Kaum ist der Vorhang gefallen, zünden Tyler Joseph und Josh Dun mit ihrem Sound das frenetisch schreiende Publikum an. Das donnernde Trommelfeuer des Schlagzeugs und der Flow im Rap von Tyler bei "Overcompensate" reißt alle mit und zeigt schon jetzt diese besonders enge Beziehung der Twenty One Pilots zu ihren Fans.
Als Tyler, noch mit Maske, zum Publikum herabsteigt, halten einige Fans eine größere Platte über ihre Köpfe. Tyler klettert drauf und steht sofort mit "Holding On To You" über und mitten zwischen den Fans. Singen oder rappen müsste er eigentlich nicht.
Das Publikum in der ganzen Lanxess Arena steht und singt frenetisch textsicher mit. Josh kommt derweil rüber zu Tyler, der inzwischen auf dem Piano steht, und springt mitten im Song mit einem Backflip vom Piano runter.
Wie von Zauberhand
Es ist wahnsinnig beeindruckend, wie schnell Tyler zwischen Rap und Gesang wechselt, ohne jemals den Flow und die Energie zu verlieren. Er nutzt dabei die komplette Bühnenbreite wie bei "Vignette", setzt sich immer wieder ans Piano für bestimmte Parts oder wechselt zum am Boden liegenden Synthesizer.
Für "Car Radio" haben sie sich einen echten Zaubertrick einfallen lassen. Mitten im Song springt scheinbar Tyler, immer noch maskiert, rückwärts hinter die Bühne, um nur Sekunden später im Oberrang der Lanxess-Arena zu stehen. Ober reißt er sich unter frenetischem Geschrei die Maske runter. Der Teleportationstrick zündet das Publikum scheinbar noch mehr an. Aber die Fans sind eh nicht zu halten.
Heimlich unter den Fans
Nach dem Karaoke-Opening, bei dem zu Fanbildern auf den Videowänden der Songtext von "The Judge" läuft und die Fans allein singen, steigt die Jungs mit ein. Tyler verrät unterdessen, dass er sich vor Konzert draußen unter das Publikum gemischt hat und ihnen so schon ganz nah war.
Nun mit Akustik-Gitarre singt Tyler das ruhige Opening von "The Craving (Jenna's Version)", bevor die Zuschauer wieder samt "Tear In My Heart" zum frenetisch singenden Chor werden. Hände hoch und Arme schwenken heißt es bei "Backslide". Auf "Shy Away" folgt die treibend energetische Melodie von "Heathens", die mit ihren sphärischen Stilelementen heraussticht und dennoch immer wieder diese explosiven Ausschläge hat.
Zeitgemäßer Umgang mit Handys
Mit dem Gesang zu "Routines In The Night" läuft erst Josh zur hinteren B-Stage zum dort aufgebauten Schlagzeug und fährt dort mit einer Hebebühne hoch. Tyler folgt auf der anderen Seite und setzt sich dort ans Piano. Die ruhigere Power-Ballade "The Line" wird wieder fast mehr vom Publikum gesungen.
Perfekt in die moderne Zeit passt die Symbiose von Twenty One Pilots mit ihren Fans bei "Mulberry Street". Entgegen dem tendenziell eher rückwärts gewandten Trend, den Fans bei Konzerten die Handys zu verbieten, machen Twenty One Pilots genau das Gegenteil.
Sie binden die Fans mit ein. Sie teilen die Zuschauer in vier Gruppen und auf je ein gesungenes Wort reißen sie die Handys samt ihrer Lichter nach oben. Von rechts über hinten nach links und in den Innenraum entsteht so eine emotionalisierende Choreographie der Lichter, bei der die Fans ein Teil der Show sind.
Feuer frei
Am Ende zündet Josh hinten eine Fackel an und holt Tyler ab. Gemeinsam laufen sie zurück zur Hauptbühne. Inzwischen ist die Abdeckung hinter der Bühne hochgefahren und es brennen mehrere Elemente. Schon bei "Navigating" brennt es und nach "Nico And The Niners" folgt mit "Heavydirtysoul" ein Song purer Dramatik, bei die Melodie von den Schlägen des Schlagzeugs durchstochen wird. Das Publikum singt und klatscht im Rhythmus mit. Mit zahlreichen Explosionen wird die Bühne zum optischen Inferno.
Bei My Blood" entledigt sich Josh seinem Oberteil. Darunter trägt er ein ärmelloses Shirt mit dem Aufdruck "Köln". Das kommt natürlich gut an. Mit skelettartiger Maske singt Tyler dann "Doubt", bevor es richtig emotional wird. Nach "Guns For Hands" und "Lavish" läuft Tyler wieder zur B-Stage durchs Publikum und zelebriert mit ihnen "Ride" Hinten trifft er sich mit einem jungen Mädchen. Die kleine Lisa darf dort mit Tyler und dem gesamten Publikum als Chor den Song zu Ende singen.
Der letzte Song im Hauptblock ist die dramatische Ballade "Paladin Strait", die wieder so ein fannahes Erlebnis bietet. Diesmal wird ein Brett von den Zuschauern über die Köpfe gehalten, auf dem ein Schlagzeug samt Sitz fest montiert sind. Josh rennt runter zu den Fans, klettert drauf und sitzt über und mitten der Fans, als er seine feuernden Schläge ins Publikum schickt.
Episches Finale
Die Zugabe beginnt wieder mit dem Gesang der Zuschauer, während zu "Jumpsuit" die Bühne brennt. Auf Midwest Indigo" folgt ein optisches Highlight der Show. Am drehenden Karussell, an dem sich normal immer Pferde für Kinder befinden, sind es hier Skelette von Tieren wie Hunden. Dazu feiern die Fans den bekannten Hit "Stressed Out" und singen laut mit.
Das packende Finale wird zum Naherlebnis für die Fans. In der Mitte des Innenraums wird ein Kreis gebildet und zwei Minibühnen reingeschoben. Tylere und Josh rennen zu den Bühnen. Als sie oben sind, rücken die Fans ganz dicht dran. Mit "Trees" versetzen sie die Halle in ein völlig ausflippendes Inferno des Rauschgefühls. Scheinbar alles explodiert, die Fans tanzen, springen und singen. Ein würdiges Finale einer fantastischen Show.
Ganz oben angekommen
Die Twenty One Pilots treffen aktuell den Zeitgeist, verbinden Rap und Gesang in perfekter Symbiose. Eine ausverkaufte Tour, gefeierte Shows bis zur totalen Ekstase. Dazu punkten sie mit bemerkenswerter Fannähe.
Mit diesen Shows sind sie endgültig auf dem Level der internationalen Top Acts angekommen und ein würdiger Anwärter als Headliner für die größten Festivals der Welt.
Setlist
Overcompensate / Holding On To You / Vignette / Car Radio / The Judge / The Craving (Jenna's Version) / Tear In My Heart / Backslide / Shy Away / Heathens / Next Semester / Routines In The Night / The Line / Mulberry Street / Navigating / Nico And The Niners / Heavydirtysoul / My Blood / Doubt / Guns For Hands / Lavish / Ride / Paladin Strait // Jumpsuit / Midwest Indigo / Stressed Out / Trees




