Die Nerven sind zurück in die Quadratestadt: Mit ihrem neuen Album "Wir waren hier" gastieren sie mit der "Auf der Flucht vor der Wirklichkeit"-Tour in der Alten Feuerwache. Die Zuschauer in der ordentlich gefüllten Halle sind altersmäßig bemerkenswert durchmischt: Jugendliche sind ebenso vertreten wie Musikfans in den 60ern.
"Mannheim ist eine schöne Stadt, die sich hinter hässlichen Gebäuden versteckt", erklärt Max Rieger in einer der seltenen Ansagen an diesem Abend – und fängt damit den Charakter der Stadt ziemlich gut ein. Was Rieger wohl über Stuttgart gesagt hätte?
Ein stimmiges Ganzes
Die Musik der Nerven mag manchmal wie eine wilde, unförmige Masse erscheinen, aber dahinter verbirgt sich viel Wahres und Schönes. Wenige Bands können so unbändig kreativ mit Strukturen und Stimmungen umgehen, einfach alles nehmen und in ein stimmiges Ganzes verwandeln.
Ihre musikalischen Qualitäten sind ebenso eindrucksvoll wie durchdringend. Der Abend steht im Zeichen ihres neuen Albums, von dem die Band als Auftakt gleich mal sechs energiegeladene, punkige Songs hintereinander spielt – und damit einen Moshpit vor der Bühne heraufbeschwört.
Hypnotische Hymnen
Wenn es so weitergehen würde, wäre die Band nach 60 Minuten schweißgebadet von der Bühne gegangen und die Sache wäre klar. Doch Die Nerven haben auch eine andere Seite, die sich mit zwei ihrer besten Songs, "Europa" und "Niemals" zeigt. Die Band beherrscht auch langsamere, drone-artige Songs, die den schnellen Liedern an Intensität in nichts nachstehen. Max Riegers Sunn O)))-Shirt ist sicher kein Zufall.
Das Konzert steht im Zeichen der letzten drei Alben, nur zwei Songs gibt es vom Frühwerk "Fun", das dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert – und gar nichts von "Out". Stattdessen dominiert Musik der letzten drei Alben, wobei die Songs wunderbar harmonieren, als hätte sich der Bandsound nicht grundlegend geändert.
Die dichten Post-Hardcore/Drone-Klangteppiche der neuen Stücke stehen der Band aber gut zu Gesicht. Der (anti-)hymnische Charakter von Songs wie "Europa" oder "Niemals" kontrastiert wunderbar mit den kurzen und knackigen Punk-Songs und verstärkt den hypnotischen Sog der Musik.
Stetige Entwicklung
Für besondere Highlights sorgt an diesem Abend Schlagzeuger Kevin Kuhn, der oft thronend hinter seinem Schlagzeug steht und häufig wie das gar nicht so heimliche Zentrum der Musik wirkt. Alle Gitarren- und Bass-Linien scheinen von den rhythmischen Mustern reflektiert zu werden, die er mit seinem wirbelnden Drumsticks formt.
Ihre düsteren, manchmal nihilistischen Texte machen Die Nerven nicht gerade zu einer Band, die man mit Humor verbindet. Dass das täuschen kann, zeigt ein Schrei-Duell zwischen einem Zuschauer und Kevin Kuhn, das für Belustigung im Publikum sorgt.
Nach knapp 100 Minuten verabschieden sich Die Nerven mit vielfachem Dank von der Bühne. Es war ein Konzert, das die kreative Vielseitigkeit der Band ebenso unter Beweis gestellt hat wie ihre stetige Entwicklung.
Setlist
Als ich davonlief / Das Glas zerbricht und ich gleich mit / Grosse Taten / Wir waren hier / Wie man es nennt / Achtzehn / Europa / Niemals / Aufgeflogen / Keine Bewegung / Ein Tag / Der Erde gleich / Eine Minute schweben / Angst / Frei / Dunst





