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Julia Sattler, Community Managerin des Kreativzentrums Altes Volksbad in Mannheim © Thommy Mardo

Zwischen "im Westen viel Neues" und "No-Go-Area" bewegt sich die Neckarstadt-West in Mannheim - ein Viertel, das es immer mal wieder in die Schlagzeilen schafft. Hier steht auch eines von insgesamt acht Gründerzentren der Stadt, das Alte Volksbad. Wir sprachen mit Julia Sattler, die dort seit Januar 2017 Community Managerin ist.

Die Straßenbahn schiebt sich laut ratternd über die quietschenden Schienen. Ein leichter Wind fegt über den Boden. Lose herumliegendes Papier zwirbelt sich in die Höhe. Leere Zigarettenschachteln, zertretene Kippen und die ersten Herbstblätter wehen auf.

Bereits 1890, ein Jahr nach der Einweihung des Wasserturms, wurde in der Mittleren Straße in der Neckarstadt-West das Duschbad, bekannt als Altes Volksbad, eröffnet. Mit seinen über 40 Bädern, aufgeteilt in Wannen- und Brausebädern, streng getrennt nach Männern und Frauen, diente das Alte Volksbad bis in die späten Neunzigerjahre als Badeanstalt. In den umliegenden Altbauwohnungen der Gründerzeit fehlten oftmals Duschen oder Badewannen. So kamen die Menschen hierher, zum Duschen, Baden und um den neuesten Schnack auszutauschen.

Ein Ort für Kulturschaffende und Kreative

Einmal rechts entlang befindet sich direkt nach Betreten des Gebäudes der Eingang zu Julia Sattlers Büro. Seit Januar ist sie die neue und erste Community Managerin des Alten Volksbads. Das Kultur- und Kreativwirtschaftszentrum der Neckarstadt-West ist eines von insgesamt acht Gründerzentren in Mannheim. "Wir verfügen über 24 Büroräume, von denen aktuell vier nicht besetzt sind", berichtet Julia Sattler.

Sie ist allerdings nur zuständig für die Räumlichkeiten über der Erde. Im Keller befindet sich die gut erhaltene Badeanstalt als Zeuge des einstigen nassen Treibens. Die Geschichtswerkstatt Neckarstadt betreibt diese Räumlichkeiten und sorgt dafür, dass sie weiterhin der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Dort finden kulturelle Veranstaltungen und soziale Projekte statt, darunter zahlreiche Konzerte, die von dem bekannten Mannheimer Veranstalter Bernhard Kreiter unter dem Namen Brandherd durchgeführt werden.

Während ihre Hündin von ihrem Platz aus alles wachsam beobachtet, kommt Julia Sattler ins Erzählen – über die Stadt Mannheim, die Kultur- und Kreativwirtschaftsszene, die Entstehungsgeschichte des Alten Volksbads und natürlich über die Neckarstadt-West.

Gute Kontakte für gute Startbedingungen

Im Alten Volksbad kümmert sich Julia Sattler um die Mieter und sorgt dafür, "dass sie sich rundum wohlfühlen". Sie stellt für die Gründer Kontakt zu anderen Firmen her, schafft Synergieeffekte durch die Zusammenarbeit mit den anderen Community Managern der übrigen Mannheimer Gründungszentren, die unter der Mannheimer Gründungszentren GmbH (mg:gmbH) zusammengefasst sind. Treffen werden organisiert, ein Austausch findet regelmäßig statt, ob auf speziell ausgerichteten Events oder im kleinen Hinterhof des Alten Volksbads, wenn gemeinsam gekocht, gegrillt, getratscht und sich ausgetauscht wird.

"Eine No-Go-Area ist für mich etwas anderes", meint Julia Sattler, in Anspielung auf die medienwirksame Aussage einer Journalistin in der TV-Sendung Anne Will über die Neckarstadt-West, die das Mannheimer Viertel als eine Gegend betitelte, die es besser zu meiden gelte. Die junge Community Managerin fühlt sich hier rundum wohl, auch auf dem abendlichen Nachhauseweg.

Die Neckarstadt-West ist ein über die Jahre stetig gewachsener melting pot. Hier leben Menschen aus über hundert Kulturen zusammen. Auf der einen Seite ziehen vermehrt Studenten hierher. Auch junge Akademiker genießen die günstigen Mieten, in dem an Altbauten reichen Stadtteil. Zu den wohlhabenden Vierteln gehört die Neckarstadt-West aber sicherlich nicht. An kleine Imbissstuben reihen sich auffallend viele Spielhallen, dunkle Schaufenster schauen trist auf die Straße hinaus, Läden, voll gefüllt mit buntem Plastikgold, zieren die Hauptadern des Viertels.

Förderung der Start-up-Szene

Bereits seit Jahren engagiert sich Mannheim für Start-ups und für ein vielfältiges, umfassendes Kulturangebot. Die Stadt zwischen Rhein und Neckar, eine sogenannte Arbeiterstadt, im zweiten Weltkrieg stark zerstört, danach im Charme der fünfziger Jahre wieder aufgebaut, ausgestattet mit einem der bedeutendsten Binnenhäfen Europas, arbeitet emsig an einem neuen Image.

