Mit ausufernden, nahezu orchestralen Instrumentalstücken, atmosphärischen Drones, kryptischen Samples und einer fast schon gewerbsmäßigen Geheimniskrämerei waren Godspeed You! Black Emperor stilprägend für den modernen Post-Rock.
Alben wie "Lift Yr. Skinny Fists Like Antennas to Heaven!" gelten auch heute noch als Meilensteine des Genres, und auch die jüngeren Alben des kanadischen Kollektivs finden sich regelmäßig in den jährlichen Bestenlisten von Musikmagazinen und Feuilletons.
(Big) Business as usual
So erstaunt es nicht, dass die Halle des Wiesbadener Schlachthofes an diesem grauen Sonntagabend ordentlich gefüllt ist. Noch weniger, wenn man bedenkt, dass sich Godspeed You! Black Emperor spätestens seit ihrer Reunion im Jahr 2010 den Ruf einer wirklich hervorragenden Live-Band erspielt haben.
Dabei hat sich am grundlegenden Konzept ihrer Auftritte in den vergangenen Jahren wenig geändert: Die ausufernde Besetzung – immerhin drei Gitarristen, zwei Bassisten, zwei Drummern, Cello und Violine – gehört genauso zum Inventar wie die analogen Videoprojektionen, die nicht-existente Interaktion mit dem Publikum und das Impro-Vehikel "Hope Drone" als Opener.
Anfang mit Schwächen
Die auf die kollektive Improvisation folgenden zwei Stücke, die auch das kontrovers betitelte letzte Album ""No Title as of 13 February 2024 28,340 Dead" (2024) eröffnen, schaffen es jedoch erstmal nicht, den kritischen Hörer mitzureißen: Zu klischeehaft die schwelgerischen offenen Akkorde, zu simpel das harmonische Grundgerüst und zu monoton der Rhythmus der beiden Godspeed-Schlagzeuger.
Störend ist in diesem Hinblick auch der anfangs noch recht unausgewogene Live-Sound im Schlachthof. Erst mit der Zeit finden die zahlreichen verschiedenen Instrumente ihren Platz im Mix, um damit endlich die sorgsame, fein texturierte Klangwelt und die zahlreichen kleinen kompositorischen Finessen des Kollektives zu offenbaren.
In the Zone
Nach diesen Startschwierigkeiten nimmt das Set dann jedoch unvermittelt an Fahrt auf: Neben dem Fan-Favoriten "Monheim" von "Lift Yr. Skinny Fists..." überzeugt etwa der Neuling "Raindrops Cast In Lead" durch seinen treibenden, Krautrock-beeinflussten Rhythmus, während "Pale Spectator Takes Photographs" mit seiner ungewohnt dissonanten Grundstimmung faszinierende neue Facetten des klassischen Godspeed-Sounds an den Tag legt.
Auch die Band scheint mit der Zeit immer mehr in eine Trance zu verfallen – das Interplay wird über die gesamten zwei Stunden Spielzeit immer tighter, und gerade im überaus starken Mittelteil ist die Konzentration auf der Bühne förmlich spürbar: Die Songs fließen wie aus einem Guss, sodass gerade auch die genretypischen Crescendi wie unausweichliche Entladungen der über verschlungene Pfade sich steigernden musikalischen Spannung über das Publikum hereinbrechen.
So verteidigen Godspeed You! Black Emperor trotz eines etwas zähen Starts doch mühelos ihren Status als eine der besten Live-Bands des Genres und erheben sich durch ihr nuanciertes wie virtuoses Zusammenspiel und die doch immer wieder innovativen Kompositionen gleichsam über die inzwischen oft lähmende Formelhaftigkeit des Post-Rocks.
Hahn solo
Nicht unerwähnt bleiben darf im Übrigen auch der Auftritt des Support-Acts Kristof Hahn, seines Zeichens Lap Steel-Gitarrist der phänomenalen Swans. Zumindest mit diesen bewegt Hahn sich durchaus auch im Post-Rock-Dunstkreis, was der sphärisch-dröhnende Auftakt seines Sets mit geloopten Gitarrenlinien und jede Menge Reverb eindrucksvoll demonstriert.
Was darauf folgt, ist jedoch durchaus unerwartet: Statt epochaler Klanggebilde wechselt Hahn mit einem Mal zu intimen Coverversionen (u.a. Roxy Musics "If there is something" und "Heartbreak Hotel" von Elvis), bei denen er seinen charismatisch-brüchiger Sprechgesang mit ungemein dynamischem Lap Steel-Spiel begleitet, das durch technische Finesse eine erstaunliche texturale Bandbreite entfaltet.
Mit seinem rohen, unperfekter Sound verwandelt Kristof Hahn die eigentlich melancholischen Cover in rätselhaft-bedrohliche Litaneien, die mehr noch als der Main Act den Schlachthof mit einer wohlig-unangenehmen Atmosphäre abseits tradierter Klischees tränken.



