Es ist ein Dienstag Abend, an dem es sich lohnt, schon um 20 Uhr "Das Bett" aufzusuchen. Statt Ausschlafen steht der Tourauftakt der Pop-Punk/Electro-Clash Band The toten Crackhuren im Kofferraum an. Energie tanken lässt sich in dem Frankfurter Club dennoch, schließlich hat die Gruppe ihr neues Album "Love, Hate & Engelenergie" im Gepäck.

Eröffnet wird der Abend von Rapperin Finna, die ihre Rolle, das Publikum auf das kommende Konzert einzustimmen, so ernst nimmt, dass sie direkt mit einer gemeinsamen Gesangsübung startet.

Statt "Do re mi fa so la ti do" heißt es hier immer wieder "DIY" – ein Konzept, das von der Hamburger Künstlerin groß geschrieben wird. Finna übernimmt das Producing ihrer Songs, in denen sie mal Diskriminierung jeglicher Art und ein anderes Mal wiederum Papierkram den Kampf ansagt, selbst.

Das Publikum darf sich außerdem über das Bühnendebüt eines bislang unveröffentlichten Songs freuen, zu dem sich Finna spontan entscheidet.

Volle Fahrt voraus

Dann ist es Zeit für The toten Crackhuren im Kofferraum (kurz The TCHIK). Passend zum neuen Album ist die Bühne in einen schimmernden Knistervorhang gehüllt und mit Wattewolken dekoriert. Bevor die Gruppe um Sängerinnen Lulu, Doreen und Ilay jedoch ihre Plätze darauf einnimmt, wird zwar bereits das Festland verlassen, doch statt in hohen Gefilden, findet sich das Publikum zunächst auf offenem Gewässer wieder.

Aus dem Off ertönt die Titelmusik der ZDF-Serie "Das Traumschiff", dazu eine Ansage von "Kapitänin Lulu". Darin die Bitte, größere Passagiere, mögen kleinere Passagiere vorlassen und die Erinnerung daran, dass diskriminierendes Verhalten zu Bordverweis führe. Auch T-Shirts hätten anzubleiben, wer dennoch Abneigung gegen sein Oberteil verspüre, habe die Möglichkeit den Merchstand aufzusuchen.

Dann betritt die allesamt mit Flügeln ausgestattete Gruppe die Bühne. Wie auf dem neuen Album startet auch das Konzert mit "Supernova". "Wenn ihr ganz brav seid, dann hört ihr die Engel singen", heißt es da. Und bis auf einen Zwischenfall, den die Gruppe souverän löst, verlaufen Mosphits, Wall of Death (an diesem Abend umgetauft zu "Wall of Angels") und auch Doreens Ausflug ins Publikum so reibungslos, wie das in einem solchen Kontext eben geht.

Gemeinsam wütend sein

Die einzelnen Songs werden an diesem Abend durch aufwendige Choreografien begleitet. Zwischen den Liedern moderiert die Band dann wiederum gemeinsam und teilt kleine Anekdoten. Mit Songs wie "Mach dir keine Sorgen, mach dir Nudeln", hat sie außerdem die ein oder andere Lebensweisheit im Gepäck. Auch wenn The TCHIK in ihren Werken generell eher einen humorvollen Ansatz verfolgen, um gesellschaftliche Themen aufzugreifen, finden an diesem Abend auch ernste Töne ihren Platz.

Etwa dann, wenn Sängerin Lulu sich für das zahlreiche Erscheinen bedankt und in diesem Zusammenhang über die schwierige Lage vieler Musiker*innen und kleiner Venues spricht und betont, wie wichtig es ist, auf Konzerte zu gehen und Kultur zu unterstützen. Und dann ist da noch der neue Song "Meine Wut", der leider viel zu gut zu aktuellen Geschehnissen wie etwa dem Fall Collien Fernandes passt. 

Das Publikum reagiert zustimmend und scheint dankbar dafür, dass The TCHIK einen Ort schaffen, an dem diese Wut gemeinsam gefühlt werden kann.

Ponys, Tauben und Punkrock

Das The TCHIK-Traumschiff begibt sich in Frankfurt jedoch nicht nur auf Reise durch das aktuelle Album der Gruppe, sondern stattet mit Songs wie "Kopf, Knie" oder "Ronny und Clyde" unter anderem auch Songs aus der Band-Anfangszeit einen Besuch ab. Der Fan-Liebling "Ich und mein Pony" darf in der Setlist natürlich ebenso nicht fehlen. 

Die darauf folgende Zugabe widmet sich dann wiederum den "Pferden des Windes", auch bekannt als Tauben. In gleich zwei Songs besingt Lulu im eigens dafür gebastelten Taubenkostüm, die oft unterschätzten Vögel. Passend dazu lässt sich an diesem Abend neben dem Merch- und "Kein Bock auf Nazis"-Stand ein weiterer Tisch mit Vertreterinnen der Taubenhilfe in Offenbach und Frankfurt finden.

Am Schluss verabschieden sich The TCHIK dann mit "Punkrock hat mir das Herz gebrochen" und damit zugleich einer Erinnerung daran, dass sich im Punk alle willkommen fühlen sollten. Etwas, dass The TCHIK an diesem Abend mehr als gelungen ist, denn nach dem Konzert verlässt nicht nur die Gruppe sondern auch das Publikum den Veranstaltungsort ganz beflügelt.

Setlist

Supernova / In meinem Herzchen / Du bist 'ne Geile / Bewerte mich / Skincare Routine / Halt dein Maul / Mach dir keine Sorgen, mach dir Nudeln / Ronny & Clyde / Lieber Gott / Kink / Geist / Ich brauch keine Wohnung / Zurück in der Gosse / Meine Wut / Kopf, Knie / Klaus / Nackt auf dem Balkon / Ich und mein Pony // Zugabe: Tauben / Kein Freund (ein Täubchen will ich) / Mach sie platt! / Bau mir nen Schrank / Punkrock hat mir mein Herz gebrochen