Sulphur Sonic 2006
Schwefel
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Sulphur Sonic 2006 Schwefel Photograph: Jonathan Kloß © regioactive.de

Am 23. Juli 2015 verstarb der Mannheimer Musiker Norbert Schwefel nach langer Krankheit im Alter von 54 Jahren. Wir haben mit langjährigen musikalischen Freunden und Weggefährten über den Mensch und Musiker Norbert Schwefel gesprochen.

Die Stimmen werden ergänzt von einem Video, das einen Auftritt von Schwefel gemeinsam mit Michael "Kosho" Koschorreck und Olaf Schönborn anlässlich der Quadratkultur Show im Musikpark Mannheim am 6. April 2008 zeigt. Wir bedanken uns herzlich bei Nils Calles für die Bereitstellung des Videos.

Ralf Laubscher (Schlagzeuger von Schwefel, 1987-1992)

regioactive.de: Wie haben Sie Norbert Schwefel kennengelernt?

Ralf Laubscher: Ich kannte Norbert Schwefel schon als Teenager über meinen Cousin Charles Lemming, der einer von Norberts besten Freunden war.

regioactive.de: Wann haben Sie begonnen, Musik zu machen?

Ralf Laubscher: Irgendwann bekam Norbert einen fantastischen Roland-Synthesizer geschenkt, einen JX-3P. Das war in den 1980ern eine echte Sensation. Wir wollten ihn und seinen Synthesizer unbedingt in unserer Band haben. Er hatte eine Band mit dem Namen Backwahn, die in Lampertheim im Jugendzentrum auftrat. Daher wusste ich, dass er sehr gut Keyboard spielt. Bei uns im Proberaum hat er mit der Band Le Tombeau zum ersten Mal gesungen und es stellte sich heraus, dass er auch ein fantastischer Sänger war. Das hat uns komplett weggehauen und wir haben ihn zu unseren Bands 16  Kitchen und die Sessionband Mad Man Madenski geholt.

regioactive.de: Wie kam es dazu, dass Sie regulärer Schlagzeuger bei Schwefel wurden?

Ralf Laubscher: Später hat er sich an mich erinnert und mich gefragt, ob ich bei ihm Schlagzeug spielen will. Damals hatte er gerade sein Mini-Album "Champagne, Champagne and the Golden Rain" veröffentlicht, auf dem das Schlagzeug komplett programmiert war. Er wollte aber mit einem richtigen Schlagzeuger arbeiten. Meine Aufgabe war es, die Drum-Machine nachzuspielen – das war eine völlig andere Art zu spielen, als ich es gewohnt war. Auf diese Weise haben wir dann das Rock'n'Roll-Album "Hot In Hongkong" eingespielt. Sein nächstes Album "Luna Messalina" habe ich komplett mit ihm programmiert. Das letzte Album, auf dem ich als Schlagzeuger mitgewirkt habe, war "Motor Psycho".

regioactive.de: Die Zeit in den späten 1980ern und frühen 1990ern war sicher aufregend.

Ralf Laubscher: Das war die Zeit, in der es am meisten abging, mit "Hot In Hongkong" waren wir lange auf Tour, hatten ständig Auftritte. Es war eine wilde Zeit.

regioactive.de: Woran erinnern Sie sich besonders?

Ralf Laubscher: Wir hatten einen unvergesslichen Auftritt in Ost-Berlin noch kurz vor dem Mauerfall. Wir sind am Checkpoint ewig kontrolliert worden,  um dann nachts in einem kleinen Saal zu spielen, der mit ungefähr 500 Leuten randvoll war. Die kannten zu unserer Überraschung alle Schwefel – jeden einzelnen Song von der "Hot in Hongkong". Norbert trat auf mit  Feder-Boa wie ein Glam-Rocker und wir hatten eine Tänzerin dabei, die in einem hautengen Glitzeranzug im Stroboskoplicht abging.Die Leute waren total irritiert, da prallten zwei Welten aufeinander.

regioactive.de: Was für ein Mensch war Norbert Schwefel?

Ralf Laubscher: Er war ein unheimlich humorvoller Mensch. Und er hatte einen exzellenten Musikgeschmack. Man konnte von seinem Musikwissen sehr viel lernen. Er hat Marc Bolan sehr geliebt, dazu Peter Hammill, Pink Floyd und viele psychedelische Bands. Am meisten an ihm geschätzt habe ich aber, dass er ein unglaublich offener Mensch war. Er konnte Rock’n’Roll spielen, hat sich aber auch für elektronische Musik interessiert. Man konnte mit ihm Kraftwerk hören und er verstand auch, wie Techno funktioniert – er hat ja auch eine reine Techno-Platte veröffentlicht. Er verfügte über ein riesiges Spektrum, hatte vor nichts Angst und machte immer nur das, was er wollte. Er hatte seine Helden, klang aber immer eigen.

regioactive.de: Warum ist ihm die ganz große Karriere versagt geblieben?

Ralf Laubscher: Genau deshalb. Er hat sich nie an jemandem orientiert. Man konnte nie wissen, was als nächstes passiert – auch nicht auf der Bühne. Wenn er keine Lust hatte, schrie er vielleicht eine Stunde nur "Fuck you!".

regioactive.de: Wie kam es dazu, dass Norbert Schwefel mit "Luna Messalina" eine elektronische Platte aufgenommen hat?

