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Tears For Fears (live in Mainz 2019) © Torsten Reitz

Die beiden in Ehren ergrauten Charakterköpfe von Tears For Fears, der stilprägenden englischen Popband der 1980er-Jahre, raufen sich zusammen und machen an einem kühlen Sonntagabend ihre Fans in der Mainzer Zitadelle sehr glücklich.

Es war schon eine Sensation, als bekannt wurde, dass Roland Orzabal und Curt Smith im Rahmen ihrer Europatour als Tears for Fears für vier Konzerte endlich wieder nach Deutschland kommen würden.

Bei den zwei Konzerten in Hamburg und Berlin zu Beginn des Jahres zeigten sich Fans und Kritiker bereits sehr angetan.

Hohe Erwartungen

Dementsprechend groß ist die Vorfreude bei tausenden Fans in der pittoresken, randvollen Zitadelle in Mainz. Kaum eine Band hat mit nur drei Alben im Zeitraum 1983-1989 die Popmusik dieser Zeit so nachhaltig beeinflust.

Die Bandbreite reicht von den Synth-Pop Anfängen auf "The Hurting", das artverwandt zu Depeche Mode klingt, über den typischen bombastischen Mittachtziger-Pop von "Songs From The Big Chair" bis hin zur sehr erwachsen klingenden Beatles- und Jazzanleihen auf "Seeds of Love" 1989.

Sitzen verboten

Das launige Juliwetter 2019 hält an diesem Abend. Während Lordes zeitlupenartige Version von "Everybody Wants To Rule The World" vom Band erklingt, geht ein Raunen durch die historische Anlage.

Die beiden Protagonisten und ihre drei Begleitmusiker samt Backing-Sängerin betreten die Bühne, um selbst den Song anzustimmen. Von diesem Moment an ist die Bestuhlung hinfällig und die Generation 45+ auf den Beinen um ihre Helden zu beklatschen.

Ein Hitfeuerwerk

Obwohl "Secret World" aus dem Jahr 2004 stammt und somit den aktuellsten Song der Setlist darstellt, klingt er doch vertraut und greift, nicht nur wegen der Implementierung von Paul McCartneys "Let 'Em In", die große Liebe der beiden zu den Beatles auf. Darin gleicht er "Seeds Of Love", dem Song über die Schönheit einer Sonnenblume und 1989 ein Megahit für die Band.

Es ist im Folgenden schon sensationell anzuhören, was Smith und Orzabal alles an Hits im Köcher haben. "Pale Shelter" war 1983 eine eindringliche Single, deren Video auf MTV rauf und runter lief und "Advice For The Young At Heart" klang 1989 bereits sehr abgeklärt für die beiden damals Endzwanziger.

Keine Verschnaufpause

Auch wenn deren musikalische Partnerschaft 1991 eine tiefen Riss erhielt und Roland Orzabal in den 1990s zwei Platten ohne Curt Smith unter dem Namen Tears For Fears veröffentlichte, gelingt "Break It Down" aus eben dieser Zeit prächtig.

Das Lied ist eine Paradenummer für Orzabal als Hauptsänger – genauso wie "Woman in Chains", das mit seiner eindringlichen Interpretation für Gänsehaut beim Mainzer Publikum sorgt. "Tears for Fears" waren 1989 so groß, dass es sich selbst Tausendsassa Phil Collins nicht nehmen ließ, bei diesem Stück im Studio hinter dem Schlagzeug zu sitzen.

Fragiles Bandgefüge

Obwohl die beiden bereits in den späten Siebzigern mit Graduate ihre erste Ska/Mod Band gründeten, ist es ein offenes Geheimnis, dass sich die Bandleader von Tears for Fears nicht wirklich grün sind. Das letzte Originalmitglied, Keyboarder Ian Stanley, verließ nach "Seeds of Love" die Band, so dass ein ausgleichender Pol gänzlich fehlt.

Es gibt während des Konzerts, bis auf wenige Momente beim ausufernden "Badman’s Song" z. B., kaum Interaktion zwischen den zwei Musikern. Orzabal spielt seine Gitarre breitbeinig mit Nachdruck, spricht ein paar Wörter auf Deutsch und scheint alles in allem in sich selbst zu ruhen.

Der drahtige Smith hingegen hält sich zurück mit Ansagen. Er bearbeitet seinen Höfner Bass, wirkt ambitionierter und hat speziell bei den Stücken von "The Hurting", die er als Block ankündigt, seine ganz großen Momente und Gesangseinlagen.

The Hurting

Das Debut der Band war 1983 ein Meilenstein. Smith und Orzabal, beide Kinder aus Scheidungshaushalten, trafen genau den Nerv der "Teenage Angst" der damaligen Jugend. Mit Gitarren, Bass und Schlagzeug klingen die einstigen Synth-Pop Stücke wärmer und präsenter, verlieren aber auch nichts von ihrer Anziehungskraft.

Beeindruckend ist, wie körperlich Smith in den beiden Stücken "Change" und "Mad World" agiert und seinen Gesang mit ausufernder Gestik unterstützt. "The Dreams in which I'm dying are the best I ever had" singt er in "Mad World" und die Fans singen fast jede Zeile mit. "Memories Fade" und "Suffer The Children", beide von Orzabal gesungen, beschließen dann den beeindruckenden "The Hurting"-Teil.

Grande Finale

Die Coverversion von Radioheads "Creep" läutet den Schlussteil ein. Das sinnbildliche Leid von Roland Orzabal bei diesem Song scheint ein anderes und weniger existenzielleres als bei Thom Yorke zu sein.

"Badman’s Song" besitzt wirklich rasante Tempowechsel, Drehungen, Wendungen und zeigt damit, dass Tears for Fears auch Spielfreude in Jam-Form ausstrahlen können. Die starke Single "Head Over Heels" von "Songs From The Big Chair" beschließt unter großem Applaus das reguläre Set.

"Shout, Shout, Let It All Out"

Es vergeht kein Tag, an dem "Shout" nicht im Radio läuft. Für die Band ist das Lied ein Fluch und Segen zugleich, denn trotz des starken Songkatalogs bleibt diese eine Zugabe, die Erkennungsmelodie von Tears for Fears. Alle Anwesenden brüllen aus vollen Kehlen den Text mit und es herrscht, wohin man schaut, Begeisterung über die Kraft dieser Zeilen. Curt stellt zum Abschluss die Band vor, aber dann ist auch Schluss nach 80 knackigen Minuten ohne Längen.

Es bleibt als Fazit festzuhalten, dass Orzabal und Smith sich musikalisch und gesanglich so kongenial ergänzen, dass es wirklich ein Segen ist, dass sich die beiden "Studiofüchse" wieder auf eine Tournee eingelassen haben. So endet ein fantastisches Konzert mit der Hoffnung auf eine Fortsetzung, wenn 2020 die lange erwartete neue Platte erscheinen soll.

Setlist

Everybody Wants To Rule The World / Secret World / Seeds Of Love / Pale Shelter / Break It Down Again / Advice For The Young At Heart / Woman In Chains / Change / Mad World / Memories Fade / Suffer The Children / Creep / Badman’s Song / Head Over Heels & Broken / Shout

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