Die Geschichte von Yes ist überaus kompliziert. Ein knappes halbes Jahrhundert nach ihrer Gründung wurden die progressiven Vorreiter Ende 2016 in die Rock'n'Roll Hall Of Fame aufgenommen – und das mit insgesamt gleich acht Musikern: Jon Anderson, Bill Bruford, Steve Howe, Tony Kaye, Trevor Rabin, Chris Squire, Rick Wakeman und Alan White.

Bei der aktuell unter der Bezeichnung Yes auftretenden Formation ist allerdings kein einziges Gründungsmitglied mit von der Partie. Zudem existiert eine weitere Formation, die sich Yes featuring Jon Anderson, Trevor Rabin and Rick Wakeman nennt und rechtliche Ansprüche auf den Namen erhebt. Klingt kompliziert? Für Fans der Gruppe ist das nichts Neues.

Die originalen Yes

Die Ursprünge der Band liegen inzwischen beinahe 50 Jahre zurück, als Bassist Chris Squire im April 1968 von einem Clubbesitzer dem Sänger Jon Anderson vorgestellt wurde. Gitarrist Peter Banks, Keyboarder Tony Kaye und der technisch versierte Schlagzeuger Bill Bruford stießen hinzu – und die erste Yes-Besetzung war geboren.

Binnen kürzester Zeit erspielte sich die Band einen guten Ruf in der Musikszene des London der "Swingin‘ Sixties" und trat beispielsweise als Vorgruppe von Cream auf. In dieser Konstellation nahm das Quintett seine ersten beiden Alben, die noch recht psychedelisch gehaltenen "Yes" und "Time And A Word", auf. Doch bald schon kamen die ersten Probleme zum Vorschein.

Erste Besetzungswechsel

Peter Banks verließ die Band wohl eher unfreiwillig, weil er mit der musikalischen Ausrichtung unzufrieden war – und Anderson und Squire wohl auch mit ihm. Er wurde durch Steve Howe ersetzt. Mit ihm begann der eigentliche erste Höhenflug der Prog-Veteranen.

Ihr dritter Longplayer "The Yes Album", die erste Veröffentlichung des Fünfers mit ausschließlich eigenem Material, erreichte die Top 5 der britischen Charts und etablierte die Gruppe als ernstzunehmende Kraft. Lange währte die neu gefundene Stabilität aber nicht: Weil Howe und Kaye sich nicht grün waren, musste der Tastendrücker weichen, und der filigrane wie extravagante Rick Wakeman trat an seine Stelle.

Fragiler Höhenflug

Somit war das ultimative Yes-Lineup gefunden – zumindest dachten Band wie Fans zu dieser Zeit so. Mit "Fragile" und "Close To The Edge" erschuf diese dritte Besetzung auch zwei Platten, die bis heute noch nicht nur zu den Highlights der Gruppe, sondern zu den Klassikern der gesamten Progressive Rock-Geschichte zählen.

Persönliche Differenzen unter den fünf Musikern führten aber schon bald dazu, dass Drummer Bill Bruford freiwillig seinen Stuhl räumte, um sich den Yes-Rivalen von King Crimson anzuschließen. Als Ersatz verpflichteten Yes Alan White, der sein Debüt auf dem ambitionierten und erfolgreichen, aber umstrittenen Doppelalbum "Tales From Topographic Oceans" feierte.

Ein jazziges Intermezzo

Doch das sollte nicht das Ende der Besetzungswechsel bleiben. Unzufrieden mit der musikalischen Ausrichtung und angetrieben von den Erfolgen seiner Solowerke, verließ Wakeman die Gruppe und wurde durch den Schweizer Patrick Moraz ersetzt, der sich gegen Kandidaten wie Vangelis und den früheren Roxy Music-Keyboarder Eddie Jobson durchsetzte.

Mit ihm an Bord schlugen Yes auf "Relayer" eine jazzigere Richtung ein, veröffentlichten mit "The Gates Of Delirium" den bisher längsten Studiotrack ihrer langen Laufbahn und spielten einige ihrer größten Konzerte. Als Wakeman nach kurzer Zeit wieder Interesse an der Musik der Band bekundete, durfte Moraz wieder gehen.

