An einem der bislang heißesten Tage des Jahres zeigt Patti Smith bei Summer in the City in der Zitadelle in Mainz, dass nur die Hitze sie kurzzeitig auszubremsen vermag.

Patti Smith ist inzwischen 78 Jahre alt und hält trotz widriger Zeiten eisern an ihren Idealen fest. Über mangelnde Resonanz kann sie sich keineswegs beklagen. Ihr Auftritt in Mainz zum Auftakt von nicht weniger als neun Deutschlandkonzerten ist hervorragend besucht.

Auftritt als Quartett

Dementsprechend dankbar zeigt sich die immer publikumsnahe US-Amerikanerin: Sie winkt ins Publikum, sendet Grüße und verbreitet insgesamt eine herzliche Atmosphäre.

Musikalisch unterstützt wird sie von einem Quartett, das aus ihrem Sohn Jackson Smith an der Gitarre, ihrem langjährigen musikalischen Partner Tony Shanahan und Schlagzeuger Sebastien Rochford besteht. Ihr ebenfalls langjähriger musikalischer Partner Lenny Kaye ist nicht mehr dabei.

Cover von Earle und Dylan

Neben alten Schlachtrössern wie "Redondo Beach" und "Dancing Barefoot" spielt Patti Smith auch einige Cover wie "Transcendental Blues" von Steve Earle, das musikalisch eher verzichtbar ist. Dennoch sorgt die Performance für einen schönen Moment.

Als Patti Smith vergisst, den Refrain nochmal zu singen, entschuldigt sie sich damit, dass sie das Lied immer noch lerne und singt den Refrain anschließend ganz ohne Begleitung. Das verdeutlicht, dass ihre Stimme angesichts ihres Alters immer noch in sehr guter Form ist. 

Außerdem gibt es das ausdrucksstarke "Man In The Long Black Coat", ein Cover von Bob Dylan, das sie nach ihrer Erzählung ihrem Sohn, der neben ihr auf der Bühne steht, vorgesungen hat, als er noch ein Baby war. Kein klassisches Einschlaflied – aber wenn es funktioniert...

Keine Scheu vor Politik

In ihrem Song "1959" thematisiert sie die chinesische Invasion von Tibet, das als Kind ihr Lieblingsland gewesen sei. Wie sehr sie die Geschichte bewegt, zeigt sich auch darin, dass sie ein Geburtstagsgedicht an den aktuellen Dalai Lama Tenzin Gyatso verliest, der in Kürze seinen 90. Geburtstag feiern wird.

"Ghost Dance" widmet sie den Ureinwohnern Nordamerikas, deren Land sie durch die Politik der aktuellen US-Regierung in Gefahr sieht. Dass sie sich auch mit ihrem Auftrittsort beschäftigt hat, zeigt sich in einer Würdigung von Johannes Gutenberg, dessen Erfindung Bücher (und damit Wissen und Kunst) breiten Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht hat.

Kurze Pause in der Hitze

Nur die Hitze vermag Patti Smith kurz aus dem Konzept zu bringen. Sie nimmt sich eine kurze Pause und setzt sich an den Bühnenrand, während Tony Shanahan mit der restlichen Band ein gar nicht schlechtes Cover von "Everyday People" des kürzlich verstorbenen Sly Stone performt.

Danach geht es für Patti Smith weiter – nicht ohne mütterliche Ermahnungen an das Publikum ausreichend Wasser zu trinken. Ob sie selbst diesen Rat beherzigt, ist weitaus weniger klar. 

Abschluss mit den Klassikern

Die zweite Konzerthälfte bietet noch einige Highlights, darunter eine wilde Version von "Pissing in the River", den relativ neuen Song "Peacable Kingdom", der die Utopie einer Welt ohne Gewalt thematisiert und das intensive "Nine" von ihrem letzten Album "Banga".

Mit der vertrauten, aber immer effektiven Zugabe von "Because the Night" und "People have the Power" geht das Konzert nach knapp neunzig Minuten unter großem Jubel zu Ende. Patti Smith hat gezeigt, dass mit ihr noch zu rechnen ist.

Setlist

Redondo Beach / Ghost Dance / Dalai Lama Birthday Poem / 1959 / Transcendental Blues / My Blakean Year / Nine / Everyday People (nur die Band) / Dancing Barefoot / Man in the Long Black Coat Beneath the Southern Cross / Peaceable Kingdom / Pissing in a River / Because the Night / People Have the Power