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Clueso (live in der Heidelberg 2018) © Alex Schäfer

Das überwiegend akustische Album "Handgepäck" zeigt Clueso von einer intimen Seite. An sich funktionieren die Songs auch auf der Bühne, nur an der Dramaturgie hakt es bei seinem Konzert in der halle02 in Heidelberg gelegentlich. Aber seine Klassiker feiern Clueso und seine Fans nach wie vor.

Cluesos neues Album "Handgepäck" ist eine Art Experiment. Die Songs hat er im Verlauf mehrerer Jahre auf Reisen aufgenommen und größtenteils selbst eingespielt – eben mit dem, was ins Handgepäck passt.

Auf dem Album klingt Clueso unverfälscht und direkt. Die Frage ist aber, wie die Live-Umsetzung funktioniert.

Weniger ist mehr...?

Als Clueso kurz nach acht nur mit einer Akustikgitarre auf die Bühne kommt, ist sofort klar: Der Sänger muss nicht viel tun, um die ausverkaufte halle02 zu begeistern. Das heißt aber nicht, dass er sich im Verlauf des Abends nicht auch verausgaben wird.

Zunächst baut er allerdings auf Minimalismus. Die erste Hälfte des Sets besteht fast nur aus "Handgepäck"-Songs. Die benötigen prinzipiell nicht mehr als Cluesos Gitarre, zurückhaltenden Support seiner Band und hier und da ein wenig Saxophon-Gehauche.

Einen richtigen Opener gibt es nicht, die Songs sind sehr kurzweilig und schnörkellos. Der Abend soll intim starten – an sich eigentlich eine vielversprechende Taktik, aber so richtig einfangen kann Clueso das Publikum so noch nicht.

Sympathie-Punkte

Dafür punktet der Charmeur mit andauerndem Publikumskontakt. Er wirft mit koketten Blicken um sich, versichert, wie viel Spaß er hat, erzählt die Entstehungsgeschichten seiner Songs und ist schlicht die Urform des locker-lässigen Typen.

Besonders charmant ist seine Udo Lindenberg-Imitiation, mit denen er nach "Cello" sein Publikum voll und ganz im Griff hat.

"Backing-Band" im Vordergrund

Nach und nach lässt er dann auch seine Band häufiger zur Geltung kommen. Die ein oder anderen kleinen Soli und Outros übernehmen seine Musiker. Für "Pizzaschachteln" lässt er Antonio Lucaciu am Saxophon und Tim Neuhaus am Schlagzeug freien Raum – absolut zu Recht.

Clueso hat sich unfassbar gute Instrumentalisten mit auf Tour geholt, und er selbst verliert sich gelegentlich in ihren inspirierten Soli. Höchstens der Saxophon-Klang nutzt sich mit der Zeit minimal ab. Später stellt sich Neuhaus durch eine packende Performance von Glen Hansards "This Gift" auch noch als erstklassiger Sänger heraus.

In seinem Element

Wenn im Verlauf des Abends die energiereicheren Songs ausgepackt werden, geht Clueso im Drumbeat erst richtig auf. Das fängt schon bei "Wie versprochen" an und findet seinen ersten Höhepunkt mit "Frische Luft" – einem Griff zurück in das Repertoire seiner Anfangsjahre, der positiv überrascht.

Der scheint nicht nur langjährigen Fans zu gefallen, sondern auch der Band und Clueso selbst, der wie von der Leine gelassen wirkt. Zum ersten Mal sieht man den Frontmann wirklich tanzen und Spaß haben. Er scheint vollkommen in seinem Element zu sein. Seine Stimmung springt auf das Publikum über, das spätestens jetzt auch voller Energie ist. 

Spontan und professionell

Nun macht Clueso wahr, was er zu Beginn des Abends angekündigt hat: "Wir haben schon so 'ne Art Setlist, aber wir machen einfach das, worauf wir Bock haben." Aus dem Publikum ertönt lautstark der Songwunsch "Ich bin für's Rollen" – darauf wird der Sänger erstmal stutzig und meint, da müsse er jetzt aber eine alte Festplatte rauskramen. Dann aber haut die Band eine unglaublich versierte und lebendige Performance raus. 

Das letzte Drittel des Sets besteht fast ausschließlich aus älteren, bekannten Songs. Dass "Chicago" etwas routiniert heruntergespielt wirkt, ist gegenüber Cluesos Freestyle-Einlage in "Freidrehen" und dem emotionalen Vortrag von "Gewinner" zu verzeihen, bei dem der Sänger die ganze Bandbreite seiner Stimme zeigt. Obwohl seine Sprechstimme etwas angeschlagen wirkt, gibt er gesanglich alles. Seine Bühnenerfahrung macht sich außerdem durch ausgezeichnete Intonation bezahlt.

Die Dosis stimmt – der Aufbau nicht?

Zum Ende hin ist das Publikum mit einem sehr wechselhaften Set konfrontiert: "Wenn ein Mensch lebt" entwickelt sich vom minimalistischen Beginn zu einem energetischen Höhepunkt, dann werden die Zuschauer mit "Paris" wieder auf den Boden geholt. Das gleiche passiert, als mit dem treibenden Hit "Achterbahn" und schließlich dem akustischen "Barfuß" der Abend endet.

Funktionieren die "Handgepäck"-Songs nun auf der Bühne? Überwiegend schon, und auch die relativ hohe Dosis stört nicht. Da Clueso aber "ganz leise" anfängt und die Energie nur allmählich steigert, ist die Stimmung im Publikum nicht ganz so euphorisch. Langjährige Fans können hingegen eine neue Seite des Erfurters entdecken.

Setlist

Morgen ist der Winter vorbei / Es ist schon spät / Neue Luft / Wie versprochen / Vier Jahreszeiten an einem Tag / Du und ich / Pizzaschachteln / Zimmer 102 / Landstreicher / Cello / Frische Luft / ? / Ich bin für's Rollen / Es brennt wie Feuer/Sex on Fire / Chicago / Fanpost / Tim Neuhaus: This Gift (Glen Hansard) / Freidrehen / Gewinner / Wenn ein Mensch lebt / Paris // Achterbahn/Zusammen / Barfuß

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