Das Rock-Blockbuster-Vergnügen hat seit einigen Jahren wieder Hochkonjunktur. Der Megaerfolg des Trans Siberian Orchestra in Übersee oder auch Tobias Sammets Avantasia – in etwas reduzierter Machart – locken die Menschen in Massen in die Konzertsäle. Auch Rock Meets Classic ist eine Erfolgsstory in der deutschsprachigen Musiklandschaft und dreht bereits seine zehnte Runde.

Zu diesem festlichen Anlass gibt die Jahrhunderthalle in Frankfurt ein prächtiges Ambiente ab. Das Gros der zahlenden Zuschauer hat die Hochphase der meisten Special-Guests hautnah und live in Farbe erlebt, entsprechend senken selbst Mittdreißiger den Schnitt erheblich.

Während schon fleißig die Werbetrommel für die kommende Ausgabe gerührt wird, die Alice Cooper als Highlight beinhaltet, und eine gewisse Anna Maria Kaufmann der ersten Silbe ihres Nachnamens entsprechend unentwegt mit ihrer Rock-Scheibe angepriesen wird, steigt die Vorfreude auf das Geschehen.

Ein Füllhorn an Hits

Ein Animationsvideo mit "This Is The End" und "Eye Of The Tiger" unterlegt, das den Kampf eines Nagers mit der Mausefalle zeigt, leitet den Abend ein. Das typische Stimmen durch sämtliche Klangregister des Orchesters mündet in das Eröffnungsstück. Das Mittelschichtsvergnügen startet mit einer Wolf-im-Schafspelz-Ouvertüre, die in einer Art Potpourri Klassiker der Rockgeschichte wie "The Final Countdown", "I‘d Do Anything For Love" oder "Poison" miteinander verquickt.

Die Band gießt das Füllhorn an Hits aus fünfzig Jahren Rock über das bereitwillige Publikum. "Hotel Callifornia" aus den Kehlen der Backroundsänger leitet die erste Rocknummer ein. Auch der Scorpions-Signature-Song "Rock You Like A Hurricane" wird von den fünf Vocalisten dargeboten, die ansonsten eher für die Füllstimmen sorgen. Unter den Mitgliedern des Orchesters fallen zunächst vor allem die zum Mitmachen animierenden Musiker auf. Angetrieben wird das Ensemble von Ausnahmedrummer Moritz Müller, der für den nötigen Punch sorgt und Filigranes mit Furiosem verbindet. Bandleader Mat Sinner grinst wie ein Honigkuchenpferd.

Die alten irischen Jungs entern die Stadt

Das 50ste Jubiläum der irischen Rocker Thin Lizzy bildet den Rahmen für eine feurige Einlage von "The Boys Are Back In Town". Der in Würde gealterte Scott Gorham liefert sich ein kurzes Duell mit Stammgitarrist Tom Naumann. Bei letzterem handelt es sich um einen alten Bekannten aus dem Sinner-Camp, spielt er mit Mat Sinner doch auch bei Primal Fear.

"Waiting For An Alibi" vom Album "Black Rose" ist eine catchy Nummer, die insbesondere verdeutlicht, dass das Orchester bei den rockigen Songs sowohl im Mix als auch bezüglich des Arrangements eine untergeordnete Rolle spielt. Daran schließt sich nahtlos "Don‘t Believe A Word" an, bei der der gebürtige Ire Ricky Warwick Phil Lynotts Timbre authentisch trifft.

Der Loverboy heizt ein

Mike Reno, Sänger der kanadischen Band Loverboy, übernimmt nach einer pathetischen Einleitung das Zepter und schmettert "Working For A Weekend" unter die Kuppel der Halle. Hier fällt der Einfluss des Orchesters deutlich prägnanter aus.

Gesteigert wird das Feeling bei der ersten Ballade des Abends. "Almost Paradise" erklingt als Duett und setzt einen schönen Kontrapunkt, bei dem insbesondere die Lautstärke-Verhältnisse zwischen Rockband und Klassik-Klangkörper sorgsam austariert sind. Hier gehen Rock und Klassik tatsächlich die im Titel versprochene Liaison ein. 

