Impressionen der Eröffnung des Nachtmarkts

Impressionen der Eröffnung des Nachtmarkts © Dirk Brünner

Der Nachtmarkt in der Neckarstadt West in Mannheim will seit 28. August eine Ergänzung zum Jungbusch bieten, um die dortigen Anwohner zu entlasten. Im Angebot sind Getränke, Speisen und Kunst. Nicht alle sind von dem Konzept überzeugt.

Die Organisatoren nennen den Nachtmarkt am Stromwerk in Mannheim eine "Mischung aus Street Food Festival und Markt".

Neckarstadt statt Jungbusch

Er soll Nachtschwärmern eine Ausweichfläche in Coronazeiten bieten und ihnen ermöglichen, bis spät in die Nacht unterwegs zu sein. Neben dem kulinarischen Angebot ist auch für musikalische Unterhaltung gesorgt.

Durch den Nachtmarkt im Industriegebiet wollen die Veranstalter die angespannte Situation im Jungbusch lockern. Wenn mehr Menschen auf das neue Eventareal ausweichen, reduziert das den Streit zwischen Feiernden und Anwohnern im Jungbusch – so das offizielle Argument.

Feiern am Wochenende

Der Nachtmarkt auf dem Gelände des Alten Stromwerks, Fardelystraße 1, hat am Wochenende vom 28. August Eröffnung gefeiert und war am Freitag und Samstag jeweils bis 2 Uhr nachts geöffnet. Sonntags gab es ein Familienangebot von 15 bis 22 Uhr. 

Ab dem Eröffnungswochenende soll der Nachtmarkt jedes Wochenende geöffnet haben, solange das Wetter mitspielt. Im Winter gibt es eventuell auch die Möglichkeit, Stände in der Halle aufzubauen. Das Open-Air Areal bietet 12 Stellplätze für Stände, die von lokalen Gastronomen und Kreativen, unter anderem auch aus dem Jungbusch, genutzt werden können. Nach Auskunft der Betreiber fällt keine Miete an, den Betreibern werden nur anteilig Nebenkosten berechnet.

Protagonisten der Gentrifizierung

Das Konzept des Nachtmarkts ist allerdings stark umstritten. Das liegt auch an den Beteiligten. Das Gelände des Alten Stromwerks befindet sich im Besitz der Immobilienfirma Hildebrandt & Hees (H&H), die in den vergangenen Jahren zahlreiche Häuser im Stadtteil Neckarstadt West aufgekauft und diese renoviert hat.

Die Folge sind steigende Mietpreise und somit die Verdrängung der derzeitigen Bewohner der Neckarstadt, die sich die Mietpreise von mehr als 10 Euro pro Quadratmeter nicht leisten können. Dieser Prozess der gleichzeitigen Aufwertung eines Stadtteils mit eher schlechtem Ruf bei gleichzeitiger Verdrängung der bisherigen Bewohner kann sowohl in der Neckarstadt West wie im Jungbusch beobachtet werden.

Umstrittener "Westwind"

Die Situation wird dadurch verkompliziert, dass Marcel Hauptenbuchner, der Geschäftsführer von H&H, auch einer der Köpfe der Initiative "Westwind" ist. Dabei handelt es sich um ein privates Stadtentwicklungsprojekt an dem neben Florian Fischer (Gewerbeverein Neckarstadt-West Jungbusch) und Maik Rügemer (Netzwerk Wohnumfeld) auch Grünen-Stadtrat Markus Sprengler beteiligt ist.

Daher mussten sich die Beteiligten bei einer als Pressetermin geplanten Präsentation ihrer Ziele sachlicher, aber heftiger Kritik an ihrer geheimniskrämerischen Vorgehensweise stellen, die eine Beteiligung der betroffenen Bürger offensichtlich nicht vorsah. Der Hauptkritikpunkt bestand aber darin, dass von bezahlbarem Wohnraum in den Zielen von "Westwind" keine Rede war.

Genau das störte die Diskutierenden: Niemand erhob Einsprüche gegen eine Aufwertung des Stadtteils durch mehr Fahrradstraßen, mehr Kunst und Kultur sowie Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, aber viele Anwohner der Neckarstadt West befürchten, dass diese mit der Verdrängung der bisherigen Bewohner einhergehen wird. Es gelang den Initiatoren von "Westwind" bisher nicht, diese Befürchtungen zu entkräften.

Aus diesem Grund sehen auch Parteikollegen von Markus Sprengler seine Mitarbeit in diesem Projekt kritisch. So erklärte Zora Brändle, grüne Bezirksbeirätin der Innenstadt/Jungbusch in einer Stellungnahme: "Gute Stadtentwicklung muss die Interessen aller Bewohner*innen, insbesondere der sozial Schwächeren im Stadtteil, berücksichtigen. Auch für Menschen in prekären Lebenslagen müssen Angebote und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Wir kämpfen gegen die Verdrängung der Bewohner*innen im Jungbusch."

Viele Bürger äußerten auch schlichtweg Angst vor der mächtigen Immobiliengruppe H&H, die über glänzende Beziehungen zur Stadtspitze verfügt. Geschäftsführer Hauptenbuchner ist offensichtlich daran interessiert, die Macht des Unternehmens durch Projekte wie "Westwind" und den Nachtmarkt noch zu erweitern und aktiv in die Stadtgestaltung einzugreifen, ohne den Bürgern ein Mitspracherecht zu ermöglichen.

Kritische Kommentare

Solche Befürchtungen finden sich jedenfalls in zahlreichen Kommentaren. Ein Facebook-Post erklärt beispielsweise: "Als Jungbusch-Anwohnerin muss ich sagen, dass ich diese Suche nach Alternativen sehr begrüße. Das ändert nichts daran, dass ich den zunehmenden Ausverkauf der Stadt an den einen Immobilieninvestor für mehr als fragwürdig halte. Schade, dass Mannheim da nur die Dollarzeichen in den Augen hat. Für mich wird die Stadt auch zunehmend unattraktiv mit diesen Prioritäten."

Ein weiterer Kommentator schreibt: "Es ist eigentlich ein Skandal, dass erneut ein Industriedenkmal an einen privaten Immobilieninvestor verhökert wurde und jetzt ausgerechnet "Eventgastronomie" dort eingerichtet werden soll. Der Ausverkauf der Mannheimer Industriegeschichte geht also munter weiter."

Offene Fragen

Die Skepsis gegenüber den Plänen von H&H mit ihrem Geschäftsführer Hauptenbuchner sind überall greifbar. Welche Ziele verfolgt aber das Immobilienunternehmen in der Neckarstadt? Diese Frage beschäftigt viele, aber klare Antworten fehlen bislang.

Beabsichtigt H&H durch städtebauliche Verbesserungsmaßnahmen den Marktwert ihrer eigenen Immobilien zu steigern? Möchte das Unternehmen sein katastrophales Image durch kulturelle Initiativen aufpolieren? Sucht Hauptenbuchner daher die Nähe zum ehemaligen Popbeauftragten Sprengler, der als Mitglied des Stadtrats ja auch ein politisches Mitspracherecht hat? Welche Rolle spielt Markus Sprengler und was treibt ihn an, anscheinend ohne Rückendeckung seiner Partei diese privatwirtschaftlichen Aktivitäten zu unterstützen?

Ob die Kreativszene der Stadt letztlich von "Westwind" und dem Nachtmarkt profitieren wird, bleibt ebenso eine offene Frage. Am Ende könnte sich H&H als großer Profiteur erweisen, weshalb bisherige und zukünftige Aktivitäten sämtlicher Beteiligten weiterhin sehr kritisch hinterfragt werden sollten.

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