Elvis Costello gastiert mit seiner nostalgischen „Radio Soul! The Early Songs of Elvis Costello“ Show in der Frankfurter Jahrhunderthalle und überzeugt am Ende trotz einiger Längen, die das Konzert zwischenzeitlich auszubremsen drohten.

Vor fast 50 Jahren, im Sommer 1977, explodierte die Karriere von Declan Patrick Aloysius MacManus aka Elvis Costello, der fast im Monatsrhythmus 45-rpm-Single auf dem legendären Stiff Label veröffentlichte.

Musikalisch bewegte sich Costello an der Nahtstelle von Punk und New Wave und wurde ganz nebenbei durch seine Buddy-Holly-Ästhetik zum Vorbild der damaligen Popart. Die frühen Albencover taugen heute noch als ikonisches Motiv für T-Shirts der Generation Z and später.

Von den Attractions zu den Imposters

Aus seiner legendären Begleitband The Attractions wurde später The Imposters. Die alten Weggefährten Pete Thomas am Schlagzeug und der Mann an allen Tasteninstrumenten Steve Nieve prägen auch 2026 noch den schneidenden und intensiven Sound.

Ergänzt wird die Band durch Davey Faragher am Bass und den Special Guest Charlie Sexton an der Gitarre (ehemals bei Bob Dylan). Verglichen mit der Prominenz, die Sexton in der Tourankündigung genoss, bleibt sein Beitrag in Frankfurt aber gering. Wer erhofft hat, dass der Gitarrenmeister zahlreiche Gelegenheiten erhält, sein Können unter Beweis zu stellen, wird enttäuscht.

Weniger Nachfrage als erhofft

Wer den Beginn von Costellos Karriere aktiv miterlebt hat, geht mittlerweile auf die 70 zu. Dementsprechend ergraut gibt sich das Publikum in der Jahrhunderthalle, die bei weitem nicht gefüllt ist. Zu sehr war Costello während seiner Karriere ein musikalischer Grenzgänger, der weit weniger zahlende Fans hat als sein Status in der Popgeschichte suggerieren könnte.

Die leeren Plätze stimmen den Meister aber keineswegs verdrießlich, stattdessen erklärt er mit aufrichtiger Dankbarkeit, er sei in Deutschland nie so groß gewesen wie anderswo und daher umso dankbarer für die "wenigen Freunde", die er habe.

Raritäten und Bekanntes

Das Brinsley Schwarz Cover "Surrender To The Rhythm" folgt als zweiter Song und zeigt, dass seine Stimme gealtert ist, aber dennoch vermag, ein solches Konzert zu tragen. Dass die Geschmeidigkeit verloren gegangen ist, zeigt beispielsweise das halsbrecherisch schnelle "Mystery Dance", das ihn stimmlich überfordert.

So dauert es trotz eines Klassikers wie "Watching the Detectives", das in einer sehr ausgedehnten Version dargeboten wird, etwas länger, bis der Funke wirklich überspringt. Einen ersten großen Höhepunkt bietet "Beyond Belief", das er akustischer als im Original präsentiert.

Spannend sind seine Bemerkungen zu den Aufnahmen zu "Imperial Bedroom" aus dem Jahr 1982. bei dem ihm Beatles-Toningenieur Geoff Emerick alle Freiheiten ließ, die der gute Elvis lange und ausgedehnt auf der Suche nach dem perfekten Akkord ausnutzte.

Gemischtes im Mittelteil

Der nun folgende Akustikteil bietet Höhen und Tiefen. "Almost Blue" gelingt mit Elvis an den Tasten hervorragend und transportiert eine intensive Late-Night-Jazz-Stimmung.

Die zweite Hälfte des Akustikteils leidet aber an seltsam orientierungslosen Versionen von "Everyday I Write The Book" und "Honey, Are You Straight Or Are You Blind", die die Stimmung drücken. Genau wie Anfang der 1980er-Jahre, als Costello sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Album mit Country-Klassikern aufzunehmen und damit einen ersten leichten Karriereknick erlitt, verliert das Konzert mit den folgenden Coverversionen weiter an Fahrt.

