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Massive Attack (live in Frankfurt 2019) © Torsten Reitz

Massive Attacks Meisterwerk "Mezzanine" live - diese Ankündigung sorgte bei Fans für große Vorfreude. Das Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle vermag die Erwartungen jedoch nicht zu erfüllen. Die Gründe sind vielfältig.

"Mezzanine" zählt fraglos zu den berühmtesten Alben der späten 1990er Jahre. Einunzwanzig Jahre nach Veröffentlichung gehen Massive Attack mit den originalen Sängern Horace Andy und Liz Fraser auf Tour. Kein Wunder, dass die Frankfurter Jahrhunderthalle komplett ausverkauft ist.

Massive Attack entscheiden sich dafür, "Mezzanine" nicht einfach nachzuspielen, sondern fügen den zehn originalen Songs sieben Coverversionen hinzu. Das ist grundsätzlich keine Fehlentscheidung, allerdings ist die Auswahl der Stücke wenig überzeugend. 

Fragwürdige Coverversionen

Das stark verfremdete Cover des Antikriegslieds "Where Have All the Flowers Gone?" mag die politischen Überzeugungen von Massive Attack transportieren, ist musikalisch aber komplett verzichtbar. "See A Man's Face" von Horace Andy ist ein gutes Lied, aber die Reggae-Rhythmen passen nicht zu den Mezzanine-Songs.

Ebenso rätselhaft ist die Auswahl "10:15 Saturday Night" von The Cure als Party-Hymne zu performen. Gerade The Cure haben doch zahlreiche Songs geschrieben, die sich gut in die düstere Klaustrophobie von "Mezzanine" eingefügt hätten. "Rockwrok" von Ultravox und Aviciis "Levels" sind absolute Fremdkörper, die in ihrem extremen Kontrast zur übrigen Musik fast belustigend wirken.

Auf der Habenseite der Cover bleibt daher nur der Bauhaus-Klassiker "Bela Lugosi's Dead", der in Stimmung und Struktur dem Mezzanine-Material am nächsten kommt. Die übrigen Lieder zerstören schlichtweg den Flow des Konzerts, indem sie für unnötige Kontraste sorgen. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Den Ton nicht getroffen

Die Aufführung der Mezzanine-Songs ist eine sichere Bank – sollte man meinen. Leider passt auch hier wenig zusammen. Es scheint, als würden Massive Attack den Ton ihrer eigenen Musik immer leicht verfehlen.

Die anziehende, fast magische Stimmung von Mezzanine auf die Bühne zu bringen, erweist sich als schwerer als gedacht. Lediglich "Risingson", "Man Next Door" (mit Horace Andy) und "Exchange" vermögen, einigermaßen zu überzeugen.

So reicht keine Live-Version an die unantastbaren Studioversionen heran. Die wunderbar bedrohliche Atmosphäre von "Inertia Creeps" geht fast vollständig verloren, so dass das Lied unglaublicherweise ziemlich lahm wirkt. 

Zurückhaltendes Publikum

Wer auf die wunderbare Stimme von Liz Frazer zur Rettung des Konzerts gehofft hat, wird ebenfalls enttäuscht. Beim fraglos schwer zu singenden Klassiker "Teardrop" geht so mancher Ton daneben. Aber auch Lieder wie "Black Milk" und "Group Four" verblassen neben den Studioversionen.

Die Reaktion des Publikums ist daher erstaunlich zurückhaltend. Nur bei "Teardrop" ist echte Begeisterung spürbar, ansonsten betrachten die Zuschauer das Geschehen auf der Bühne wie eine etwas überambitionierte Kunstinstallation. 

Vielleicht ja doch U2?

Tatsächlich ist das Publikum einem unablässigen Strom aus Bildern und Videos auf der Leinwand ausgesetzt, der im Grundsatz an ein U2-Konzert erinnert. Anders als bei den Iren ist jedoch kein roter Faden zu erkennen, abgesehen von einer grundsätzlichen Kritik an Politikern, Kriegen und der modernen Welt.

Dazu werden immer wieder Slogans auf Englisch und Deutsch eingeblendet – manche davon mit offensichtlichen Fehlern. Das alles geschieht ungeheuer ernsthaft, lässt den Betrachter aber doch eher kalt, falls er nicht über Sätze wie "Es hieß einmal werden uns die Freiheit bringen" schmunzelt. 

Robert del Naja hat die Mezzanine-Tour als "our own personalised nostalgia nightmare head trip" bezeichnet. Das Schlüsselwort ist "personalised", denn die Vision der Band, umgesetzt von Regisseur Adam Curtis, bleibt unnahbar, fast hermetisch abgeschlossen und vermag selbst mit anerkannten Klassikern nicht zu punkten. Was für eine verpasste Chance!

Setlist

I Found A Reason / Risingson / 10:15 Saturday Night / Man Next Door / Black Milk / Mezzanine / Bela Lugosi's Dead / Exchange / See a Man's Face / Dissolved Girl / Where Have All the Flowers Gone? / Inertia Creeps / Rockwrok / Angel / Teardrop / Levels / Group Four

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