Auf die falsche Karte gesetzt?

Mit der Rückkehr des "verlorenen Sohnes" begaben sich Yes auf musikalisch etwas andere Pfade, weg von den überbordenden Longtracks und hin zu kürzeren, prägnanteren Stücken – wobei das epische "Awaken" aus dieser Phase bis heute zu den längsten Songs der Band gehört.

Die neue Ausrichtung schlug sich zunächst auch in den Chartplatzierungen nieder: Das Album "Going For The One" erreichte die Spitzenposition in Großbritannien, die Single "Wonderous Stories" immerhin Platz 7. Doch nach der kommerziell wie künstlerisch wenig erfolgreichen Platte "Tormato" kam es zu Streitigkeiten innerhalb der Gruppe, und Rick Wakeman und Jon Anderson verließen das Quintett gemeinsam.

Dramatischer Zerfall

"Was nun?", dachte sich das verbliebene Trio aus Chris Squire, Steve Howe und Alan White. Da die durch den Megahit "Video Killed The Radio Star" bekannten Buggles beim gleichen Management unter Vertrag waren, entschlossen sie sich sich kurzerhand, das aus Trevor Horn am Gesang und Geoff Downes an den Keyboards bestehende Duo in die Band zu holen.

Das Ergebnis war das für Yes-Verhältnisse recht brachiale "Drama", das aber speziell in den USA gut aufgenommen wurde. Horn jedoch bekam vom Singen der anspruchsvollen Songs Stimmprobleme und verließ die Gruppe wieder, um eine sehr erfolgreiche Karriere als Produzent zu starten. Als ihm Squire und White folgten, schienen Yes zunächst Geschichte zu sein.

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Ein Nein zu Yes

In den frühen 1980ern existierte die Band de facto zwischenzeitlich nicht. Dafür versuchten sich die bisherigen Mitglieder an diversen anderen Projekten – mit unterschiedlichem Erfolg. Steve Howe gründete mit Carl Palmer, John Wetton und Geoff Downes die Supergroup Asia und landete mit "Heat Of The Moment" einen Welterfolg.

Jon Anderson nahm mehrere Hitalben mit Vangelis auf. Auch Chris Squire und Alan White waren zu dieser Zeit alles andere als untätig. Zu zweit nahmen sie die Weihnachtssingle "Run With The Fox" auf, nachdem sie zuvor bereits kurzzeitig gemeinsam mit Jimmy Page und wohl auch mit Robert Plant unter dem Namen XYZ (Ex-Yes & Zeppelin) in mehreren Sessions an neuen Stücken gefeilt hatten.

Wiedergeburt als Popstars

Richtig in die Gänge kamen Yes allerdings erst wieder, als die Rhythmusgruppe den südafrikanischen Gitarristen Trevor Rabin kennenlernte. Die drei taten sich als Cinema zusammen und holten Tony Kaye als Keyboarder mit ins Boot. Eigentlich war dieses Projekt als komplett neue Band geplant.

Als jedoch zunächst Trevor Horn als Produzent und schließlich Jon Anderson als Sänger dazu stießen, bestand die Plattenfirma auf dem Namen Yes – und die Gruppe erzielte mit dem von Rabin geschriebenen "Owner Of A Lonely Heart" und dem recht eingängigen, aber technisch brillanten Album "90125" ihren größten kommerziellen Erfolg.

… und dann waren da zwei

Bei den Aufnahmen zum Nachfolger "Big Generator" kam es allerdings, wie so oft bei Yes, erneut zu bandinternen Streitigkeiten zwischen den beiden Trevors Horn und Rabin, woraufhin letzterer die Produktion des Albums kurzerhand selbst übernahm. Dann fühlte sich Anderson von Rabin und Squire aufs kreative Abstellgleis befördert.

Der Frontmann stieg trotz der recht erfolgreichen Platte nach der Tour aus, um mit seinen früheren Kollegen Bruford, Howe und Wakeman sowie Tony Levin, dem Bassisten von Peter Gabriel und King Crimson, unter dem Akronym ABWH eine Art traditionelle Yes-Scheibe zu veröffentlichen. Mit "Brother Of Mine" enthielt diese Veröffentlichung sogar einen Hit.

