2001, 2003, 2009, 2015 und nun 2024: die Abstände zwischen den Besuchen von AC/DC in Hockenheim werden immer länger. Alle wissen, woran es liegt: an den Schicksalsschlägen, Krankheitsfällen, dem voranschreitenden Alter im Kontrast zu den Anstrengungen einer Welttour. Aber die Australier haben sich doch nochmal an den Generator angeschlossen, ordentlich aufgepowert und auf die Reise begeben.
Mit Angus Young, Brian Johnson und Stevie Young, dem Neffen des verstorbenen Malcolm Young, der schon seit 2014 die Rhythmusgitarre übernommen hat, touren zwei weitere außerordentlich gute und erfahrene Musiker: Chris Chaney, bekannt als Bassist von Jane's Addiction und Alanis Morissette, ist für Cliff Williams mit an Bord. Und Matt Laug, kein Unbekannter im AC/DC-Lineup, ist statt Phil Rudd am Schlagzeug mit dabei.
Solider Start
Zum Einstieg in den Abend gibt es mit "If You Want Blood (You've Got It)" pünktlich um 20:30 Uhr einen Klassiker, der bisher Opener bei allen Konzerten der "PWR Up"-Tour war. Gleich danach folgt mit "Back in Black" der nächste große Brocken und der Rock’n’Roll-Zug nimmt Fahrt auf.
Wer überreife Opas als Lokführer erwartet hat, die mehr schnaufen als die Lok oder dieser nur hinterherwinken können, sieht sich getäuscht. Brian und Angus atmen zwar durchaus tief durch, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, machen aber insgesamt einen agilen und durchaus bewegungsfreudigen Eindruck.
Videowalls im Weg
Mehrere große Videowalls hinter und neben der Bühne und weitere, die im Innenraum verteilt sind, sorgen dafür, dass sich die Fans davon selbst ein Bild machen können. Leider schränken einige Videowände teilweise auch die Sicht von der Tribüne auf die Bühne ein.
Ausgerechnet die Mitte der Bühne ist dann nicht zu sehen, wo sich den Abend über das Zusammenspiel und Miteinander der Band zeigt. Alle fünf Musiker stehen sehr zentral und richten sich so fast schon intim wie in einer deutlich kleineren Venue ein.
Nach links und rechts führen die Wege an den riesigen Marshall-Türmen vorbei, kleine Treppen an den äußeren Enden der Stage bieten einen Zugang zu einer kleinen Empore. Hier wird sich später noch ein echtes Highlight abspielen.
Energetisch aufgeladen
Doch weiter geht es zunächst mit "Demon Fire". Beim nächsten Klassiker "Shot Down in Flames" lodern allerhand Flammen über die Leinwände, bevor Angus zu "Thunderstruck" zumindest mit den Bildern unter Strom gesetzt und ordentlich nachgeladen wird.
"Thunderstruck", 1990 veröffentlicht und damals schon einer der späten Hits der Rock-Ikonen, weckt jetzt noch alle im Publikum auf, die dem Geschehen bisher verhalten gefolgt waren. "Have a Drink on Me", erst Prost, dann Glockenklang – die Menge raunt und feiert "Hells Bells" frenetisch ab.
Der erste Glanzauftritt
Mit "Shot in the Dark" geht es solide weiter. Wenn ein Drummer so groovt wie hier, kann live sowieso nichts schiefgehen. Nach "Stiff Upper Lip" schnauft Angus doch mal kurz durch, gibt dann bei "Shoot to Thrill" aber umso mehr Gas. Mit Flügelläufen, die sich die Engländer in ihren Gruppenspielen gewünscht hätten, erobert er das Publikum in den ersten Reihen und links und rechts der Bühne.
Bei "Sin City" nimmt er sich wieder zurück, lässt Chris Chaney mit einer atmosphärisch dichten Basseinlage in Achtelperfektion glänzen, um direkt danach weitere Kohlen ins Feuer des "Rock'n'Roll Train" zu legen. So gerät der Evergreen "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" dank mitreißender Solo-Einlagen zu Angus‘ ersten großen Glanzauftritt.
Geniales Zusammenspiel
Aber es ist nicht Angus alleine, der die Fans in seinen Bann zieht. Drums und Bass grooven, Brian gibt stimmlich wohl alles, was noch geht, und der Sound in der Openair-Arena – anfangs etwas matschig mit den Vocals zu sehr im Hintergrund – verbessert sich im Verlaufe des Konzerts immer mehr.
