Der legendäre niederländische Hammond-Organist und Flötist Thijs van Leer zeigt mit seinem 3 Mitstreitern auch im 55 Band-Jahr keine Ermüdungserscheinungen und zündet ein progressives Feuerwerk, bei dem alle Musiker virtuos brillieren und der "Rockgeist" der 70s wieder nach Ludwigshafen geholt wird.

Lange ist es her, dass sich in Ludwigshafen fast alle namhaften Rockgrößen der 70er und 80er die Ehre gaben. Auch die Protagonisten des Abends hatten in der ersten Hälfte der 70er ihren künstlerischen und kommerziellen Höhenflug und so lockte dieses Konzert, neben einigen wenigen jüngeren Leuten, viele Rockfans jenseits der 60 an.

Nicht wenige dieser Besucher trugen stolz ihre Bandshirts von betagten Rockbands wie z.B. Blue Öyster Cult, auf denen 50-jährige Bandjubiläen gefeiert werden. Der Classic Rock kommt in die Jahre, aber er hat sein treues Publikum.   

Fußball vs. Musik

Das Konzert war ursprünglich für den großen Saal des ehemaligen Ludwigshafener Jugendhauses (heute: Kulturzentrum das Haus) angesetzt. Doch ausgerechnet der DFB-Pokal Finaleinzug der Roten Teufel aus Kaiserslautern machten dem Veranstalter die Planung schwer.

Daher entschied der Veranstalter vor einigen Wochen, in den lediglich 100 bestuhlte Plätze fassenden Dôme des Veranstaltungsortes auszuweichen. Demzufolge war die Veranstaltung bereits im Vorfeld restlos ausverkauft und die Erwartungshaltung sowie Vorfreude, die Proglegenden in Clubatmosphäre erleben zu können, förmlich mit Händen zu greifen.

Furioser Beginn

Im eng bestuhlten Dôme ziehen Thijs van Leer und seine Mitstreiter wie Gladiatoren durch die Mitte des Publikums zur Bühne. Die Fans zollen dem Meister dabei mit tosendem Applaus Respekt.

Der 76-jähriger Amsterdamer nimmt an seiner Vintage Hammond-Organ Platz und beginnt mit einem Flötenintro "Focus I" vom allerersten Album aus dem Jahr 1970. Bereits hier sind alle Stärken des Acts hörbar und mit "House Of The King" legen die Niederländer gleich mal Ihren größten Hit, „in ihrem Heimatland und dem flämischen Teil Belgiens“ wie van Leer danach schmunzelnd anmerkt, nach.

Das Flötenthema des Songs ist tief in die Rockhistorie der 70er eingemeißelt und zeigt, dass die Band auch in der Lage war, neben epischen Suiten, kurze prägnante Songs zu abzuliefern.

Focus 2024

Es ist offensichtlich, dass die Band im Moment mit Thijs van Leer, Pierre van der Linden (Schlagzeug), Menno Gootjes (Gitarre) und Udo Pannekeet (Bass) hervorragend besetzt ist. Pierre van der Linden spielte schon in der 70er Besetzung der Band. Der 78-jährige Jazzschlagzeuger spielt kraftvoll, aber songdienlich und bekommt am Ende auch das Lob "Best Drummer In The World".

Speziell "Youngster" Menno Gootjes an der Gitarre löst die Aufgabe, die überlebensgroßen Fußstapfen des beliebten Gründungsmitglieds Jan Akkerman auszufüllen, hervorragend. Jan Akkerman hatte die Band nach einer Uneinigkeit über die musikalische Ausrichtung von Focus Mitte der 70s verlassen und van Leer das Vermächtnis der Band überlassen.

Die volle Bandbreite des Progrock

Als Gootjes das Thema von "Sylvia" anstimmt, steht der Dôme Kopf. Noch so ein Hit mit riesigem Wiedererkennungswert, bei dem die Gitarre fast an Richie Blackmores Zeit bei Rainbow erinnert.

Bei den schwermütigeren Passagen von "Focus VII" oder "Focus II" erinnert sein wehmütiges Spiel dann wiederum an David Gilmour und der Sound von Focus vermischt die eigene niederländische Tradition kongenial mit dem Sound von 70er Begleitern wie Yes, Pink Floyd oder Procul Harum.

"Eruption" vom 72er Album "Focus II" ist mit seiner ungeheuren Spielfreude, Jazzanleihen und Tempiwechsel ein Amalgam aus allem, was den progressiven Rock der frühen 70er ausmachte. Das Publikum schaut dabei wie gebannt auf den Protagonisten des Abends.

Thijs van Leer als Master Of Ceremony

Tijs van Leer hat die Geschicke der Band mit Unterbrechungen seit 1969 geleitet. Mit schwarzer Ledermütze und Kutte gibt er den Grandseigneur des Prog. In der Pause und nach dem Konzert agiert er immer wieder freundlich und volksnah für die ehrfürchtigen Fans.

Focus sind eigentlich eine Instrumentalband bei der van Leer durch Effektgeräte und Vocoder seine Stimme als Instrument einsetzt oder zu Chorälen bündelt, aber bis auf ein paar Ausnahmen kaum wirklich singt.

Die ikonischen Momente, wenn sich der betagte "Mann in Schwarz" von seiner Orgel erhebt, um sich mit seiner Flöte an den Bühnenrand zu begeben sind magisch und wecken natürlich Erinnerungen an Ian Anderson von Jethro Tull. Van Leer spielt die Flöte allerdings weniger wild und immer bestens eingebettet in dem jeweiligen Teil der längeren Stücke. Das Publikum ist begeistert.

Finale Furioso

Focus haben tatsächlich ein neues Album fertiggestellt, das im Sommer erscheinen wird. Mit "All Hens On Deck", einem neueren Stück aus dem Jahr 2012, zeigt die Band, dass Sie auch ein schnelleres Tempo beherrscht. Mit kraftvollem Flötenmotiv erinnert der Sound hier tatsächlich an die besseren Tage von Jethro Tull.

Der wilde Ritt "Harem Scarem" und "Hocus Pocus" leiten das Finale ein. Bei letzterem darf der legendäre Jodler inklusive Publikumshilfe nicht fehlen und bei "Focus III" bekommt Schlagzeuger Pierre van Der Linden nochmals seine Bühne, bevor van Leer sich mit Flöte und der Ansage ans Publikum "Wir fühlten uns zuhause bei euch wunderbaren Menschen" verabschiedet. Das spiegelt die besonders intime Stimmung und den gegenseitigen Respekt dieses Abends wider, bei dem Band und Publikum wirklich eine Symbiose eingehen.

Im lauschigen Innenhof werden danach beim Meet'n'Greet noch so manche Anekdoten von früher ausgetauscht und das ist doch die Essenz von Konzerten und ihrer verbindenden Wirkung. Ludwigshafen sollte sich seiner Musikhistorie bewusst sein und mehr solcher traditionellen Acts in die Stadt holen.

Setlist

Focus I (Anonymus) / House Of The King / Eruption  / Focus VII / Sylvia / Focus II / All Hens On Deck / La Cathédrale De Strasbourg / Harem Scarem / Hocus Pocus / Focus III - Answers? Questions! Questions? Answers!