"Peenemünde Compassion"

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"Peenemünde Compassion", Stuttgart

Nachholtermin vom 23.05.2020

Feb.
15
2021
Montag, 15. Februar 2021, 20:15 Uhr
Theaterhaus (Am Pragsattel), Siemensstr. 11, 70469 Stuttgart

Veranstalter:

Theaterhaus Stuttgart e.V., Siemensstraße 11, 70469 Stuttgart, Deutschland


Butoh-Tanz-Performance 
Peenemünde Compassion - Vernichtender Fortschritt-Hoffnung?

Mit dieser Butoh - Performance hat die Stuttgarter Künstlerin Sibylle Duhm-Arnaudov in Zusammenarbeit mit der japanischen Sängerin Yasuko Kozaki ein spektakuläres multimediales Gesamtkunstwerk geschaffen. Diese außergewöhnliche Performance vereint verschiedene Darstellungsformen. Nicht nur aus unterschiedlichen künstlerischen Bereichen wie Gesang, Tanz und bildender Kunst, sondern auch aus der Verschmelzug klassischer und zeitgenössischer japanischer Kultur mit europäischer Tradition und Avangarde entsteht ein einmaliges, neues Kunstereignis. Die Weiterentwicklung „Peenemünde Compassion – Vernichtender Fortschritt - Hoffnung?“ wird nun auch im Theaterhaus zu sehen sein. 

Neue Akzente setzt die Zusammenarbeit mit dem israelischen Pianisten und Komponisten Noam Sivan, der an der Musikhochschule in Stuttgart den weltweit ersten Lehrstuhl für klassische Improvisation bekleidet. Die stärkere Ausprägung improvisatorischer Anteile ermöglicht eine noch dichtere Verbindung zwischen Musik und Tänzer und schafft damit tiefste Intensität. 
Der inhaltliche Schwerpunkt liegt diesesmal auf der Frage, ob ein Entrinnen aus der Spirale von Fortschritt und Vernichtung möglich ist.

Mit Seiji Tanaka, dem japanischen Butoh-Tänzer, Schüler des Butoh-Begründers Kazuo Ohno, Yasuko Kozaki, japanische Sopranistin und ehemaliges Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, und mit Noam Sivan, spürt Sibylle Duhm-Arnaudov der Grenze zwischen menschlichem Forscherdrang und den Abgründen und Folgen menschlicher Zerstörungswut nach. Jeder der beteiligten Künstler bewegt sich in seinem künstlerisches Spektrum. Im Zusammenspiel entsteht daraus etwas völlig Neues und Überraschendes.

Den Anstoß zu dem Projekt gab ein Besuch im Historisch-Technischen Museum auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo die Nationalsozialisten Massenvernichtungswaffen entwickeln ließen, vor allem die V1 und V2, die als „Wunderwaffen“ dem längst verlorenen Krieg eine Wende geben sollten und wesentliches Element der Durchhaltepropaganda der Nationalsozialisten waren. Die technischen Erfolge der Ingenieure unter Leitung Wernher von Brauns wurden nach 1945 zur Basis der internationalen Raumfahrt, als deren „Vater“ von Braun bis heute gilt.

Deutschland und Japan teilen in vielerlei Hinsicht gleiche historische Erfahrungen: Beide Länder waren Verbündete im Zweiten Weltkrieg und wurden besiegt, in beiden litt die Zivilbevölkerung unter Zerstörung, Nachkriegselend und Traumatisierung. Japan hat bis heute z. B. durch die Katastrophe von Fukushima mit den Folgen unbeherrschbaren technischen Fortschritts zu kämpfen.

Butoh wird von seinen Begründern ausdrücklich als eine Reaktion auf die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki verstanden. Die seit 1959 von Kazuo Ohno und anderen entwickelte Variante des modernen Ausdruckstanzes ist wie kaum eine andere künstlerische Ausdrucksform geeignet, das Gute und die Abgründe menschlichen Lebens und Handelns zu erleben und bis zu ihren archetypischen Wurzeln zurückzuverfolgen.

Jenseits intellektueller Wahrnehmung bietet die intuitive Verbindung europäischer Musik mit japanischem Butoh, das auch Wurzeln in Kabuki- und No-Theater hat, die Möglichkeit, den Zuschauer mit einem seiner Grundwidersprüche zu konfrontieren: Forschergeist und fast spielerische Suche nach zivilisatorischem Fortschritt schlagen immer wieder um in zerstörerische kollektive Amokläufe, in denen technische Errungenschaften zu Instrumenten der Zerstörung pervertieren. Die mitunter fast quälend langsamen Bewegungsformen von Butoh geben dem Zuschauer die Zeit, menschliche Hybris ebenso wie abgrundtiefes Leid und äußerste Aggression emotional zu erkennen und ihrer Wirkung auf die eigene Befindlichkeit nachzuspüren.

Von größter Bedeutung sind dabei Musik und Stimme, an deren unsichtbaren Fäden der Tänzer sich durch Raum und Empfindung führen lässt. Instrumentalstücke und Lieder von Axel Ruoff, Viktor Ullmann, Hanns Eisler, Karel Berman, Leonard Bernstein und anderen thematisieren Leid, das Menschen Menschen zufügen. Als musikalische Beiträge sind neben Improvisationen einerseits neue Lieder des Stuttgarter Komponisten Axel Ruoff zu erleben, andererseits Kompositionen u.a. von Kurt Weill, Hanns Eisler, Viktor Ullmann, die vor den Nationalsozialisten ins Exil flohen oder zu deren Opfern zählten; von dem Überlebenden der Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz Karel Berman erklingen Teile seiner autobiographischen Klaviersuite „1938-1945“. Axel Ruoff hat einige Jahre in Japan gelebt und gearbeitet. Seine Lieder greifen japanische Gedichte auf, die aus Sicht der Mutter den Verlust eines Kindes thematisieren. Diese Kompositionen entstanden unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima. 

Ullmann und Berman wurden in Konzentrationslager verschleppt. Ullmann komponierte dort seine Oper „Der Kaiser von Atlantis“, deren Aufführung im Lager verboten wurde. 1944 wurde er in Auschwitz ermordet. Karel Berman überlebte und verarbeitete seine unsagbaren Erlebnisse in seinen Kompositionen. Die Musik Ullmanns, Bermans und Eislers galt unter den Nationalsozialisten als „entartet“. Allen Werken gemeinsam ist im Kontext von „Peenemünde Compassion“ ihre Funktion, dem Tänzer Impulse zu geben, die er in Körperausdruck und Bewegung aufnimmt und spiegelt. Akzente setzt auch das Bühnenbild, das mit Foto- und Videoprojektionen die Energieströme im Kesselhaus des Kraftwerks Peenemünde erlebbar macht, dem energetischen Zentrum eines Ortes, der wie kaum ein anderer Symbol für Fortschritt und dessen Perversion ist. 

gemeinnützige deutsch-japanische Künstlergemeinschaft http://www.kan-compassion-arts.com

Beteligte Künstler:

Yasuko Kosaki: Gesang/Konzeption
Seiji Tanaka: Butoh-Tanz
Noam Sivan: Klavier 
Günther Raupp: Film / Fotografie
Tino Kitzmann: Veranstaltungstechnik
Sibylle Duhm-Arnaudov: Konzeption/Bühne/Produktionsleitung

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