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Die Toten Hosen (live auf dem Highfield, 2017) © Christian Grube

Eine extrem mitreißende Stimmung, eine tadellose Show und sehr unterhaltsame Ansagen von Campino - die Toten Hosen machen auf dem Mannheimer Maimarktgelände fast alles richtig. Lediglich die Songauswahl dürfte nicht jeden langjährigen Fan restlos begeistern.

Bereits zum achten Mal in ihrer über 35-jährigen Karriere spielen Die Toten Hosen in Mannheim, erzählt Campino irgendwann während der Show. Obwohl die Band bekanntermaßen politisch und gesellschaftlich sehr engagiert ist, wolle man "den Abend nicht groß für politische Reden missbrauchen", so der Frontmann, jedoch erwarte man eine Erklärung von Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen bezüglich seiner Aussagen zum Chemnitzer Video.

Diese Hosen sitzen bestens

Den Rest des Abends lassen die Toten Hosen vor allem ihre Musik sprechen. Als sie nach ihrem etwas merkwürdig anmutenden Intro-Video, das die Band passend zum Albumtitel auf einer Art Expedition durch einen animierten Dschungel zeigt, ihr Set eröffnen, fackeln sie nicht lange. Vom Ritchie knüppelt wie besessen auf sein Schlagzeug ein, Campino begrüßt knapp das Mannheimer Publikum, und dann hauen die Düsseldorfer den Fans auch schon ohne Unterbrechung erst einmal "Auswärtsspiel" und "Niemals einer Meinung" um die Ohren.

Die Band zeigt sich bestens aufgelegt und nach all den Jahrzehnten perfekt aufeinander eingespielt. Kuddel, Breiti und Andi suchen sich auf der großen, aufwendig im Stil des aktuellen Albums dekorierten Bühne immer wieder gegenseitig auf, um gemeinsam zu rocken; Campino rennt und springt über die Bühne und nimmt seine typischen Posen mit einem Bein auf der Monitorbox ein. Auch stimmlich zeigt sich der Frontmann in guter Form.

Anlage vs. Publikum: 0 - 1

Dass sich seine Stimme bei dem ein oder anderen Schrei an diesem Abend beinahe zu überschlagen droht, scheint den 56-jährigen kaum zu jucken und verleiht seinem Gesang auf gewisse Weise sogar höhere Authentizität: Ohne Rücksicht auf Verluste gibt Campino alles und lässt dabei deutlich die Punk-Wurzeln zum Vorschein treten.

Der Sound ist sehr differenziert abgestimmt, dürfte jedoch gerne etwas lauter sein, um mit der von Beginn an hohen Singfreudigkeit des Mannheimer Publikums mithalten zu können. Gleich beim ersten Song ist ob der "Ole ole ole ola"-Chöre von der Band nicht gerade übermäßig viel zu hören. Dank tonnenweise Charisma und Bühnenpräsenz hat Campino die Fans stets voll im Griff; will er etwa bei "Laune der Natur" "die Hände sehen" lässt sich unter den gut 30.000 Besuchern kaum eine Hand ausmachen, die nicht begeistert emporgestreckt wird.

Neu vs. alt: 0 - 1

Während "Die Schöne und das Biest" etwas belanglos dahinplätschert, schrauben die Hosen mit dem Hannes Wader-Cover "Heute hier, morgen dort" die Stimmung schnell wieder nach oben. Einen ersten Höhepunkt erreicht das Set beim "Liebeslied", das von Campino mit den Worten "Wir haben wieder solche Zeiten, in denen es wichtig ist, seine Meinung zu vertreten und auf die Straße zu gehen" angekündigt wird. Wer dachte, Pogo finde nur so richtig vor der Bühne statt, war wohl noch nicht auf einem Hosen-Konzert: An mehreren Stellen entwickeln sich in kürzester Zeit Moshpits, in denen die Post abgeht.

Hier wird auch zum ersten Mal deutlich, was sich durch die ganze Show ziehen soll: Während die neueren Songs zwar durchaus mit Begeisterung von großen Teilen des Publikums mitgesungen werden, sind die richtigen Kracher meist die alten Klassiker, von denen es gerne der ein oder andere mehr hätte sein dürfen an diesem Abend.