Zudem ist Angus auch nicht alleine: Bei "High Voltage" zeigen das Zusammenspiel und die Interaktion zwischen Brian und ihm, dass sie immer noch in der Lage dazu sind, sich selbst in einen Rausch zu spielen, der hunderttausende mit sich reißt.
Unvorstellbar groß
100k! Eine schier unvorstellbarer Zuschauerzuspruch, eine Masse, die von der Tribüne aus betrachtet einfach nur imposant ist. Die roten Hörner, die sich viele Fans auf den Kopf gesetzt haben, ergänzen die Inszenierung der Band.
Sie leuchten und blinken jetzt im Dunkeln und erzeugen eine einmalige Atmosphäre. "Riff Raff" und die lauthals mitgesungene Oldie-but-Goldie-Hitsingle "You Shook Me All Night Long" markieren den Übergang in die letzte Phase dieses Auftritts.
Solo-Angus gibt alles
Bei "Highway to Hell" setzt auch Angus die Hörner auf und heizt, unterstützt von Pyro-Effekten, die Stimmung weiter auf. Als Brian während einer mega-guten Liveversion von "Whole Lotta Rosie", die vor Power nur so strotzt, zur Seite tritt, um Angus die Hauptrolle zu überlassen, wird klar: Jetzt setzt er zum Endspurt an!
"Let There Be Rock". Let there be sound! Let there be light! Let there be drums! Let there be guitar! Let there be Angus! Volles Spotlight auf ihn, der jetzt noch einmal alles reinlegt. Er spielt mit allen Teilen des Publikums, spricht mit seiner Gitarre zu den Fans, die ihm im Chor antworten. Er erklimmt die Empore, feuert immense Gitarrensalven in den schwarz getauchten Himmel und lässt in seinem viertelstündigen Mega-Solo alles raus, was in ihm steckt.
Dieser unverwechselbare Sound … hier steht und spielt einer, der zwar graue Haare hat und seinen nackten Hintern nicht mehr jedem zeigt, aber nach wie vor zu Außergewöhnlichem und Unnachahmlichem imstande ist.
Das große Finale
Vor den Zugaben müssen alle durchatmen, nicht nur die Band, die mit "T.N.T." nochmal jeden Fan vom Bahnsteig abholt und in das Grande Finale mitnimmt. "For Those About to Rock (We Salute You)" liefert Kanonensalven, Emotionen und am Ende gibt es ein kleines Feuerwerk.
Nach zwei Stunden und zehn Minuten endet ein gigantischer Konzertabend, den man in Teilen so erwarten durfte, der aber durchaus auch positiv überraschte.
Beeindruckende Performance
Erwartbar sicherlich ein großer Teil der Setlist. Sie ist so konsistent wie eh und je, und dennoch gibt es immer mal Variationen, die jedes Konzert einmalig machen können.
Keine Überraschung sind auch Elemente wie die Kanonen bei "For Those About to Rock", wobei etliche der älteren Requisiten, wie die aufblasbare "Rosie", mittlerweile durch visuelle Darstellungen ersetzt wurden.
Positiv ist das tolle Zusammenspiel der Band, das keine Fragen zur Auswahl der Musiker unbeantwortet lässt. Sie können es, sie zeigen es, und zwar garantiert – eine beeindruckende Performance!
Ein Abschied – oder doch nicht?
So bleibt am Ende nicht nur das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben, sondern auch, dass es jederzeit wieder möglich sein könnte, genau dies noch einmal zu erleben. Die treuen Fans haben sich weder von den erwartbaren Ticketpreisen, den 50 Euro für ein Bandshirt noch von der berüchtigten An- und Abreise abhalten lassen und wären dort sicher gerne ein sechstes Mal dabei.
Wenn die Leute eine Band immer noch so feiern und am Ende genauso entspannt vom Gelände ziehen, wie sie gekommen sind, dann hat die Band nicht nur vieles richtig gemacht, sondern es sich verdient.
Zum ausmusterungsfälligen alten Eisen gehören AC/DC auch im Jahr 2024 noch lange nicht. Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass AC/DC nochmal eine solche Welttour auf sich nehmen. Aber falls doch, dann sind wir alle wieder dabei, oder?
Setlist
If You Want Blood (You've Got It) / Back in Black / Demon Fire / Shot Down in Flames / Thunderstruck / Have a Drink on Me / Hells Bells / Shot in the Dark / Stiff Upper Lip / Shoot to Thrill / Sin City / Rock 'n' Roll Train / Dirty Deeds Done Dirt Cheap / High Voltage / Riff Raff / You Shook Me All Night Long / Highway to Hell / Whole Lotta Rosie / Let There Be Rock // T.N.T. / For Those About to Rock (We Salute You)









