Mit ihren starken neuen Album "All Quiet On The Eastern Esplanade" konnten The Libertines endlich an ihre Form aus den frühen 2000er Jahren anknüpfen. Bereits 2015 hatten sie sich nach 10 Jahren de facto Funkstille an einem neuen Album versucht, aber "Anthems For Doomed Youth" konnte auf Albumlänge nicht überzeugen.
Immerhin spielten sie überhaupt wieder zusammen, was für viele eine Sensation war, denn bereits bei der Veröffentlichung ihres zweiten Albums 2004 war Pete Doherty durch seinen Drogen- und Alkoholkonsum nicht mehr in der Lage den Herausforderungen einer Erfolgsband zu genügen.
Keine faule Routine
In den letzten Jahren haben sie sich als Liveband den Status zurück erobert, den sie damals hatten, nur dass sie jetzt eben auch entsprechend älter sind.
Dadurch, dass es in ihrer Karriere aber so lange Unterbrechungen gab, hat sich die Routine bei ihnen noch nicht so weit eingeschlichen, wie es normalerweise bei Bands, die es schon so lange gibt, der Fall ist. Und das ist gerade im Fall der Libertines ein wichtiger Aspekt, denn diese Band klingt einfach anders als alle anderen Bands und das macht ihren Charme aus.
Unterstützung von der Schwester
Der Abend im ausverkauften Schlachthof in Wiesbaden geht gemächlich an. Die Indierock-Kids, die Anfang der Nuller auf die Libertines abgefahren sind, konnten Babysitter organisieren und freuen sich jetzt darauf "mal wieder auf ein Konzert" zu gehen. Der erste Support-Act (ja, es gibt tatsächlich zwei!) erinnert spontan an die Nina Hagen-Band, denn die Sängerin rollt mit den Augen, hüpft herum und singt durchaus exaltiert, während die Band dazu zickigen-zackigen Indierock spielt.
Dass sie aus Madrid kommen sagen sie. Dass die Sängerin die Schwester von Pete Doherty ist, sagt sie nicht, aber Eingeweihte wissen natürlich Bescheid. Jedenfalls sorgen AmyJo Doh & The Spangles für eine gute Einstimmung. Danach hoffen natürlich alle, dass jetzt die Libertines kommen, aber es wird deutlich, dass da noch ein zweiter Supportact eingeplant ist.
Lange Leitung
Saint Leonard hat eine Verbindung zu dem anderen Libertines-Kopf Carl Barât, der vor 20 Jahren mal sein erstes Album produzierte. Saint Leonard ist offensichtlich ein Fan von David Bowie und Nick Cave und lässt keinen Zweifel daran, dass er davon ausgeht, dass ihn das Publikum genauso großartig findet wie er sich selbst auch.
Nicht nur optisch spannend
Danach wird endlich die Bühne für die Band bereitet, auf die alle gewartet haben. Die Häuserfassade vom Cover des neuen Albums bildet den Bühnenhintergrund und mit rot erleuchteten Fenstern steht die Band zunächst einen Moment mit dem Rücken zum Publikum bevor sie mit "The Delaney" den ersten von insgesamt 9 (!) Songs ihres Debütalbums "Up The Bracket" spielen.
Optisch bieten The Libertines einen interessanten Eindruck. Barât und Bassist John Hassall sind cool, schlank mit Schiebermütze, Drummer Gary Powell sitzt muskulös hinter dem Schlagzeug und Pete Doherty sieht aus wie ein Kneipenwirt in der Bretagne mit Schnauzbart, Hosenträgern und Bauch. Aber er ist total präsent und eigentlich ja auch die coolste Socke überhaupt.
Musikalische Verjüngungskur
Der bereits oben erwähnte spezielle Bandsound mit Gitarren, die alles sein wollen, aber nicht fett, die immer haarscharf aneinander vorbei spielen, während Drummer Powell präzise sein Powerdrumming abliefert und Hassall versucht irgendwie der Kitt dazwischen zu sein – das alles ist einfach speziell, denn Bands, die so klingen wie alle anderen Bands auch, gibt es ja schon genug.
Es geht gleich gut weiter mit "What Became of the Likely Lads" vom zweiten Album. Bei dem folgenden"„Up the Bracket" fliegen die erste Bierbecher durch das Publikum und alle sind wieder zwanzig Jahre jünger. Pete ruft mehrmals "Schlächthoff?!" und es geht weiter ab mit "Boys in the Band".
Gute Mischung
Zwischendurch setzt sich Barât ans Keyboard und ein weiterer Gastmusiker übernimmt die Gitarre. Die Mischung aus neuen und alten Songs funktioniert wurderbar und mit dem feinen "You're My Waterloo" kommt auch das dritte Album noch zu Ehren. Zwischendurch steht sogar ein dreiköpfiger Bläsersatz auf der Bühne um "Baron’s Claw" zu veredeln.
Vor "The Good Old Days" gibt Powell ein Schlagzeugsolo in bester 70s-Manier und so haben alle Bandmitglieder ihre Solospots, denn auch Bassist Hassall darf bei "Man With the Melody" eine Strophe singen. Das strophenweise Aufteilen des Leadgesangs hat ja eine Tradition, die Barât und Doherty auch bei vielen Songs pflegen und die auch eine Besonderheit ihrer Band darstellen.
Glückliche Fans
Das Zugabenset besteht aus stattlichen 6 Songs und beinhaltet Kracher wie die beiden Non-Album-Singlestracks "What a Waster" und "Don't Look Back Into the Sun" zusammen mit dem coolen Reggae "Gunga Din" vom dritten Album.
Bei "Songs They Never Play on the Radio" kommen Saint Leonard und AmyJo tanzend auf die Bühne und erhalten nochmal einen Extra-Applaus.
Dann ist das Konzert vorbei und glückliche Altfans stellen sich brav an der Garderobe an, telefonieren mit dem Babysitter ob auch alles okay ist zuhause und schauen sich danach glücklich in die Augen. Solche Abende sind Gold wert und man freut sich auf das nächste Mal!
Setlist
The Delaney / What Became of the Likely Lads / Up the Bracket / Boys in the Band / Night of the Hunter / What Katie Did / The Good Old Days / Baron’s Claw / Vertigo / Shiver / Merry Old England / Death on the Stairs / You're My Waterloo / Music When the Lights Go Out / Horrorshow / Run Run Run / Can't Stand Me Now // Man With the Melody / What a Waster / Gunga Din / Songs They Never Play on the Radio / Time for Heroes / Don't Look Back Into the Sun






