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Motorlizard (live in Mannheim, 2019) © Johannes Rehorst

Melodischer Punk, melancholischer Folk, walzender Stonerrock oder auch mal eine gehörige Dosis Schlager - bunter als beim achten Winteraward kann ein Programm kaum ausfallen. Dabei entpuppen sich gleich zwei eingesprungene Acts als echter Zugewinn.

Neu-Award-Gänger wundern sich vielleicht noch, langjährige Besucher werden es wissen: Das einzige, was es weder beim Mannheimer Brückenaward noch bei seinem winterlichen Pendant, dem Winteraward gibt, ist der Award selbst. Spätestens dieses Mal einen Preis verdient gehabt hätte allerdings das Organisationsteam, und zwar für die gelungene Improvisation.

Denn nachdem mit Loaded bereits vor einigen Wochen noch rasch ein adäquater Ersatz für die ausgefallenen Achtung Spitfire, Schnell, Schnell organisiert werden konnte, sahen sich die Festival-Macher noch am Veranstaltungstag mit einer weiteren Absage konfrontiert: Wire Love mussten kurzfristig die Segel streichen, und so musste kurzfristig umdisponiert werden, um die Lücke, die die Münsteraner in der sogfältig ausgeklügelten Running Order hinterließen, zu füllen. Gar nicht so einfach.

Dafür stimmte dieses Mal der jahreszeitliche Rahmen. Bei der knackigen Kälte überlegte sich sogar der nikotinabhängige Teil des Publikums zweimal, ob der suchtstillende Gang an die frische Luft nun wirklich nötig ist oder ob man sich nicht doch noch drinnen im warmen Saal des Mannheimer Forums einen Song anhört.

Melancholischer Einstieg

Zum Beispiel von Aga L, dem Duo, das den Abend einläutete. Eine Gitarre, eine Geige und eine leise, klare Stimme – mehr brauchten die beiden nicht, um das zur frühen Stunde noch etwas verhalten reagierende und zahlenmäßig noch recht überschaubare Publikum zum Träumen zu bringen.

Melancholische Folksongs mit abwechselnd polnischen und englischen Texten sowie Geigenklänge bescherten so einen hervorragend passenden, sanften Einstieg in einen langen Winterabend.

Cello mal anders

Ein weiteres Streichinstrument stand gleich im Anschluss im Mittelpunkt. Regina Wilke, die gerade im Mannheimer Rama-Studio zusammen mit Winteraward-Macher Chris Bethge an ihrem Solo-Album schraubt, hatte sich spontan bereit erklärt, für die ausgefallenen Wire Love in die Bresche zu springen.

Die sympathische Cellistin bewies mit ihrer Performance eindrucksvoll, dass ihr Instrument ist auch ohne klassischen Musikkontext hervorragend funktioniert. Mit einer ganzen Batterie an Effektgeräten und einer Loopstation zu ihren Füßen bearbeitete sie ihr Cello mit Händen, Fingernägeln, Fingern und Streichbogen, klopft, kratzt,

Warmblüter mit Pferdestärken

Nach so viel Entspannung musste erst einmal die Dampfwalze durch das Forum rollen. Die Anzahl wartender Menschen mit einschlägiger Szenekleidung – bevorzugt schwarz und metallisch – im Zuschauerraum ließ es bereits vermuten: Motorlizard sind im Haus. Rasch brachte das Mannheimer Quintett umweht von Dieselkraftstoff und Wüstenstaub das Publikum mit ihrem PS-starken Stoner-Rock auf Hochtouren und machte den Winteraward kurzzeitig zur Desert Session.

Staubtrockene Gitarrenriffs und tonnenschwere Grooves sowie ein Sänger, dessen Reibeisen angenehm an Jack Letten von den unverwüstlichen Smoke Blow erinnert, machten die Show zur äußert rund rollenden Angelegenheit. Mit jeder Menge Spielfreude und Rock'n'Roll-Attitüde bohrten die Fünf ein dickes Brett auf die Bühne und zauberten dem einen oder anderen Zuhörern ein fettes Grinsen ins Gesicht.

Kamele im Mondschein

Langjährige Winteraward-Gänger wissen, dass Homogenität im Line-Up für die Macher ein Fremdwort ist. Im Fokus steht eben die Musik in allen ihren Formen und Facetten, da kann es schnell passieren, dass auf Cello-Avantgardismus und Stoner-Rock ganz schnell wieder ein neues Spielfeld eröffnet wird – In diesem Fall von Camel Moon, die den Schweiß ihrer Vorgänger verdampfen ließen und mit ihrem entspannten Folk-Rock dem Publikum erst einmal die Gelegenheit gaben durchzuatmen.