Den George Jones-Klassiker "A Good Year for the Roses" croont Costello ohne Gitarre in der Hand, aber auch ohne großen Eindruck zu hinterlassen. Dann folgen mit "Suspicious Minds" und " Always On My Mind" zwei wenig überzeugende Interpretationen großer Elvis Presley Hits.

Dass beide Songs keinen Bezug zum Programm des Abends haben, macht ihren Einschluss noch ärgerlicher. Als es dann mit dem eigentlichen Thema weitergeht, kann das zerfahrene "Clubland" die Stimmung auch nicht aufhellen.

Elektrisch aufgeladen

Aber Elvis Costello bekommt noch die Kurve. "(I Don't Want To Go To) Chelsea" leitet einen Hit-Marathon ein, auf den viele gewartet haben. Das furiose "Pump It Up" macht seinem Namen immer noch alle Ehre, und "Radio, Radio" zeigt noch mal den Furor der späten 70er-Jahre. Steve Nieves Keyboards drehen sich dabei wie eine Kirmesorgel. Die Band groovt. Nun ist alles da, wofür die Leute kamen.

Die kleinen zickigen New Wave Hymnen, die der frühe Elvis Costello mit viel Verve und Überzeugung in die Welt schickte, bestechen nach wie vor. Und auch mit 71 kann Costello zeigen, dass er seine Songs immer noch überzeugend und kraftvoll interpretieren kann.

Die Hits und nur die Hits

"Alison" und "High Fidelity" werden frenetisch vom nun komplett stehenden Auditorium bejubelt, bevor der vielleicht beste Song des Abends folgt, der ausgerechnet nicht aus der Feder von Elvis Costello stammt.

"(What's So Funny 'Bout) Peace, Love, and Understanding" schrieb der ewige Weggefährte Nick Lowe bereits 1974 für seine unterschätzte Pub-Band Brinsley Schwarz bevor es Elvis Costello auf seiner Platte "Armed Forces" 1979 zum Hit machte.

Die Strahlkraft des ausgedehnt zelebrierten Songs scheint Costello anzuheizen. Er rockt an der Gitarre und auch der ansonsten eher zurückhaltend agierende Charlie Sexton ist nun präsenter in der Gitarrenarbeit. Es folgen weitere Zugaben, wovon insbesondere "Olivers Army" sehnsüchtig von der Menge erwartet wurde. Nach etwas mehr als 2 Stunden wirkt Elvis Costello fast so, als könnte er noch eine Stunde weiterspielen.

Die Fans danken es ihm mit viel Jubel und Applaus. Seine Worte "Danke fürs Kommen, wer weiß, wann wir uns wieder sehen" am Ende hallen bittersüß nach, denn vielleicht nahm Elvis Costello an diesem Abend Abschied von seinen deutschen Fans

Gewohnt eigenwillig

Wer geglaubt hatte, dass Elvis Costello mit seiner "Early Songs"-Tour Hit an Hit reihen würde, wird in Frankfurt eines besseren belehrt. Das Konzert benötigt bis zum letzten Drittel, um auch die Zuschauer tatsächlich vom Sitz zu reißen.

"Sind wir aber mal ehrlich, niemand wäre gekommen, wenn die Tour ‚Die späten Songs von Elvis Costello‘ hieße" hatte Costello noch erklärt, aber beim Versuch ein abwechslungsreiches Programm anzubieten, hat er sich im Mittelteil selbst zeitweise ausgebremst.

Seine Fans wissen natürlich: Elvis Costello ist ein eigenwilliger Künstler mit klaren Ideen, die aber nicht immer überzeugen. So war es auch an diesem Abend in der Jahrhunderthalle: Umso schöner, dass am Ende doch noch alle gemeinsam feiern konnten.

Stolz fügt er aber noch die erstaunlichen Absatzzahlen seines ruhigen Spätwerks "North" hinzu und die Kenner müssen schmunzeln.