Zehn Jahre nach der Veröffentlichung ihres erfolgreichsten Albums "Get to Heaven" zeigen Everything Everything im Zoom in Frankfurt, dass ein Album, das das Weltgeschehen des Jahres 2015 musikalisch verarbeitet hat, auch ein Jahrzehnt später noch von großer Relevanz sein kann.

Zur Feier des zehnjährigen Jubiläums der Veröffentlichung performen Everything Everything "Get To Heaven" in voller Länge – nur die Reihenfolge der einzelnen Songs wird ein wenig neu arrangiert.

Bevor es jedoch losgeht, müssen sich die Besucher*innen des Zooms noch ein wenig gedulden, Unterhaltung bieten so lange sowohl der Merchstand, vor dem sich bereits kurz nach Einlass eine lange Schlange bildet, als auch die UK-Band Low Island, die das Publikum mit einer Mischung aus Indie-Rock und -Pop aufwärmt.

Atmosphärische Inszenierung

Genau wie auf dem Album macht dann "To The Blade" den Auftakt, zu dem Everything Everything die Bühne betreten. Danach übernimmt jedoch erst einmal "Blast Doors" statt "Distant Past".

Dabei zeigt sich, dass nicht nur die musikalischen Arrangements und Lyrics der vier Musiker aus Manchester sehr durchdacht ausfallen, sondern auch deren Bühnenshow. Nachdem in "Blast Doors" die Rede davon ist, Gefängnistüren zu sprengen, verfärben sich die gelben Anzüge der Mitglieder im roten Licht zu orangenen Overalls.

Auch sonst ist die dystopische Atmosphäre von "Get To Heaven" gut aufgehoben in den futuristisch anmutenden Räumlichkeiten des Frankfurter Zoom Clubs. Auch wenn es inzwischen ein Jahrzehnt her ist, dass die Gruppe in ihren Songs die Weltlage musikalisch verarbeitet hat, zeigen Andrang und die Energie im Publikum, dass das Album auch heute noch viel Anspruch erfährt.

Obwohl die Texte in Reaktion auf globale Spannungen und politische Ereignisse um das Jahr 2014 wie etwa dem Aufstieg des Islamischen Staates im Irak und in der Levante und der Berichterstattung über die britischen Parlamentswahlen 2015 entstanden sind, lassen sie sich zu großen Teilen auch auf die heutige Weltlage projizieren.

Für Kopf und Tanzbein

Doch mit "Get To Heaven" wollten Everything Everything nie nur ein intellektuelles Konzeptalbum, sondern auch ein Werk schaffen, das Menschen nicht nur zum Nachdenken, sondern auch wortwörtlich in Bewegung bringt.

Entsprechend energiegeladen ist die Performance: tiefer Bass, präzise Rhythmen und Synthflächen, darüber die Stimme von Sänger Jonathan Higgs, die sich mühelos zwischen Falsett, Sprechgesang und elektronisch verfremdeten Tiefen bewegt.

So gelingt der Gruppe, die bekannt ist für ihren Mix aus Artpop, Indie und einer gewissen Freude am Experimentieren, auch live eine gekonnte Gratwanderung zwischen kontrolliertem Chaos und emotionaler Wucht.

Eingespielt

Während das Publikum bereits nach Higgs zu Beginn gestellten – im Rahmen der Jubiläumstour wohl eher rhetorisch anmutenden – Frage "Ihr mögt also 'Get To Heaven'?" mit Begeisterung reagiert, woraufhin Higgs ein kurzes "wollte nur sichergehen" ergänzt, grooven sich Publikum und Band im Verlauf des Abends immer weiter ein.

Die Band wird zunehmend lebhafter, fordert die Zuschauer*innen zum Mitmachen auf und besonders bei späteren Songs wie "Spring / Summer / Winter / Dread", "Hapsburg Lippp" und "No Reptiles" stellt das Publikum noch einmal besonders seine Textsicherheit unter Beweis.

Einmalige Gelegenheit

Bei letzterem bricht Higgs dann in Reaktion auf das Publikum kurzzeitig die apokalyptische Grundstimmung des Albums mit einem kleinen Grinsen.

Als dann der letzte Song des Abends verklingt, bleibt eine zufrieden, aber auch ein wenig melancholisch wirkende Menge vor der Bühne zurück, die sich nur langsam auflöst. Schließlich war es eine wohl eher einmalige Gelegenheit, das Album noch einmal in seiner Gänze live erleben zu können.