" deutlich gefragt, den sich die Stadt Mannheim seit der Geburt des Mannheimer Modells leistet und der nicht zuletzt auch sehr engagiert um mehr Raum für Popkultur in Mannheim kämpft. Umso verwunderlicher ist in diesem Kontext jedoch, dass bestehende Plattformen wie das Stadtfest nicht wirklich innovativ genutzt werden können und es der Stadt Mannheim nicht einmal gelingen mag, interne Schnittstellen zu schaffen. Schade und traurig zugleich, wenn man bedenkt, dass es ca. 700 Bands in der gesamten Region gibt, die alle darauf brennen, ihren musikalischen Output zum Besten zu geben – jedoch vergebens. Ein Versprechen hat Mannheim somit eingehalten: "Hier bleiben die Musiker nicht auf der Straße" – denn sie bleiben gleich ganz zu Hause oder verkleiden sich als Stars und spielen Lieder nach!

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