Trotz Temperaturen weit jenseits der 30-Grad-Marke ist das Zeltfestival Rhein Neckar bestens besucht. Dass bei den Besuchern und Besucherinnen, nicht mehr viel vorgeheizt werden muss, bevor mit Idles, der Mainact des Abends die Bühne betritt, liegt jedoch nicht nur am Wetter. Neben der Band aus Bristol, begeistern an diesem auch noch drei weitere Acts.
Hochkarätiges Vorprogramm
Den Auftakt machen dabei Heartworms. Die Londoner Post-Punk- und Gothic-Rock-Band trotzt den sommerlichen Bedingungen auch in langen Lederoutfits mit einer beeindruckend, kompromisslosen Show.
Darauf folgt mit Salò ein alter Bekannter auf dem Maifeld Gelände. 2024 war der österreichische Musiker mit seiner Band Teil des Line-ups des letzten Maifeld Derbys gewesen. Dieses Mal hat der Künstler nicht nur einige neue Songs mit im Gepäck, sondern auch einen Getränkekasten, dessen Inhalt er großzügig im Publikum verteilt. Eine Investition, die sich wenig später als gut angelegt erweist, als das Publikum sich zum FLINTA*-Moshpit zusammen tut.
Den letzten Support-Slot übernimmt der im australischen Canberra ansässige Genesis Owusu, dessen Musik sich zwischen Hip-Hop, Post-Punk und Funk bewegt und das Palastzelt immer voller werden lässt.
Sofort auf Betriebstemperatur
Als die Idles schließlich die Bühne betreten ist die Stimmung längst auf Betriebstemperatur. Mit "Leviator" und "Never Fight a Man With a Perm" eröffnet die Band ihr Set ohne Umwege. Beim dritten Song "Mother" nimmt das Publikum dann endgültig an Fahrt auf und stimmt bereits in das Lied ein, bevor Sänger Joe Talbot überhaupt zum Mikrofon gegriffen hat.
Auch sonst zeigen sich die Zuschauenden textsicher und enthusiastisch, während die Band einen Querschnitt ihres Schaffens präsentiert. Das Konzert wird zu einer Reise durch die komplette Diskografie der Gruppe, bei der kein Album fehlen darf. Auch neuere Songs wie "Gift Horse", "POP POP POP", "Gratitude" und "Dancer fügen sich nahtlos in das Set ein und stehen älteren Fanlieblingen in Sachen Intensitität nicht nach. Doch anderes war kaum zu erwarten bei einem Album, dass die Gruppe in Anlehnung an das Geräusch von Gitarren "TANGK" getauft hat.
Laut gegen Rechts
Auch wenn die Gruppe das Etikett "Post-Punk" für sich selbst nie besonders gern verwendet, verkörpert sie auf der Bühne eine dazu nicht unpassende Mischung aus Wut, Gesellschaftskritk und emotionaler Offenheit.
Laut ist die Gruppe nämlich nicht nur musikalisch. Auch politische Statements werden einige gesetzt. Immer wieder kündigt Talbot Songs als "antifaschistische Lieder" an. Während "I'm Scum", einem ohnehin sehr politischem Werk, legt die Gruppe eine Unterbrechung ein, um gemeinsam mit dem Publikum "Free Palestine"-Rufe anzustimmen. Später folgt mit "Danny Nedelko" eine Hymne auf Migration und kulturelle Vielfalt.
Leadgitarrist Mark Bowen lässt sich kurzerhand zu einem Stagedive hinreißen, während sich Lee Kiernan an der Rhythmusgitarre unermüdlich um die eigene Achse dreht. Talbot funktioniert wahrscheinlich mal wieder das Mikrofon zum Lasso um und das Publikum feuert an.
Vielseitiges Repertoire
Doch auch Themen wie mentale Gesundheit, Trauer und Verlust ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk der Idles und sorgen zwischendurch für etwas bedächtlichere Momente. So widmet Talbot etwa den Song "The Wheel" seiner Mutter, die zu Lebzeiten mit Alkoholismus zu kämpfen hatte und appelliert an das Publikum, sich in schwierigen Situationen mitzuteilen, Hilfe anzunehmen und kreative Ausdrucksformen zu nutzen.
Bei all der Energie und Lautstärke zeigt der Abend so auch immer wieder eine verletzliche, in sich gekehrte Seite der Band.
Die Idles verzichten auf eine Zugabe. Statt die Bühne zu verlassen, um danach wieder zurückzukehren, nutzt die Band die Gelegenheit dazu unter Beweis zu stellen, dass sie neben aller Ernsthaftigkeit auch einen Sinn für Humor besitzen. So stimmt Talbot eine Acapella Version von Mariah Careys "All I Want for Christmas Is You" und das bei sommerlichen Wetter mitten in Deutschlands wärmster Stadt. Danach begibt sich die Gruppe noch einmal "back into character" und verabschiedet sich mit einer eindrucksvollen Liveversion ihres Songs "Rottweiler".
Setlist: Levitator / Never Fight a Man With a Perm / Mother / Gift Horse / When the Lights Come On / Mr. Motivator / The Wheel / Divide and Conquer / POP POP POP / Car Crash / War / 1049 Gotho / Gratitude / I’m Scum / The Beachland Ballroom / Danny Nedelko / Dancer / All I Want for Christmas Is You (Mariah Carey) / Rottweiler










