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Laing (live in Heidelberg, 2019) © Kosta Jiannis

Wer mit der Frage, was deutsche Popmusik anno 2019 noch leisten kann, zu Laing geht, wird keine Antwort bekommen. Wer fragt, wie Pop aussehen könnte, hat Spaß an ihrer Show.

Laing gelten als wohlüberlegte Ausnahme im Einheitsbrei deutscher Popmusik, die tendenziell so fad geworden ist, dass sich Rio Reiser im Grab umdreht. Das Berliner Gesangs- und Tanzkollektiv hält es trotzdem mit Lametta hinter der Bühne. Glitzer und Glamour, obwohl sie sich doch genau davon abheben möchten – dort, wo Schein so lange zu Sein umdefiniert wurde, bis die Chartspitze die Kasse klingen lässt.

Oder was hat man missverstanden an Zeilen wie: „Tut mir leid, wenn’s manchmal schlecht übersetzt ist / Aber mein Herz ist des Deutschen nicht mächtig“? Vielleicht kommen Laing hier auch auf halbem Wege dem Support-Act King Mami entgegen, deren korpulenter Frontmann und Schauspieler Daniel Zillmann sich im golden glitzernden Oberteil prächtig ins Bühnenbild fügt.

Kohärentes Bild

Zusammen mit seiner Mitmusikerin an Gitarre und MacBook kann sich das Duo nicht wirklich zwischen Akustik-Pop und Tanzfläche entscheiden. Da ist nicht nur bei der Stringenz noch Luft nach oben.

Das deutlich kohärentere Bild geben kurz darauf Nicola Rost und ihre beiden Zweitstimmen Jahonna Marschall und Josefine Werner ab, wenn sie unter modifizierten Bürolampen an ihren Mikroständern die Disziplin Synchron-Singen aufmachen.

Direkt zum Auftakt gibt es mit "Camera" einen der stärkeren Songs des aktuellen Albums "Fotogena", der einer grassierenden Selfie-Seuche den Spiegel vorhält. Dabei bewegen sich die drei nicht selten so technokratisch wie ausgemusterte "Hosts" aus der KI-Serie Westworld: Humanoide Roboter, immer lächelnd. Und das vor einer Kulisse, aus der jeden Moment Klaas Heufer-Umlauf ins Licht treten könnte, um mit einer Neuauflage von Circus Halli Galli zu drohen.

Performante Symmetrie

Die Selbstoptimierung ist wiederkehrender Kritikpunkt bei Laing und auf ihrem aktuellen Album, das die meisten Songs des Abends bereithält. Der Zahn der Zeit dient mehr als einmal als Zielscheibe des mehrschichtigen Elektro-Pops, den neben den drei Sängerinnen auch Percussionist Alex und Tänzerin Marisa Akeny als performance-betontes Gesamtwerk abrunden.

Gerade Akeny ist dabei ein echter Hingucker. Bei Songs wie "Zeig Deine Muskeln", der Kritik an überpraktiziertem Körperkult und prähistorischem Männlichkeitsideal übt, lässt ihr köperbetonter Tanzstil aber auch manches Mal die Luft aus den eigenen Argumenten.

Frontfrau und Hauptsongwriterin Nicola Rost hat wohl bewusst auf so manchen Semantik-Spagat gesetzt und legt großen Wert auf stetig wechselnde Garderobe und performante Symmetrie. In ihrem Styling sieht sie heute aus wie das Adoptivkind von Heike Makatsch und Anke Engelke, klingt aber meistens wie Inga Humpe, wenn es draußen mal keine 36 Grad hat.

Der Text heiligt die Mittel

Entsprechend elegant performt sie mit ihren Sidekicks auch in Regenmänteln Zeilen wie "Scheiß Tag im Nieselregen." Etwas tollpatschiger agiert sie kurz darauf am Klavier. Sie sagt: "Ich hätte als Kind doch mehr üben sollen." Dendemann sagt:. "Der Text heiligt die Mittel."

Und so bleibt in Summe ein zweischneidiges Konzerterlebnis, das optisch so manches Mal konträr zum Thema läuft, und sich die gesellschaftskritische, zumeist auf zwischenmenschlicher und beziehungstechnischer Ebene fußende Poesie, erst der Musik fügt und dann vor der plastischen Darbietung in die Knie geht.

Da passt es auch irgendwie ins Gesamtbild, dass die Show mit dem zwar größten Hit der Berlinerinnen, aber inhaltlich schwächeren Song „Morgens Immer Müde“ endet. Auch mit einer Acapella Version von Heinz Erhardts „Immer Wenn Ich Traurig Bin“ als Zugaben-Anhängsel wird das nicht unbedingt zwingender.

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