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Joris (live in Wiesbaden, 2018) © Peter H. Bauer

Aktuell tourt Joris mit seinem zweiten Album „Schrei es raus“, das ebenso intime wie druckvolle Momente hat. Genauso gestaltete sich auch das Konzert im Schlachthof Wiesbaden, bei dem die Songs sehr passend und mit viel Liebe in Szene gesetzt wurden.

Erst seit dreieinhalb Jahren ist Joris auf der Bildfläche der deutschen Musikszene präsent, hat sich aber schnell eine bunt gemischte Fanbase aufgebaut. Im (zugegebenermaßen überwiegend weiblichen) Publikum im Schlachthof Wiesbaden ist sogar das ein oder andere Elternpaar der ganz jungen Fans vertreten. Fast alle Besucher lassen sich bereits durch den Supportact leicht begeistern.

Kräftiger Support

Die Bühne betritt ein afrikanisch-britischer Sänger mit einer Gitarre in der Hand. Kelvin Jones überzeugt mit einem sehr enthusiastischen Vortrag seiner eigenen Songs, der die Zuhörer die nicht vorhandene Backup-Band kein Stück vermissen lässt, und seiner charaktervollen, facettenreichen Stimme, auch wenn er diese leider nicht in jedem Song zeigt.

Volle Verausgabung

Der anschließende Auftritt von Joris weiß Spannung aufzubauen. Ein Intro erweckt Erwartungen, dann wird alles dunkel. Das Publikum ist wie angewurzelt, als Joris die ersten Zeilen von „Magneten“ singt und sich dabei selbst alleine mit dem Harmonizer begleitet. 

Beim Hereinbrechen des Refrains bebt die Halle vom vollen, ausgewogenen, aber auch druckvollen Bandklang – das kraftvolle Writing macht sich live bezahlt. Die Band verausgabt sich in der Anfangsphase der Show vollkommen, vor allem der Schlagzeuger und der Keyboarder haben sichtlich Spaß. Das Publikum zeigt seine Wertschätzung allerdings deutlich mehr durch Applaus und Zwischenrufe als durch Bewegung, was bei einigen kraftvollen Songs doch etwas verwunderlich erscheint.

Routinierter Frontmann

Joris zeigt stimmlich zunächst nicht viel mehr als im Studio, im Verlauf wird er aber mutiger. Gerade in der Tiefe verbirgt sich hinter dem rauchigen Klang, den man von der Platte gewohnt ist, eine sehr klare und volle Stimme, die positiv überrascht. 

Mit dem Publikum kommuniziert er anfangs nicht viel, wirkt eher routiniert, passt dafür aber gelegentlich seine Songtexte für Wiesbaden an – nichts, was man nicht schon von unzähligen anderen Künstlern kennt.

Top-Arrangements

Beeindruckend sind aber die neuen Arrangements für die Live-Performance. Das Instrumentenspektrum reicht von standardmäßiger Bandbesetzung (oft jedoch mit echtem Klavier) über Klarinette und Akkordeon bis hin zu einem selbstgebauten, „recycelten“ Ensemble aus verschieden gefüllten Weingläsern, einer Schreibmaschine, einem Koffer-Harmonium und einem Bassinstrument aus leeren Weinflaschen. 

Aus Songs, die schon auf den Alben stark klingen, wie etwa „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“, „Im Schneckenhaus“ oder „Feuerwesen“, wird alles herausgeholt, was die Songs im Kern ausmacht. Die Unterlegung von „Schnee“ (den Joris in der Mitte des Publikums singt) mit einem poppigen Beat wird vielleicht nicht von jedem als passend empfunden, ist aber zumindest eine Abwechslung.

Der Charmeur taut auf...

Erst wenn sich das zweite Drittel des Sets eher auf intime Songs mit reduzierter Besetzung beschränkt, scheint Joris langsam aufzutauen, auch wenn seine ersten Annäherungsversuche eher inszeniert wirken.

Er stellt nach und nach seine Band vor, dankt einige Male seiner Crew, macht die ersten Witze und leitet seine Songs mit persönlichen Geschichten ein. Im Verlauf wird er immer zutraulicher, flirtet geradezu mit seiner Band und wickelt die Besucher mehr und mehr mit seinem authentischen Charme um den Finger. 

...und sein Publikum auch

Der Abend findet mehrere Höhepunkte mit den erfolgreichsten Titeln des Sängers, „Du“, „Sommerregen“, „Signal“ und „Herz über Kopf“. Mit Konfetti-Bomben und stark inszenierten Refrains kommt das Publikum jetzt auch richtig in Bewegung.

Es häufen sich vor allem in den Intros und Build-Ups Referenzen auf „Amazing Grace“, „Don’t Worry Be Happy“ und „Die Gedanken sind frei“: Nette Ideen, auch wenn stellenweise ihr Zweck nicht ganz klar wird.  

Zum Schluss: Noch mehr Liebe

Seine Reichweite nutzt Joris auch für persönliche Anliegen, wenn er zum Beispiel auf die Verschiedenheit der Konzertbesucher eingeht und für Toleranz plädiert. Zum Abschluss teilt er seine Erfahrung eines Anschlags bei einem Musikfestival, das er 2016 bespielt hatte.

In einer emotionalen Ansprache ermutigt er dazu, Menschen in Not mit Rat und Liebe zur Seite zu stehen und berührt mit einer authentischen Klavierversion von „Glück auf“. Am Ende des Abends ist klar: Joris verbreitet nicht nur gute Musik, sondern auch viel Charme und Liebe. 

Setlist

Magneten / Kommt schon gut / Bis ans Ende der Welt / Feuerwerk / Hoffnungslos Hoffnungsvoll / Im Schneckenhaus / Unerreichbar weit / Er / In Zeitlupe / Feuerwesen / Schrei es raus / Du / Schnee / Sommerregen / Signal / Herz über Kopf / Glück auf

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