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Giorgio Moroder (live in Frankfurt 2019) © Torsten Reitz

Verstärkt um eine 12-köpfige Band gibt Giorgio Moroder in Frankfurt eigene Film-Klassiker sowie Hits von Donna Summer, David Bowie und Blondie zum Besten. Die Jahrhunderthalle versinkt für 100 Minuten im Disco-Taumel.

Luis Trenker erklomm in den 1930er-Jahren in seinen idealisierten Heimat-Filmen die Berge. Sein entfernter Verwandter Giorgio Moroder nahm hingegen die Spitze der Charts im Sturm. Die Hochzeit des Südtirolers waren die Achtziger. Entsprechend zieht es den in Würde gealterten Grand Segnieur des Disco-Pop wieder back to the Eighties. Die Tour verweist auf eine Zeit, als Moroders Musik noch die Zukunft darstellte.

Mittlerweile tummeln sich etliche Nachahmer wie Daft Punk oder David Guetta und haben in Sachen Popularität dem 78-jährigen einiges voraus. Verlorenen Boden versuchte der Maestro 2015 mit seinem Album "Deja-Vu" wiedergutzumachen. Leider orientierte sich der einstige Klangmagier zu sehr an sterilen Guetta-Beats und Kirmes-Synthies als an seinem analog und dynamisch gefärbten Signature-Sound, mit dem er zahlreiche Disco-Klassiker prägte.

Zum ersten Mal live

Nun schickt sich Moroder an, das Live-Geschäft in Form einer Retrospektive auszuloten. Dafür mimt er den Master Of Ceremony, tritt für einige Spots in den Vordergrund und hält vor allem nicht mit Anekdoten hinterm Berg. Der Entdecker von Donna Summers hat eine schlagkräftige Truppe hinter sich und genießt förmlich das Rampenlicht. Eigentlich sieht er sich eher als Komponist und Produzent und trat erst vor einigen Jahren als DJ aus dem Schatten hinter seinem Mischpult. Dabei hat er Blut geleckt und schickt sich auf einen Parforceritt durch seine über ein halbes Jahrhundert währende Karriere an.

Zwei große Diskokugeln säumen die Stage, die der bekennende Schnauzbarträger pünktlich zur familienfreundlichen Zeit um kurz nach 19 Uhr betritt. Das Publikum hat in der Summe die Siebziger und Achtziger miterlebt und durchgetanzt. Dem Durchschnittsalter entsprechend nimmt das Auditorium auf den komfortablen Stühlen Platz. Die Bandscheiben danken es am späten Abend. Die Feierwut schätzt der Veranstalter ebenfalls gering ein, wird doch das Bier in Gläsern ausgeschenkt.

Vielgestaltige Arrangements

Das Thema des Oscar-prämierten Soundtracks zu "Midnight Express" eröffnet den Reigen an Klassikern. Ein Spoken Word-Intro, das einen kurzen biografischen Abriss präsentiert, rundet den hypnotischen, fantastisch klingenden Track ab. Und dann, schau an: Bei "Looky Looky" singt Moroder höchstpersönlich und dies gar nicht so verkehrt. Unterstützung erhält er von vier Backroundsängern, die ihm bei dem Song, der ihm jahrelang finanzielle Starthilfe verschafft hat, zur Seite stehen. 

Mit "Love to Love You Baby" erklingt das erste von vielen sexy Songs, bei dem laut Mororder Donna Summers im Studio gekommen ist, was er kurz darauf augenzwinkernd dem johlenden Publikum als Freudschen Versprecher entlarvt. Der Limahl-Ohrwurm "The NeverEnding Story" perlt danach angenehm die Hörgänge entlang. "Bad Girls" reißt die Leute erstmals aus den Sitzen. Gerade das Streichquartett setzt hier coole Akzente, aufgelockert durch ein flottes Gitarrensolo und eine anschließende Samba-Einlage.

Visuals in Atari-Optik

"On the Radio" beruhigt kurz die Gemüter und streichelt sanft die Seele, bevor es in den Uptempo-Disco-Modus schaltet. Während des Keyboard-Solos feiert die Sängerin etwas unpassend den in dieser Situation unterbeschäftigten Moroder, der sich unter den flippig-bunten Einspielern sicherlich im eigenen Wunderland wähnt.

Mit "Chase" nimmt der Midnight Express wieder Fahrt auf. Hier brillieren die Streicher und pulsieren die Rhythmen. Dieser Soundtrack prägte wahrlich ein ganzes Genre und steckt auch heute noch voll musikalischem Witz. Das rockige "Together in Electric Dreams" kommt visuell in Atari-Optik daher und wird von einem coolen Gitarren-Solo mit Oktaver gekrönt. Robotik Vocals leiten über in den Spätsiebziger Hit "From Here to Eternity", den Moroder im charmant-hölzernen Dialekt sprechsingt.

