Verletzlichkeit, Wut und Wummern: Bei ihrem seltenen Deutschland-Gig in der Kölner LANXESS arena liefern die Nine Inch Nails nicht nur eine Soundwand, sondern eine etappenweise Seelenvermessung – still, technoid, brutal.

Genau wie ihr Gründer Trent Reznor sind Nine Inch Nails seit Jahrzehnten ein Phänomen. Kaum eine Band hat sich derart konsequent neu erfunden und stilistisch mehrfach gehäutet wie das Projekt rund um den zweifachen Oscar-Preisträger.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, wenn sich Reznor dann doch mal wieder für ein paar exklusive Konzerte nach Deutschland begibt.

Aller Anfang ist ruhig

Als Trent Reznor alleine in der Mitte der Kölner LANXESS arena am Klavier “Right Where It Belongs“ anstimmt, droht das Stück zunächst im tosenden Applaus unterzugehen.

Erst bei der ebenso bedächtigen Fassung von “Ruiner“ stoßen schließlich weitere Musiker hinzu und greifen ihm bei “The Fragile“, dem Finale des ersten Teils, unter die Arme.

Wirkungsvolle Werkschau

Erneut präsentieren Mastermind Trent Reznor und seine illustre Begleitband – allen voran die langjährigen Mitstreiter Atticus Ross und Robin Finck – ein durchdachtes Gesamtkonzept auf ihrer “Peel It Back“-Tour.

Das Ganze ist unterteilt in unterschiedliche Sektionen, die die verschiedenen Konfigurationen der Nine Inch Nails abbilden.

Hinter dem gläsernen Vorhang

Nach dem ruhigen Beginn im Stile des 2002er “Still“-Albums wandert die Band zu den Klängen von “Eraser“ auf die zu diesem Zeitpunkt noch “Unpeeled Main Stage“, auf der sie den ersten Teil des eigentlichen Sets zum Besten gibt.

Energiegeladen wie eh und je, fokussiert sich dieser Abschnitt auch weitgehend auf die Frühwerke der Band.

Emotionale Eruption

Bei Nummern wie “Wish“ und “March Of The Pigs“ lebt die Band die rohe Wut, die Reznor einst zu diesen Songs trieb.

Das Publikum im Innenraum der Kölner LANXESS arena honoriert es durchweg mit Headbangen und euphorischem Jubel. Parallel flimmern atmosphärische, aber nie aufdringliche Videofeeds über den transparenten Bühnenvorhang.

Kaltblütig gen Clubgewand

Im Anschluss an das hypnotische Kriechen von “Reptile“ und den kontrollierten Ausbruch von “Gave Up“ ziehen Reznor und ein Teil der Gruppe wieder auf die B-Stage in der Mitte der Halle um.

Jetzt wird es elektronischer: Mit der Unterstützung von Boys Noize, der bereits vor Showbeginn für Stimmung sorgte, gibt es feinsten Techno auf die Ohren.

Des Kaisers neue Kleider

Gemeinsam mit dem deutschen DJ, bürgerlich Alexander Ridha, tischen die Nine Inch Nails hinter einem Vorhang aus Laseranimationen wabernde Synths und krachende Beats aus ihren Platten dieses Jahrtausends auf.

“Vessel“ sowie die beiden Hit-Singles “Only“ und “Came Back Haunted“ ziepen und klirren, dass es eine wahre Freude ist.

So geht Schadenfreude

Doch wer glaubt, die Show würde jetzt im elektronischen Dunst verglimmen, kennt Reznor und seine Mannen schlecht.

Zurück auf der nun unverhüllten Main Stage, feuern sie mit “Somewhat Damaged“ vom Meilenstein “The Fragile“ direkt einen brachialen Industrial-Kracher in die Gehörgänge ihrer Fans. Die Menge tobt – und genießt jeden Schlag.

Die sündigste Versuchung seit "Personal Jesus"

Natürlich dürfen weitere Publikumslieblinge, speziell von der Jahrhundertplatte “The Downward Spiral“, an diesem Abend ebenso wenig fehlen.

Auf “Heresy“ folgt das ekstatisch-düstere wie sexuell aufgeladene “Closer“, dessen berüchtigter Refrain längst zur Popkultur gehört. Intensiver und enthemmter wird es an diesem Abend nicht mehr.

Angst essen Seele (nicht) auf

Auch ein Tribut an die längst verstorbene Legende David Bowie gehört in Köln zum guten Stil.

Kaum ein Titel wirkt dabei so zeitgemäß wie “I’m Afraid Of Americans“. Schließlich klingt das mittlerweile eher nach Weltnachricht denn nach Songzeile. Die Zuschauer feiern die politische Spitze mit ironischem Applaus.

Gefühlsbetont zum Stillstand

Den fulminanten Abschluss bilden der frühe Kracher “Head Like A Hole“ und die beinahe zerbrechliche, durch Johnny Cash popularisierte Hymne “Hurt“.

Verletzlich waren die Nine Inch Nails eben schon immer – wenn auch meist im Zeichen ihres ureigenen Selbstzerstörungswahns, dem stets ein bittersüßer Beigeschmack beiwohnte.

Alles am richtigen Ort

Am Ende eines Auftritts, der irgendwo zwischen verstörender Schönheit, emotionaler Abrissbirne und ätzendem Kettensägenmassaker angesiedelt ist, kehren Trent Reznor und seine Band also ein letztes Mal in ruhigere Gefilde zurück.

Damit schließt sich der Kreis und alles ist – nicht nur in der LANXESS arena – “Right Where It Belongs“.

Setlist

Right Where It Belongs / Ruiner / The Fragile // Eraser / Wish / March Of The Pigs / Reptile / Copy Of A / Gave Up // Vessel / Only / Came Back Haunted // Somewhat Damaged / Heresy / Closer / I’m Afraid Of Americans / Less Than / Head Like A Hole / Hurt