Ralf Laubscher: Wir haben damals im Vielklang Studio in Berlin aufgenommen und direkt nebenan hatte Westbam sein Studio. Das war gerade der Beginn der Techno-Zeit mit der Love-Parade, Acid House und allem anderen. Bei Westbam klebte ein Aufkleber an der Tür, auf dem stand: "No more fucking rock'n'roll!" Das war für viele Bands eine Provokation, aber wir fanden das lustig und machten es so wie Ravebands Happy Mondays oder die Stone Roses in England: Wir legten Sample-Beats unter die Gitarren und waren so der Zeit voraus. Viele Leute in Deutschland haben das nicht verstanden.

regioactive.de: Lag das daran, dass die Trennung zwischen Rock und Techno in Deutschland sehr hart war und teilweise sehr aggressiv festgelegt wurde?

Ralf Laubscher: Wenn wir damals nach "Hot in Hongkong" noch eine Band-Platte veröffentlich hätten, wären wir durch die Decke gegangen. So wurde es für uns schwierig. Wir standen kurz davor, einen Plattenvertrag bei Intercord zu erhalten, aber die haben uns ein Jahr hingehalten und sich dann gegen uns entschieden. Danach kam es zu einem Bruch. "Motor Psycho" war dann wieder ein Rock'n'Roll-Album, aber zu diesem Zeitpunkt war Elektronik angesagt. Die Veröffentlichungen waren schlecht getimt.

regioactive.de: Welche Einfluss hatte Norbert Schwefel auf die Mannheimer Musikszene?

Ralf Laubscher: Da er in alle Richtungen offen war, besaß er die Gabe, Leute zusammenzubringen. Er hat niemals Menschen gespalten, sondern aus verschiedenen Richtungen Menschen zusammengebracht. Ich habe ihn als sehr harmonieorientierten Menschen in Erinnerung.

Thomas Hinkel (langjähriger Keyboarder)

regioactive.de: Wie lange haben Sie mit Norbert Schwefel Musik gemacht?

Thomas Hinkel: Seit 1992. Wir haben kontinuierlich Musik gemacht. Die Arbeit war stets interessant, immer kreativ, selten schwierig. Wir haben uns musikalisch gut verstanden. So kam es, dass ich fast 20 Jahre mit ihm gemeinsam gearbeitet habe, diverse Bands miterlebt und zahlreiche Schlagzeuger und Bassisten habe kommen und gehen sehen.

regioactive.de: War er eine schwierige Persönlichkeit oder eher entspannt?

Thomas Hinkel: Anfangs war es leicht mit ihm zu arbeiten, später wurde es manchmal schwieriger, vielleicht auch durch seine Krankheit bedingt.

regioactive.de: Wie hat seine Krankheit sein Schaffen beeinflusst?

Thomas Hinkel: Er hatte Probleme, die Gitarre sauber zu greifen. Er war körperlich nicht mehr belastbar, konnte kein Equipment schleppen. Zu diesem Zeitpunkt wusste aber noch niemand, dass er krank ist. Aber seine Kreativität und Musikalität hat das nicht beeinflusst.

regioactive.de: Was hat Norbert Schwefel ausgemacht?

Thomas Hinkel: Sein Experimentiergeist, seine Kreativität. Das hat mir immer besonders an der Band gefallen. Wir haben uns nie ausgeruht. Jedes Projekt war neu. Wir waren neugierig und haben stets nach neuen Wegen gesucht. Das hat ihn sehr von anderen Musikern unterschieden.

Christian Marley (langjähriger Bassist)

regioactive.de: Wie lange haben Sie gemeinsamt mir Norbert Schwefel zusammengearbeitet?

Christian Marley: Wir haben seit 1987 gemeinsam Musik gemacht, zunächst durchgehend bis 1993 und dann wieder ab 2001 bis Dezember 2014. Damals trafen wir uns, um für seine Oper aufzunehmen, an der er sieben Jahre gearbeitet hat. Er hat es geschafft, sie fertigzustellen, wenn alles klappt, soll sie im Herbst erscheinen.

regioactive.de: Wie war das Arbeiten mit ihm?

Christian Marley: Wenn man sich so lange kennt, denn arbeitet man sehr locker zusammen. Wir haben viel experimentiert, viel ausprobiert und uns dafür viel Zeit genommen. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

regioactive.de: Wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?

Christian Marley: Er war sehr warmherzig, wusste aber auch, was er wollte. Auf seine Art war er ein Perfektionist. Er war aber auch sehr humorvoll, wir haben immer sehr viel gemeinsam gelacht. Sein Lachen ist mir immer noch im Ohr.

regioactive.de: Wie war das Arbeiten in den letzten Jahren? Er war ja sehr krank.

Christian Marley: Wenn man bedenkt, wie krank er war, besaß er immer noch enorme Kraft. Seine Kreativität war ungebrochen. Aufgrund der Krankheit konnte er seine Finger nicht bewegen, fand dafür aber immer Lösungen, indem er Musiker kontaktierte, die ihm helfen konnten und die ihn verstanden. Er hat ständig an Musik gedacht, sie war seine Nahrung. Das war bis kurz vor seinem Tod so.

regioactive.de: Mannheim hat ihm viel bedeutet, er war schon eine Art Lokalpatriot.

Christian Marley: Auf jeden Fall. Mannheim war sein Heimathafen, nach Berlin zu ziehen, kam für ihn nicht in Frage. Er hat auch viel in Mannheim investiert, sehr viel angestoßen, das Sulphur Sonic Festival beispielsweise. Er wird fehlen, die Lücke, die er hinterlässt, muss erst gefüllt werden. Aber seine Musik wird Bestand haben. Es ist auch möglich, dass verschiedene mit ihm verbundene Musiker Projekte umsetzen werden, die er geplant hat.

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