Alle Acht-ung!

Weil die vier jedoch zu häufig den Namen ihrer alten Band verwendeten, gab es juristische Probleme. Zudem lehnte die Plattenfirma einen Großteil des Materials zum angedachten zweiten Album ab. Anderson kontaktierte daraufhin Rabin, um beim Schreiben neuer Songs zu helfen. Als Konsequenz beschloss man, beide Bands auf einem gemeinsamen Album zu vereinen, zumal Yes weiterhin ohne Sänger dastand.

Das Ergebnis "Union" verkaufte sich als Platte zwar recht gut, aber keiner der Musiker mochte das Werk, auch weil ihre Beiträge von Produzent Jonathan Elias teils ersetzt wurden. Dafür war die Tour mit acht offiziellen Yes-Mitgliedern auf einer einzigen Rundbühne umso erfolgreicher.

Wenig erfolgreiches Gerede

Lange währte diese Einheit allerdings nicht, denn nach dem Ende der "Union"-Konzerte zerfiel die große Besetzung wieder – und eine Plattenfirma trat wegen eines neuen Albums mit dem "90125"-Line-up an Rabin heran. Ursprünglich sollte auch Wakeman ein Teil dieses Projekts sein. Am Ende war Tony Kaye dann aber doch wieder mit von der Partie.

Die resultierende Scheibe "Talk" wurde von Rabin weitgehend in seinem digitalen Heimstudio geschrieben und eingespielt und versuchte, den Pop der 1980er mit dem Prog der 1970er zu fusionieren. Als das Album jedoch vergleichsweise schlecht ankam, zog sich ein frustrierter Rabin aus Yes zurück, um in Los Angeles Filmmusik zu komponieren.

Eine erneute Reunion

Im Anschluss reaktivierte Anderson wieder die klassische Besetzung der Band. In dieser Konstellation nahmen sie sogar ein paar neue Stücke auf, die neben Live-Aufnahmen alter Lieder auf den beiden "Keys To Ascension"-Releases erschienen.

Wakeman zeigte sich aber von diesen Veröffentlichungen nur wenig begeistert und nahm erneut den Hut – woraufhin Squire zusammen mit Billy Sherwood Material aus dem gemeinsamen Projekt Conspiracy in Yes-Songs umzuwandeln. Sie erschienen auf der Platte "Open Your Eyes", das kommerziell wenig erfolgreich war und später auch von Anderson und Howe kritisiert wurde, weil sie beide am Songwriting nur wenig beteiligt gewesen waren.

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(Y)Es wird klassisch

Inzwischen war der klassisch ausgebildete russische Keyboarder Igor Khoroshev nach Billy Sherwood zum neuesten Bandmitglied geworden. Mit ihm nahmen Yes vor der Jahrtausendwende "The Ladder" auf, das eine Rückkehr zur gemeinsamen Schreibweise der 1970er darstellte und lateinamerikanische Elemente enthielt.

Am Ende der Tour verließen jedoch sowohl Sherwood als auch Khoroshev die Band wieder – und Yes machten erstmals in ihrer langen Karriere als Quartett weiter. Ihr neunzehntes Studioalbum "Magnification" veröffentlichten sie mit der Unterstützung eines 60-köpfigen Orchesters und holten am Ende der dazugehörigen Tour schließlich zum wiederholten Male Wakeman zurück.

Das Aus für Anderson

Nach einer Konzertreise zu ihrem 35-jährigen Jubiläum legte die Band dem eigenen Bekunden nach eine Auszeit ein – was aber nicht bedeutete, dass die einzelnen Musiker deshalb untätig blieben. Gerade Anderson war als Solokünstler sehr aktiv, fiel aber letztlich wegen Atemproblemen monatelang aus, als Yes zu ihrem 40. Geburtstag mit Rick Wakemans Sohn Oliver an den Keyboards auf Tournee gehen wollten.

Die vier restlichen Mitglieder entschlossen sich daraufhin, ihre Arbeit mit einem anderen Sänger, dem Kanadier Benoît David, komplett ohne ihren eigentlichen Frontmann unter dem Bandnamen fortzuführen – und nach langer Zeit einmal wieder eine neue Platte aufzunehmen.