Versetzt mit einer leichten Dosis akustischer Psychedelika schlug das Mannheimer Quartett eher ruhige Töne an. Das ist zwar hier und da manchmal noch etwas ausbaufähig, was die Kreativität und vor allem die Dynamik angeht, abwechslungsreich ist es aber dank den beiden Charakterstimmen von Yannick Ziegler und Alex Staszewski allemal.

Die volle Ladung

Wem das zu wenig abwechslungsreich war, konnte an der Salatbar nebenan wieder seinen Hunger stillen, im Foyer die eine oder andere Melting Butter Session auf Leinwand Revue passieren lassen oder einfach im gemütlichen Clubraum zu teils obskuren Videodokus ein wenig entspannen. Doch spätestens als Pat, Julia und Nick von Loaded die Bühne enterten, platzte der Konzertsaal wieder aus allen Nähten und dann war erstmal der Punk los.

Mit ihrer Mischung aus rohem, hochmelodiösen Punkrock und dem einen oder anderen Offbeat brachten die Mannheimer Urgesteine die Anwesenden zum Tanzen, skanken und pogen. Und die bekamen nicht nur eine solide Show mit jeder Menge Herzblut, sondern nebenbei auch ein astreines Generationentreffen präsentiert: Mindestens drei bis vier Generationen Punkrock-Liebhaber versammelten sich bei dem Auftritt vor der Bühne. Die Renten sind sicher!

Die Brückenaward-Hitparade

Den Vogel schossen dann (nicht nur in einem ihrer Songs) wohl Metal Jackson bzw. Matze & Tim ab und sorgten damit für eine weitere Premiere an dem Abend. Helene sei gepriesen, der Schlager hat seinen Marsch durch die Kultur-Institutionen erfolgreich hinter sich gebracht und ist jetzt wohl auch in der Mannheimer Subkultur angekommen. Somit ist die perfide Mission, deutsches (Un-)Kulturgut wieder jugendzentrumstauglich zu machen, wohl endgültig gelungen, und das ganz ohne Promi-Hilfe.

Ob man das jetzt geil findet (wie offensichtlich einige - erstaunlich textsichere – Besucher in den ersten Reihen) oder eher fremdschamwürdig (wie offensichtlich einige Buh-rufende Besucher in den hinteren Reihen), ist wohl Geschmackssache, Fakt ist: Diejenigen, die blieben, hatten sichtlich Spaß, von Matze & Tim selbst ganz zu schweigen.

Das dynamische Duo ließ sich von Buh-Rufen null beeindrucken, fuhr mit Cowboyhut und Ukulele bewaffnet im rosa Twingo nach "Santo Domingo", feierte als selbsternannte "Wodka-Cola-Kaiser" die "Megaparty", bis es dem einen oder anderen Feierwütigen in den ersten Reihen "zu heiß" wurde. Das Fazit: Grenzwertig, aber irgendwie auch gut (oder halt furchtbar).

Wie ein warmer Schal

Gott sei Dank gab es da noch Bawrence of Aralia. Die Maastricht-Mannheim-Connection steht bekanntlich schon seit einigen Jahren und hat der Quadratestadt bereits in der Vergangenheit einige nette Gastspiele beschert. So dürfte der Fünfer aus Holland bereits dem einen oder anderen Besucher auf dem letztjährigen Maifeld-Derby wohlige Schauer über den Rücken gezaubert haben, wie auch jetzt wieder zum Finale des Winterawards.

Mit einem minimalistischen Set, verträumten Arrangements, sanften Synth-Klängen, verspielten Gitarrenfrickeleien und viel Liebe zum Detail setzten Bawrence of Aralia einen würdigen Schlusspunkt unter den 8. Winteraward.

Während draußen das Thermometer weiter ins Minus fiel, konnte man sich drinnen zum krönenden Abschluss vom minimalistischen Garagepop des Quintetts nochmal etwas innere Wärme einpacken, denn die richtig kalten Tage kommen schließlich wohl erst noch. Aber der Brückenaward im Sommer bestimmt auch, und wenn der wieder so gut wird wie sein winterliches Schwester-Event, dann kann man sich jetzt schon drauf freuen.

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