Fettes Brot

Fettes Brot © Jens Herrndorff

Nein, kein Vogel, kein Ufo und auch kein Flugzeug – Fettes Brot luden zum Herrenabend und die Hamburger Jungs und Mädels kamen in Scharen.

{image}Wer jedoch zu spät von diesem Heimspiel erfahren hatte, musste leider wieder die Heimreise antreten – mit einem fetten, roten "restlos ausverkauft" wurde man empfangen und das wird sich auch an den zwei noch folgenden Terminen in der Großen Freiheit nicht mehr ändern. Da konnte sich also glücklich schätzen, wer früh genug von dem Spektakel erfahren hatte und in der endlos scheinenden Schlange bibbernd auf den Eintritt wartete. Die drei Jungs von Fettes Brot haben eine solche Euphorie – nach 18 Jahren deutscher Hip-Hop Geschichte, zehn Alben (inklusive der gerade erschienenen Live-Alben Fettes und Brot) und unzähligen Hits – mit Sicherheit auch nicht anders erwartet und so staute sich auf beiden Seiten eine große Vorfreude an, die nur darauf wartete endlich ein Ventil zu bekommen.

{image}Doch kein Fettes Brot Konzert ohne eine mittlerweile obligatorische, exzellente Vorgruppe. Wer sich noch an die 2005 Tour der Jungs erinnert, kann sich sicherlich auch noch an den unvergesslichen Auftritt des Münchner HipHop-Duos Fiva MC & DJ Radrum entsinnen – und 2010? Kommt der Support wieder aus dem Süden und zwar in Form einer "We all live in a yellow submarine"-grölenden Beatles-Coverband. Glaubt Ihr nich'? Is' auch nich'!

Die Perücke nur Tarnung, der Beatles-Sound nur ein die Gemüter entkrampfender Einstieg, lernte das Publikum sogleich, dass es sich "gut anfühlt ein Orson zu sein". Hinter dem Pseudonym Die Orsons verstecken sich die vier Stuttgarter Rapper Tua, Kaas, Maeckes und Plan B (Chimperator Productions), die 2009 bereits ihr zweites Album Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Orsons herausgebracht haben.

In der Großen Freiheit wurden sie von DJ Vasee an den Turntables unterstützt, der auch noch gesanglich mit einem Remake von Soulja Boys Turn My Swag On, welches mit dem Original zum Glück wirklich so gar nichts mehr am Hut hatte,  sein gesangliches Können unter Beweis stellte. Mit seiner rauen Stimme schaffte er es auch tatsächlich, dem Lied durchaus noch musikalische Qualität zu verleihen. Und der Rest der Orsons? Überzeugte mit reißenden Beats und wahnwitzigen Lyrics (bestes Beispiel: Let’s Banana Holla Dance Woosh!) und vollbrachte die wirklich beneidenswerte Leistung, einer heißhungrigen, Brot-Liebenden Meute so richtig einzuheizen. Es wurde tatsächlich zum Beat geklatscht, mit dem Kopf genickt und die jungen, mit viel Witz und Zungenfertigkeit belegten "Or"-d’oeuvres wurden vom Publikum genüsslich, eins nach dem anderen, einverleibt. Wer nach dieser nahrhaften Vorspeise noch kein Lächeln auf den Lippen hatte, konnte sich vor lauter Stock vermutlich sowieso nicht mehr bewegen.

{image}Nach einer halben Stunde der Orson'schen HipHop-Entertainment-Show, wurde es dann aber auch endlich Zeit für den Hauptgang. Die Lichter gingen aus, "das Nervenkostüm" (Name der Live Band) lag Gott sei Dank noch nicht blank und so machte man sich mit zwei Posaunen, Gitarre und Schlagzeug bereit, Martin Vandreier a.k.a. Dokter Renz, Björn Warns a.k.a. Björn Beton und Boris Lauterbach a.k.a. König Boris, musikalisches Feedback zu verleihen. Und dann, kurz nach 21 Uhr, kamen sie, von funkigem Posaunensound unterstützt, auf die Bühne der Großen Freiheit gestürmt: das Urgestein des nordischen HipHops – Fettes Brot!

Dann brauchte es nur vier Takte und es war klar, was den Anfang machen würde. Das Publikum – bis in die letzte Reihe und auch auf den hölzernen Emporen eng aneinander gedrängt – stimmte sofort lauthals und voller Begeisterung in den wohl berühmtesten Mahnruf der Hamburger ein: "Lass die Finger von Emanuela!". Die Jungs sprangen wild auf der Bühne herum und auch das Publikum war nicht mehr zu bändigen. Das Ventil war geöffnet worden und die Begrüßung auf beiden Seiten hätte nicht herzlicher ausfallen können, wobei die Jungs unter bereits tobendem Applaus verkündeten: "Hamburg, es ist schön in unserer Stadt zu sein!".