Jahrhundertrefrains und Stimmungskiller

Über "Flashdance... What a Feeling", einen weiteren mit einem Academy Award gekrönten Song, Worte zu verlieren, ist müßig. Der Jahrhundertrefrain, im Original von Irene Cara, steht für sich und beschleunigt die Stimmung wie ein Brandbeschleuniger. 

"My Name is Giovanni Giorgio, but everybody calls me Giorgio". Das Daft Punk-Cover "Giorgio by Moroder" geführt vom prägnanten Spiel der Rhythmus Gruppe hypnotisiert und lässt Moroder in Gedanken schwelgen, was im Konzept des Tracks durch sein Storytelling verankert ist. "Take My Breath Away" raubt beizeiten im Radio die letzten Nerven, sediert heute jedoch nur die Disco-überhitzten Hirne. Am besten an diesem Track ist die Original gesampelte Snare-Drum.

Dagegen ist das ebenfalls dem Top Gun-Soundtrack entnommene "Danger Zone" Kult. Moroder, die Damen des Streichquartettsund der Percussionist ziehen die Fliegerbrillen auf und rocken zum amerikanischen Pathos des Tracks. Die Kylie Minogue-Kollabo "Right Here, Right Now" vom letzten Album ist hingegen nur ein schwacher Abglanz alter Großtaten. Tut nicht weh, klingt aber auch nicht spektakulär. Als jüngster Hit liegt er den meisten Anwesenden anscheinend noch gut im Ohr und eignet sich somit gut zur Bandvorstellung bei jeder einmal kurz im Spot steht. 

Geschichtsunterricht und Ehrerbietungen

Es folgt ein wenig Geschichtsunterricht: Moroder dröselt auf, wie er den laut Brian Eno gegenüber David Bowie sogenannten Sound Of Future kreierte. In "I Feel Love" erstrahlt die digitale Discokugel in vollstem Glanz. Das Moog-Monster ist ein repetitives Ungetüm, das den Körper erbeben lässt.

Ein Schelm, wer hier nicht an Dinge denkt, die sich vorzugsweise in Lendenregionen abspielen. David Bowie kommt in "Cat People" gesondert zu Ehren. In der Hommage kommt das markante Bariton-brüchige Timbre des 2016 verstorbenen musikalischen Chamäleons vom Band. 

Summer vom Band

Auch Donna Summers singt in "MacArthur Park" vom Band. Die geniale wie unverwechselbare Stimme mit unglaubmicher Range verliert auch als Einspieler nicht ihren Reiz und krönt vor dem Abschluss des regulären Sets mit "Last Dance" einen tollen Auftritt. Dieser Track fährt nochmal das volle Programm auf: Balladesker Beginn, Disco Abfahrt nach einem Drittel, fertig ist der Hit!

Die im Hintergrund rotierende güldene Schallplatte spricht Bände. Der schwülstige Tanzflächenfeger "Hot Stuff" mit seiner leicht orientalisch angehauchten Synthie-Hook gibt die erste Zugabe. Moroder streift die Lederjacke über, hinter ihm ziehen in den Videoeinspielern kultige Flamingos und Palmen vor der untergehenden digitalen Sonne entlang. 

Schlusspunkt mit Blondie und Selfie

Der Blondie Track "Call Me" entlässt das frenetisch feiernde Publikum samt Mitsingspielchen vom Chef persönlich in die angehende Nacht, natürlich nicht ohne das obligatorische Selfie mit Publikum. Der 78-jährige steht mit seinen vier Sängern vorne, flachst ein wenig und genießt sichtlich die ihm und seiner Musik zu Teil kommende Aufmerksamkeit.

Was bleibt? Retrospektive ja, angestaubt nein. Auch wenn Moroder hinter seinem Pult ein wenig distanziert wirkt, führt er doch mit Charme durch seine Karriere und zeigt geballt in 100 Minuten welch wegweisende Sounds und Songs er komponierte. Klar ist das Ganze durchgestylt von Anfang bis Ende, auf dem Unterhaltungsparameter aber definitiv am oberen Ende angesiedelt.

Setlist

(Theme from) Midnight Express / Looky Looky / Love to Love You Baby / The NeverEnding Story / Bad Girls / On the Radio / Chase / Together in Electric Dreams / From Here to Eternity / Flashdance... What a Feeling / Giorgio by Moroder / Take My Breath Away / Danger Zone / Right Here, Right Now / I Feel Love / Cat People / MacArthur Park / Last Dance / Hot Stuff / Call Me

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