Xavier Naidoo (live in Hamburg, 2014)

Xavier Naidoo (live in Hamburg, 2014) © Falk Simon

Xavier Naidoo schwadroniert über das "besetzte" Deutschland und erntet heftige Ablehnung, aber auch Zuspruch. Die entstehende Debatte verrät viel über den braunen Untergrund des wiedervereinigten Deutschlands, wo Verschwörungstheorien, Ahnungslosigkeit und Ressentiments regieren und sich jeder als von fremden Mächten geknechtetes Opfer fühlen darf. Und die regionale Presse agiert wie das Kaninchen vor der Schlange. Eine Tragikomödie.

Auf einem "Friedenskonzert" für die Ukraine am 15. August auf dem Neuen Messplatz in Mannheim spricht Xavier Naidoo folgende Sätze: "Hat Deutschland eine Verfassung? Ist Deutschland noch besetzt? Tut die NSA gar nichts Verbotenes, sondern darf er [sic!] das eigentlich sogar, weil die Deutschen es ihr per Gesetz erlauben? Weil wir eigentlich gar kein richtiges Land sind. Weil wir immer noch besetzt sind."

Georg Dietz, scharfzüngiger Kritiker von Spiegel Online wird auf diese Aussagen aufmerksam und schreibt eine Kolumne, in der er Xavier Naidoo vorwirft, Thesen der neuen Rechten zu vertreten. Zu obigem Zitat schreibt Dietz: "Das sind die Gedanken und Codes, die in der alten Bundesrepublik in rechten Kreisen herumgereicht wurden, das ist der Lackmus-Test für politische Dummheit, der heute noch gilt." Xavier Naidoo "ein politischer Irrläufer, der für neue rechte Überzeugungen steht."

Beschwichtigung in der Lokalpresse

Die lokale Presse in Form von Mannheimer Morgen und der Rhein-Neckar-Zeitung aus Heidelberg reagiert erschrocken auf Dietz' Artikel. Beide Zeitungen versuchen der Kontroverse aus dem Weg zu gehen und zu beschwichtigen. Schließlich geht es bei Naidoo um ein regionales Heiligtum, mit dem man es sich nicht verderben will.

Im Mannheimer Morgen argumentiert Jörg-Peter Klotz, dass Xavier Naidoo aus seinem kruden, von Verschwörungstheorien durchsetzen Weltbild "nie einen Hehl gemacht" habe. Die Verbreitung rechter Thesen wird aber nicht dadurch verzeihlich, weil man es über einen langen Zeitraum betreibt.

Zu Xaviers Verteidigung führt Jörg-Peter-Klotz an, dessen Äußerungen erfolgten "aus einem spontanen Bauchgefühl heraus wie jetzt geschehen. Rechtspopulismus funktioniert dann doch etwas kalkulierter." Anders gesagt: Weil Xavier Naidoo mit seinem Magen anstatt mit seinem Gehirn denkt, ist er kein Rechtspopulist. Man glaubt es nicht...

Die RNZ schießt den Vogel ab

Peter Wirtz verrät sich in der Rhein-Neckar-Zeitung gleich im ersten Satz: "Wahrscheinlich ist das Ganze am Ende viel Lärm und [sic!] Nichts. Aber es bewegt trotzdem die Gemüter." Gemeint ist: "Ich habe gar keinen Bock auf diese Xavier-Scheiße, muss aber trotzdem ran, weil der Chefredakteur mich dazu verdonnert hat."

Das hindert den Autor aber nicht, Georg Dietz vorzuwerfen, "den Sänger in eine rechtspopulistische Ecke zu stellen". Das ist natürlich eine grobe Verdrehung der Tatsachen. Schließlich hat sich Naidoo selbst in diese Ecke gestellt, als er die Thesen der neuen Rechten herausposaunte.

Hilfreiche Serviceorientierung

Naidoos Thesen untersucht der Autor gar nicht, sondern begnügt sich mit dem Pauschalurteil, dass es dem Sänger "wohl kaum um Rechtspopulismus ging." Gottseidank, da sind wir alle beruhigt.

Schließlich hat der serviceorientierte Autor noch einen Tipp für den Sänger parat: "Vielleicht" solle der Sänger "doch vorab besser wägen und nicht ganz so spontan reden wie singen." Ob Xavier Naidoo diesen Hinweis als hilfreich empfunden hat, ist nicht bekannt.

Unterstützer schließen die Reihen

Das eigentliche Drama zeigt sich in Facebook-und Foren-Kommentaren. Dort kommen alle zusammen: Kritiker von Xavier Naidoo, notorische Wegseher ("Ich mag seine Musik sehr gerne") und Sympathisanten. Wer Belege für die Richtigkeit der These von Georg Dietz sucht, findet sie dort in reicher Zahl.

Dort vermischen sich in der Tat "Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit, Nationalismus, Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Friedensgeraune zu einer dunklen Suppe." Hinzufügen kann man noch Rassismus, schiere Ahnungslosigkeit und jammerlappiges Wehklagen, dass Deutschland von fremden Mächten ausgebeutet wird und Xavier Naidoo der Einzige ist, der die Wahrheit ausspricht.

Es wäre lustig, wenn es nicht so ärgerlich wäre.

Xavier wartet auf die Apokalypse

Aus welchen seltsamen Quellen speisen sich aber Xavier Naidoos krude Thesen? Fraglos sind die Aussagen bezüglich des besetzten Deutschlands rechtem Gedankengut zuzuordnen. Der Sänger hat entsprechende Theorien der "Reichsdeutschen", die vor allem durch das Internet geistern, aufgenommen und weitergegeben.

Es gibt aber noch eine andere, mindestens ebenso wichtige Quelle: Xaviers Bekehrung zum evangelikalen Christentum komplett mit apokalyptischen Erwartungen (Millenarismus). Um es auf den Punkt zu bringen: Xavier ist kein "Nazi", sondern ein am rechten politischen Rand agierender Evangelikaler, dessen Äußerungen bei der amerikanischen Tea-Party nicht fehl am Platz wären.

Das Ironische daran ist Xaviers ausgeprägter Anti-Amerikanismus, den er nie zu betonen müde wird. Aber wer hat je behauptet, dass dieser ganze unreflektierte Quark irgendeinen Sinn ergibt?

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