{image}Fettes Brot ließ jedoch keine unnötige Zeit verstreichen und das nächste Erdbeben folgte sogleich: "Was geht’n? In Deutschland geht ein Beat um!" Natürlich wurde das Trio hier auch wieder tatkräftig vom Publikum unterstützt – "vom schicksten Villenviertel bis in die Sozialbausiedlung!" – was das gesamte, fast zwei Stunden dauernde, Konzert über auch nicht wieder abnahm. Somit war die Große Freiheit an diesem Abend von einem permanenten Echo durchdrungen, was die ohnehin schon tadellose Atmosphäre auch noch mit mehreren Gänsehautschauern krönte. Da das Konzert, abgesehen von der neuen Single Kontrolle, auch komplett mit den alten Songs der Brote bestückt war, traf jede Zeile, jedes Wort, sofort auf Hunderte von Gegenspielern. Da hatte man so einiges zu verdauen und es schien als ob jeder bei der ein oder anderen Zeile in ganz besonderen, persönlichen Erinnerungen schwelgte: "Moin moin, was geht? Alles klar bei dir? Wie spät?... Silberfische in meinem Bett... die Definition, die Definition, die Definition von Fett! Schwule Mädchen!.... a-u-f-g-e-w-a-c-h-t hier kommt Lauterbach!" – das alles hat schon damals gefallen und daran hat sich, wie man in der Großen Freiheit unter kontinuierlichem Geklatsche hautnah miterleben konnte, auch im Jahr 2010 nichts geändert.

Natürlich fallen Fettes Brot aus der für den HipHop typischen Klassifizierung immer noch heraus, was sich auch wieder bei der Live-Performance von 1 Euro Blues gezeigt hat, denn wenn eine ganze Halle in "Wir stechen das Gemüse im Spargelfeld" einstimmt, hat das doch schon eher was von einer Volksfestatmosphäre als von einem HipHop-Konzert. Wenn dann aber nur ein paar Lieder später der Beat zu Da Draussen ertönt, sind alle Zweifel gleich wieder verflogen – denn da ist er wieder der Kopfnicker-Beat, der Text der flasht und die Brote? Die Brote sind immer noch fett!

Denn während sich andere Zeitgenossen ihres Genres gerne mal in unnötigem Gepose verlieren, bestechen die Brote gerade durch ihre natürliche Art und nordischem Wortwitz. Nichts wirkt jemals gestellt oder aufgesetzt und das kommt ganz klar an. Und auch wenn der mittlerweile schon zum festen Bestandteil von Fettes Brot gehörende Pascal Finkenauer die Bühne betritt, um bei Ich lass dich nicht los zusammen mit Björn Beton sanftere Töne erklingen zu lassen, passt das Gesamtbild immer noch – denn es ist genau dieser Facettenreichtum und die beständige Haltung sich-nicht-in eine-Schublade-pressen-zu-lassen, was die Jungs von Fettes Brot innerhalb der deutschen Musikszene immer noch einzigartig erscheinen lässt und sie beim Publikum so beliebt macht.

{image}Und so war es dann auch nicht verwunderlich, dass man an diesem Abend einfach nicht satt werden wollte. Als die Jungs dann für kurze Zeit die Bühne verließen, hat sowieso noch niemand an ein Ende geglaubt und schnell machte das Publikum seinen Standpunkt auch noch lauthals klar: "Ohne Nordisch gehen wir nich’ nach Hause!" Doch darauf durfte man getrost auch noch eine Weile warten. Erst einmal machten Fettes Brot noch mit der "neuen" Version von Jein klar, dass die Brote auch 2010 noch so schön sympathisch entscheidungsunfähig sind. Es folgten mit Trotzdem und Herrenabend dann noch zwei weitere Zugaben und mit einem kurz angebundenen "Dankeschön" versuchte man erneut – mit mehr Schein als Sein – die Bühne zu verlassen. Doch die hungrige Meute gab noch nicht auf und im Chor erklang immer und immer wieder "ohne Nordisch gehen wir nich’ nach Hause!", bis sich die Jungs mit einem kessen Lachen und "Wir sind’s wieder!" zurückmeldeten und die Masse mit der Performance von Falsche Entscheidung erneut zum Schwitzen brachte.

Nach all diesen Extras und Liebesbekundungen, war es dann auch überhaupt nicht mehr verwunderlich, dass auch noch – passend zur anstehenden 100-jährigen Jubiläumsfeier – die FC St. Pauli Flagge ausgepackt wurde und Fettes Brot, mittlerweile in nostalgisches rotes Licht getaucht, in die Hymne Das Herz von St. Pauli einstimmte.

Und dann, dann endlich, nachdem auch diese Herzensangelegenheit erledigt war, ertönte "Sech mol 'Hey' sech mol 'Hoo'" und das so langersehnte Nordisch by Nature brachte das Ventil nun endgültig zum platzen und die Nordlichter flippten ein allerletztes Mal so richtig aus. Als die Brote im Anschluss daran dann tatsächlich die Bühne verließen, brauchte man sich nur noch umzuschauen um zu wissen: alle satt - Fettes Brot hat mal wieder geschmeckt! 

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