Flug in die Vergangenheit

Das zwanzigste Studioalbum "Fly From Here" entstand, wie einst "Drama", aus der Fusion zwischen Yes und den Buggles. Denn das Kernstück der Scheibe, die gleichnamige Suite, basierte auf einer Horn/Downes-Komposition, die seinerzeit für das zweite Werk des Pop-Duos verfasst worden war, und die von der aktuellen Besetzung der Progveteranen – mittlerweile wieder mit Downes an den Tasten und Horn an den Reglern – ausgebaut wurde.

"Fly From Here" erzielte die wohl besten Yes-Chartplatzierungen seit etwa zwei Jahrzehnten und erntete gute Kritiken. Als David sich jedoch eine Atemwegserkrankung zuzog, wurde auch er erneut am Mikrofon ersetzt, dieses Mal von Jon Davison.

Wechselbad der Gefühle

Mit dem neuen Frontmann ging die Band auf ausgedehnte Tourneen, auf denen sie pro Show jeweils gleich mehrere Alben aus ihrer Vergangenheit zelebrierten und nun auch erstmals seit über dreißig Jahren wieder "Drama"-Songs in ihr Live-Repertoire aufnahmen.

Außerdem begaben sie sich mit dem früheren Queen-Produzenten Roy Thomas Baker ins Studio, um unter Federführung von Davison, der am gesamten Material beteiligt war, "Heaven & Hell" aufzunehmen. Die Platte erreichte zwar die Top 20 der englischen Albumcharts und übertraf damit den direkten Vorgänger deutlich, wurde allerdings von den Kritikern eher negativ bewertet, obwohl die Band selbst die Aufnahmen genossen hatte.

Abschied vom Hochwohlgeborenen

Die nächste Katastrophe ließ allerdings erneut nicht lange auf sich warten: Im Mai 2015 wurde bekannt, dass Bassist Chris Squire, das einzige Mitglied, das bei jeder einzelnen offiziellen Yes-Besetzung dabei war, unter Leukämie litt. Er verstarb Ende Juni des gleichen Jahres und hatte zuvor verfügt, dass die verbliebenen Musiker nach seinem Tod mit Billy Sherwood als seinem Nachfolger weitermachen sollten. 

Kurz danach gaben Anderson, Rabin und Wakeman bekannt, dass sie gemeinsam eine neue Gruppe mit dem Namen ARW gegründet hatten, die sie selbst als "das definitive Lineup der größten Band in der Geschichte des Progressive Rock" bezeichneten, und gingen in dieser Besetzung auf Tour.

Die doppelte Dosis

Diese neue Konkurrenzformation benannte sich schließlich von ARW in Yes featuring Jon Anderson, Trevor Rabin and Rick Wakeman um. Aktuell gibt es also zwei rivalisierende Bands, die unter gleichem Namen unterwegs sind.

Welcher der beiden Besetzungen man nun den Vorzug geben mag, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab – wobei man natürlich argumentieren kann, dass die Truppe um Jon Anderson näher am Original sein dürfte als die eigentlichen Yes, da der Frontmann das einzige noch verbliebene Gründungsmitglied beider Gruppen ist. Allerdings kann auch das Lineup um Steve Howe und Alan White kann auf eine lange Geschichte zurückblicken.

Jubiläumsaktivitäten

Für das fünfzigjährige Jubiläum der Band hat das zur Folge, dass beide Formationen auf Konzertreisen sind. Die Truppe um Howe und White ist vornehmlich in England unterwegs und spielt einige ausgewählte Shows in Kontinentaleuropa, während Yes featuring Jon Anderson, Trevor Rabin and Rick Wakeman eine umfangreiche Herbsttour durch die USA angekündigt haben.

Bei der Besetzung um Steve Howe und Alan White lässt sich davon ausgehen, dass sie bald wieder hierzulande auftreten werden, wohingegen es bei der neuen ARW-Gruppe unklar ist, ob und wann es sie wieder nach Deutschland verschlagen wird. Das Jubiläum zum halben Jahrhundert müssen die deutschen Fans daher wohl ohne Konzerte von einer der beiden Formationen begehen.

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