Süße Träume, schnelle Karren

Ein weiterer kurzer Einspieler teasert The Sweet an, die mit "Action" in Aktion treten. Hier reißt es erstmals die ersten Reihen kollektiv von den Sitzen. Der weltweite Bestseller "Blockbuster" zündet mit seinem Boogie Beat direkt und sorgt für dezente Anspannung der Nackenmuskeln.

Mit gelber Brille und dem Schelm im Nacken versprüht Kevin Cronin Unmengen an Charisma. Die Powerballade "Take It On The Run" passt in den Kontext wie die Plüschfaust aufs Auge. Die Hits von REO Speedwagon nehmen zwar ein wenig Fahrt heraus. Zu "Can‘t Fight This Feeling", dieser ikonischen Achtziger-Schmonzette, versehen mit der netten Ansage "Rock N Roll Can Keep Us Young Forever", werden die Smartphones gezückt und im Takt geschwenkt.

Gesangliche Extravaganz

Mario Gebert leitet das Orchester für den kurzfristig erkrankten etatmäßigen Dirigenten Bernhard Wünsche und gibt den Backround für ein Cello-Solo. Nun steigt die Dramatik, denn Anna Maria Kaufmann betritt die Bühne. Der Opern- und Musical-Star singt eine emphatische Version von "The Last Unicorn". Bei aller technischen Klasse wirkt der Sopran hier ein wenig aufgesetzt.

Mit Pete Lincoln folgt das Duett von Andrew Loydd Webbers "Phantom Of The Opera". Der Sweet-Frontmann meistert seine Aufgabe bravourös, gerade weil ein erheblich größerer Stimmumfang als bei seiner Stammformation gefordert ist. Beim berühmten Sing-Finale kann jeder hier im Saal froh sein, dass die Getränke aus Plastikbechern ausgeschenkt werden. Kaufmann würde sonst die Gläser mit ihrem Opern-Falsett zum Bersten bringen.

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Weiter, immer weiter

Zu "Here I Go Again" von Whitesnake fällt der Spot auf die Matt Sinner Band und der Meister selbst übernimmt die Vocals. Die zweite Hälfte beginnt wieder mit den Lizzys und ihrem Hit "Jailbreak". Warwick wirkt wesentlich gelöster als beim ersten Teil, legt die Fesseln ab und zeigt welch cooler Sänger in ihm steckt.

Natürlich stellt sich bei "Whiskey In The Jar" die Frage ob der unvermeidliche Song vermeidbar gewesen wäre. Der als "Old Old Folksong" angekündigte Gassenhauer hat einen einprägsamen Singalong Part, der besonders vom Blech hervorgehoben wird. Die Zuschauer steppen und bescheren den beiden Thin Lizzy-Vertretern einen würdigen Abschied.

Sinner gebührt großer Respekt, die Welten miteinander zu verbinden. Denn nicht nur musikalisch muss die Chemie stimmen, sondern auch menschlich, zumindest wenn man das Klischee von feierwütigen Rockern und leisetretenden Klassikern zugrunde legt.

Breites Grinsen, blitzende Füchse

Mike Renos Grinsen führt von Ohr zu Ohr während er "Loving Every Minute On It" – so etwas wie das heimliche Motto der meisten Zuschauer an diesem Abend – sowie den smoothen Disco-Rocker "Turn Me Loose" raushaut, der mit seiner 80s-Ästhetik Pate für ein ganzes Jahrzehnt steht. Der 64 jährige Kanadier ist von Flammen und Rauch umgeben und räumt ab.

Dann übernehmen wieder The Sweet die Kontrolle: "The Ballroom Blitz“ und „Fox On The Run" sind Glamrock-Lehrstücke, die sich im Glitter der Orchester-Kolorierung pudelwohl fühlen. Urgestein Andy Scott schreddert seine Saiten, die Stimmung kocht.

REO‘s "Keep The Fire Burning" spielt Cronin in einer exklusiven Akustik-Version an. Danach rollt "Roll With Changes" das Feld mit Orgelsolo von Keyboarder Zlatko Jimmy Kresic von hinten auf. Selbstredend bekommt jeder Track der zweiten Hälfte ein episches Ende spendiert. Danach macht der Wuschelkopf seine Ehefrau auf der Bühne ausfindig und widmet ihr "Keep On Loving You". Cronin ist redselig, macht Späße mit Pianist Kresic, bevor die Nummer ihre rührselige Wucht entfaltet.