"Mannheim ist einzigartig für die Gründerszene", stellt Julia Sattler frei in den Raum. Die Stadt mit über 300.000 Einwohnern und einem Migrationsanteil von guten 40 Prozent hat schon früh auf die Förderung der Kultur- und Kreativszene gesetzt. Bereits 1986 wurde das Mafinex als erstes Gründerzentrum eröffnet. Der jetzige OB, Dr. Peter Kurz, legte damals als Bürgermeister für Bildung, Kultur und Sport den Grundstein für eine Entwicklung, die nicht erst seit heute Früchte trägt: Gute Infrastruktur, günstige Büroräume, aufgeteilt auf die acht, in der Stadt verteilten, thematisch gebündelten Zentren.

Nicht zu vergessen profitiert Mannheim gleich von mehreren Fördertöpfen: Der RWB EFRE (Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung) stellte in der damaligen Förderperiode mit Mitteln der EU und des Landes Baden-Württemberg Mittel unter dem Schwerpunkt "Innovation und wissensbasierte Wirtschaft, zur Schaffung von mehr und besseren Arbeitsplätzen, eine nachhaltige Entwicklung sowie die Zukunftsfähigkeit von Städten und Regionen“ zur Verfügung.

Die Umbauten des Alten Hallenbades, die mit 1,7 Millionen Euro zu Buche schlugen, wurden größtenteils über EU-Fördermittel und einen Zuschuss des Landes finanziert. Für die Gründer hat die Stadt darüber hinaus einen maßgeschneiderten Fördertopf mit dem Namen Kreatech zusammengestellt: Teile der Investitionen einer Neugründung können über diesen Fond finanziert werden, stellt ein Jungunternehmer sozialversicherungspflichtige Beschäftigte ein, erhält er zusätzliche finanzielle Unterstützung von der Stadt.

Teil des Stadtteils

Vor gut fünf Jahren wurde der Grundstein für das jetzige Kultur- und Kreativwirtschaftszentrum Altes Volksbad gelegt. Einst beherbergten die oberen Stockwerke das Sozialamt, dann stand das Gebäude lange leer. Als "Zentrum für junge Unternehmen aus dem Bereich Kreativwirtschaft mit Stadtteilbezug" wird das Alte Volksbad wiederbelebt und soll als fest in die Nachbarschaft integrierter Teil weiter wachsen.

"Wir gehören zum Stadtteil", lautet das Credo von Julia Sattler. Die Mieter des Kultur- und Kreativwirtschafszentrums kommen überwiegend von hier. Darüber hinaus beherbergt das Alte Volksbad das Quartiermanagement. "Wir bemühen uns, dass bei Auszug die Start-ups in der Nähe ansässig werden. Ausstellungen, die ich hier organisiere und die ich noch mehr voranbringen will, sollen den Bewohnern der Nackarstadt-West den Weg zu uns öffnen. Wir wollen ein Zentrum für den Stadtteil sein, wie damals das Alte Volksbad Treffpunkt für die Bürger war", erläutert Julia Sattler das Konzept.

Am richtigen Ort

Im Zuge größerer Umstrukturierungsmaßnahmen, bei denen Mitglieder aus den städtischen Dezernaten in die mg:gmbh wechselten, wurde klar, dass, wie jedes Zentrum, auch das Alte Volksbad einen Zentrumsmanager braucht, der unter dem gemeinsamen Dach aus mg:gmbH und Stadt Mannheim die Synergien belebt.

So kam Julia Sattler zu ihrem Job. "Irgendwie hat alles gut gepasst: Es gab die Umstrukturierung und ich war ja bereits vorher seit fast zehn Jahren bei dem Unternehmen. Berufsbegleitend habe ich ein duales Studium abgelegt und nach meinem Abschluss wurde ein Zentrumsmanager gesucht. So griff eines ins andere."

Hier passiert etwas

Ein Problemviertel im Aufbruch? "Klar gibt es hier Spannungen. Wir kehren auch täglich vor der Türe", schmunzelt Julia Sattler, "aber ein Problemviertel ist die Neckarstadt West nicht. Hier passiert viel, es gibt spannende Hinterhöfe, Galerien, hier entsteht etwas." Das passt ins Bild einer Stadt, die mehr sein will als ihr Image. Hin zu, ja, zu was eigentlich? So eindeutig ist das nicht. Mannheim ist eine stolze Stadt, stolz auf ihre kurpfälzische Mentalität, stolz auf das Stadtbild, gewachsen mit all ihren Problemen.

Während das Nationaltheater sich eines wachsenden Renommee erfreut, die Kunsthalle für Millionen umgebaut wurde, brausen die BMWs und Mercedes mit Karosserien über die Straßen, die den beinahe-Kontakt zum rauen Asphalt zu lieben scheinen. Eine Stadt, in der die Arbeit von Community Managern immer auch einen Mittelweg zwischen Antrieb des Aufschwungs, Förderung von Kultur und Kreativwirtschaft, Gentrifizierung und Integration der Stadtteilbewohner finden muss.  

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