New Model Army (live in Frankfurt 2019) Fotostrecke starten

New Model Army (live in Frankfurt 2019) © Torsten Reitz

Auch nach fast vierzig Jahren Karriere haben New Model Army immer noch Wut im Bauch und ordentlich was zu sagen. Das stellen die Briten auch mit ihrer energetischen Show in der Batschkapp in Frankfurt unter Beweis.

Vor Kurzem haben New Model Army mit "From Here" ihr 15. Studioalbum vorgelegt, das mal wieder auf große Begeisterung bei ihren Anhängern stieß. Da überrascht es kaum, dass viele Termine der Deutschlandtour ausverkauft waren – so auch ihr Konzert in Frankfurt.

Helga!

Bevor jedoch der Headliner auf der Bühne steht dürfen Zam Helga und Begleitband zeigen, was sie können. Die aus der Band The Helga Pictures hervorgegangene Truppe bietet Alternative-Rock, der mehr als einmal an Pearl Jam erinnert.

Positiv fällt auf, wie gut eingespielt und motiviert die Band zur Sache geht, das Songmaterial kann jedoch trotz einiger überzeugender Stücke nicht über die vollen 40 Minuten fesseln.

No Rest for the Wicked Ones

New Model Army wählen anschließend einen sehr direkten Weg in ihr Set. Es ertönen einige tiefe, donnernde Schläge vom Band und schon steht die Band auf der Bühne. Frontmann Justin Sullivan schreit den Refrain des Klassikers "No Rest" ins Mikrofon, bevor die anderen Musiker einsteigen. Das gibt bereits teilweise die Marschrichtung für die kommenden knappen zwei Stunden vor.

Zunächst fällt auf, dass die Band heute nur zu viert agiert: Gitarrist Marshall Gill war bereits einige Tage zuvor aus familiären Gründen nach England zurückgereist. Das können New Model Army zwar nicht zu jedem Zeitpunkt musikalisch verschleiern, aber Keyboarder und Zweitgitarrist Dean White tut sein Möglichstes und die musikalische Klasse der übrigen Band steht außer Frage.

Ein frühes Highlight bildet "Never Arriving", die Single des aktuellen Albums. Trotz der düsteren Stimmung des Songs, die schließlich in einen enormen Refrain explodiert, eignet sich das Stück ganz fantastisch für den Live-Kontext und beweist, wie relevant New Model Army auch heute noch sind.

Eine verkappte große Band

Obwohl es für New Model Army abseits ihrer Hits nie zum großen Durchbruch gereicht hat und sie dementsprechend in mittelgroßen Clubs auftreten, hat man bei ihren Konzerten stets den Eindruck einer großen Band zuzuschauen. Das liegt in weiten Teilen auch an Justin Sullivan, der nicht nur als Sänger immer noch Großes leisten kann.

Denn auch als Frontmann ist der inzwischen 63-Jährige nach wie vor unnachahmlich. Es wirkt, als würde er aus der Wut, die vielen Songs der Band zugrunde liegt, die entscheidende Motivation ziehen. Dieses Verhältnis zwischen Aggression und Motivation ist es auch, die der Musik, aber auch den Konzerten der Army, eine ganz besondere Atmosphäre verleiht.

So politisch wie Band und Frontmann eigentlich sind, ist es erstaunlich, dass Sullivan nur einmal, vor dem Klassiker "51st State", sehr kurz auf das Thema Brexit zu sprechen kommt. Im weiteren Verlauf des Konzerts verweist er jedoch immer wieder kurz auf politische Themen und es wird klar, dass die Band nach wie vor zu ihrer linken Einstellung steht.

Highlights aus vielen Karrierephasen

Musikalische Höhepunkte des Konzerts sind weiterhin das leidenschaftlich dargebotene "Believe It" und das von Justin Sullivan alleine performte "Over the Wire". Diese Songs aus den 90ern stehen gleichberechtigt neben unumstößlichen Klassikern wie "Ballad of Bodmin Pill" oder "Get Me Out".

Neben dem bereits erwähnten "51st State" kocht die Stimmung im regulären Set vor allem bei einer extrem dynamischen Version von "Here Comes the War" über. Man muss festhalten, dass die Stimmung im Publikum durchgehend sehr gut ist, bei den Zugaben kennt die Euphorie jedoch kaum noch Grenzen.

Der Anfang vom Ende

Das reguläre Set endet zunächst mit dem schnellen "Get Me Out" vom 1990er-Album "Impurity". Danach begehen New Model Army ihren vielleicht einzigen kleinen Setlist-Patzer und steigen mit dem doch etwas arg seichten "Autumn" in ihren Zugabenblock ein. Danach geht es mit dem fantastischen "Bad Old World" und dem punkigen Uralt-Song "Betcha" allerdings wieder klar bergauf.

Und danach gehen tatsächlich Lichter und Hintergrundmusik bereits an und die ersten Leute verlassen den Saal. Viele Fans lassen sich davon jedoch nicht beirren und fordern vehement eine weitere Zugabe – eine Bitte, der die Band mit "I Love the World" gerne nachkommt. Und beim anschließenden Jubel kann sich auch Justin Sullivan ein erschöpftes Grinsen nicht verkneifen.

New Model Army zeigen in der Batschkapp zum wiederholten Male, dass es kaum eine Band mit einer so langen Karriere gibt, die heute noch so relevant und auch qualitativ hochwertig ist. Die Briten haben es wie kaum jemand sonst geschafft, ihren musikalischen Stil weiter zu entwickeln, womöglich erwachsener zu machen, ohne die Wut und Integrität der frühen Tage hinter sich zu lassen.

Setlist

No Rest / Never Arriving / The Weather / The Charge / Watch and Learn / 51st State / Believe It / From Here / Where I Am / WipeOut / Over the Wire / End of Days / Here Comes the War / Stranger / Ballad of Bodmin Pill / Fate / Get Me Out // Autumn / Bad Old World / Betcha // I Love the World

Alles zum Thema:

new model army

Das könnte Sie auch interessieren