Der Star des Abends

Der Star des Abends hört hingegen auf den Namen Ian Gillan. Nach wie vor aktiv und kreativ mit seiner Stammformation Deep Purple zeichnet er sich verantwortlich für einige der größten Rocksongs. Stilprägend ist auch seine Stimme, auch wenn sie nicht mehr die Register und Ausdrucksstärke früherer Tage besitzt. Deswegen muss "Child In Time" leider draußen bleiben.

Macht nix, nach einem kurzen Orchester-Intermezzo schmettert der Barde Evergreens wie "Highway Star" oder "Black Night" in die Menge, die auch emotionalere Tracks wie das orientalisch angehauchte "Anya" oder "Perfect Strangers" bereitwillig würdigt. Gerade die letztgenannten Tracks gewinnen durch die Orchestrierung an Kraft, was jedoch auch an den vielgestaltigen Kompositionen liegt.

Brillante Soli

Gitarrist Alex Beyroth kommt Gillans ehemaligem Kontrahenten Ritchie Blackmore nicht nur optisch am nächsten, sondern soliert auch auf seiner Fender Strat wie einst Ritchie. Die Soli wirken dermaßen authentisch, dass sie den Dunst über dem schwarzen Moor perforieren.

Das Orchestergewand passt zu den Purple Stücken par excellence, kein Wunder bei einer Band, die einen Meister wie den 2012 verstorbenen Hammond-Gott und Klassik-Experten John Lord in seinen Reihen wusste. "When A Blind Man Cries" macht ebenfalls eine gute Figur im Set und stellt die beste Gesangsleistung des 74-jährigen dar, geht ihm doch gerade bei den hohen Passagen oder langgezogenen Schreien ein wenig die Puste aus. Gekonnt wird dies jedoch durch die Backround-Stimmen kaschiert.

Furioses Finale

Der Dirigent zieht sein Jacket aus, "Hush" vergeht wie im Flug und zum großen Finale "Smoke On The Water", einer der zugkräftigsten und leider auch totgenudeltsten Songs ever, geben sich alle nochmals das Mikro in die Hand. Gillan singt die Strophen mit Warwick, Kaufmann und Cronin, beim Refrain heißt es Feuer frei.

Die unermessliche Einflusssphäre auf die Rock und Popkultur auf einem Haufen ist auch keine reine Nostalgieveranstaltung. Klar ist das Konzept auf die Hits ausgelegt und hier und da zu holzschnittartig umgesetzt. Die Leidenschaft aller Musiker, die Brillanz in der technischen und klanglichen Umsetzung, der Showaspekt und die immer durchscheinende Rock N Roll-Affinität der Mitwirkenden reißen jedoch konsequent mit.

Mit Blick auf das Alter der VIPs des Abends ist es Sinners Verdienst, diesen Künstlern, von denen die meisten ihre erfolgreichsten Zeiten bereits lange hinter sich haben, eine gebührende Bühne zu bieten. Die Rente kann gerne noch warten.

Setlist

RMC Orchestra und Mat Sinner Band: Medley / Hotel Callifornia / Rock You Like A Hurricane

Scott Gorham und Ricky Warwick (Thin Lizzy): The Boys Are Back In Town / Waiting For An Alibi / Don‘t Believe A Word

Mike Reno (Loverboy): Working For A Weekend / Almost Paradise

Pete Lincoln, Andy Scott (The Sweet): Action / Blockbuster

Kevin Cronin (REO Speedwagon): Take It On The Run / Can‘t Fight This Feeling

Anna Maria Kaufmann: The Last Unicorn / Phantom Of The Opera (Duett mit Pete Lincoln)

RMC Orchestra und Mat Sinner Band: Cello-Solo / Here I Go Again

Scott Gorham und Ricky Warwick (Thin Lizzy): Jailbreak / Whiskey In The Jar

Mike Reno (Loverboy): Loving Every Minute On It / Turn Me Loose

Pete Lincoln, Andy Scott (The Sweet): Ballroom Blitz / Fox On The Run

Kevin Cronin (REO Speedwagon): Keep The Fire Burning (Akustik-Version) / Roll With Changes / Keep On Loving You

Ian Gillan (Deep Purple): Highway Star / Black Night / Anya / When A Blind Man Cries / Perfect Strangers / Hush / Smoke On The Water

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