Unter den Wolken ist noch Luft nach oben

Bei Songs wie "Bonnie und Clyde", "Alles aus Liebe" und "Wünsch dir was" (Campino: "Wo sind die berühmten Mannheimer Domspatzen?") gibt es kaum ein Halten; dagegen will etwa das poppige "Unter den Wolken" nicht ganz zünden.

So ist die Songauswahl der vielleicht einzige Kritikpunkt an einer Show, die ansonsten wirklich alles richtig macht. Denn auch bei der Reihenfolge der Songs beweist die Band nicht unbedingt das glücklichste Händchen. Nach einer krachenden Darbietung des Überhits "Hier kommt Alex", dessen erste Zeilen ein sichtlich erfreuter Campino erst einmal ganz dem Publikum überlässt, wirkt das reichlich zahme "Freunde" am Ende des regulären Sets doch eher antiklimaktisch.

Dennoch herrscht den ganzen Abend über eine bombastische Stimmung unter den Fans. Von der allgegenwärtigen Party-Laune einmal abgesehen, ist es beeindruckend, wie die Band es schafft, durch ihren Auftritt ein beinahe magisches Gefühl der friedfertigen Gemeinschaft zu erzeugen.

Never Mind The Hosen...

Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, als ein merklich angeheiterter Campino zum ersten Zugabenblock nach gut 80 Minuten auf die Bühne zurückkehrt und sich darüber beschwert, dass er bis zur zweiten Zugabe nur Weißweinschorle erhält. Anschließend stimmt die Band den Yankees-Song "Halbstark" in der "Rote Rosen"-Version unter massiver Publikumsbeteiligung an und will dabei "den ganzen Scheiß-Platz springen sehen". Dazu läuft auf der Videoleinwand ein Clip, der die Toten Hosen mit ehrwürdiger Miene bei einer Tanz-Choreographie zeigt.

Auch hier stimmt die Show: Nicht allzu vielen Bands wissen die Videoleinwand so einzusetzen, dass sie einen echten Mehrwert für das Konzert bietet, so wie es den Toten Hosen an diesem Abend gelingt. Äußerst sympathisch zudem, wie wenig sich die Band zuweilen selbst ernst nehmen kann.

Campino vs. Schlagseite: 0 - 1

Campino, der schon den ganzen Abend immer wieder mit humorvollen Ansagen punkten konnte ("Zum ersten Mal haben wir 1985 in der Feuerwache gespielt. Und wenn ich euch so angucke, dann habt ihr euch besser gehalten als wir!") wird offenbar dank leichter Schlagseite immer redseliger und unterhaltsamer. "Zum ersten Mal haben wir echte Musiker auf der Bühne" stellt er etwa die Streicher auf der Bühne vor, die die Band unter anderem bei "Willkommen in Deutschland" sowie "Du lebst nur einmal" begleiten.

Da die Band vor "Unsterblich" noch mit dem Stimmen der Instrumente beschäftigt ist, fordert er kurzerhand eben "Applaus für die Hi-Hat". Das Cover "Schrei nach Liebe" wird angekündigt als Song einer wenig bekannten Band, die leider "nie den Erfolg hatte, den sie verdient hätte". Vor gekürzten Versionen von "Bis zum bitteren Ende" (ein "Volkslied aus Düsseldorf aus dem Jahre 1467") und "Zehn kleine Jägermeister" echauffiert er sich gespielt darüber, dass sie jahrelang als "Saufkombo" dargestellt wurden.

Starke Schlussphase, pünktlicher Abpfiff

Die längst völlig ausgelassene Partylaune hält bei Band und Publikum ungebremst bis zum Ende an, ob bei der Partyhymne "Schönen Gruß, auf Wiederseh'n", dem Schlager-Rocksong "Tage wie diese", dem AC/DC-Cover "T.N.T." (bei dem Violinist Alexander Pichugin auf beeindruckende Weise den Gesang übernimmt) oder dem abschließenden "You Never Walk Alone".

Um Punkt 22:59 Uhr ist die Show den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend vorbei, obwohl Campino zuvor noch verkündete, man wolle "spielen, bis sie uns den Strom abstellen" – angesichts vermutlich drohender Strafen ist so viel Punk dann vielleicht doch nicht drin. Das begeisterte Publikum fordert jedenfalls weiter Zugaben, obwohl sich die Toten Hosen nach absolut gelungener Show längst verabschiedet haben.

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