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U2 (live in Köln, 2018) © Leonard Kötters

Nur wenige Tage nach dem Abbruch des Berliner Konzertes von U2 wegen Stimmversagen präsentiert sich Frontmann Bono in der Kölner Lanxess Arena in überraschend guter Verfassung – wäre da nicht die etwas seltsame Songauswahl, die dem Auftritt der irischen Rocklegenden zahlreiche Zähne zieht.

Eine Tour von U2 ist immer ein besonderes Ereignis. Nicht umsonst ziehen die irischen Rocklegenden bereits seit mehreren Jahrzehnten unzählige Fans in ihren Bann. Vor vollem Haus in der Berliner Mercedes-Benz Arena versagte allerdings wenige Tage zuvor die Stimme von Frontmann Bono, so dass der Auftritt in der Bundeshauptstadt nach gerade einmal 20 Minuten Spielzeit ein jähes Ende fand.

Ein Wochenende lang wurde über einen Abbruch der restlichen Konzertreise spekuliert – bis der Sänger zu Wochenbeginn schließlich selbst Entwarnung gab. Die Tour werde fortgesetzt, ließ er verlauten. Dank einer Art "Wunderheiler" sei er wieder vollkommen genesen. Die spannende Frage: Wie aber würde sich Bono Vox, die "gute Stimme" von U2, wohl in der Kölner Lanxess Arena schlagen?

Wer zu spät kommt…

Eine Vorband haben sich die vier Dubliner im Rahmen ihrer aktuellen “eXPERIENCE + iNNOCENCE“-Auftritte gänzlich geschenkt. Dafür lassen sie sich von ihrem Publikum in der gut gefüllten Halle lange feiern, bis endlich mit etwa 25-minütiger Verspätung die Lichter ausgehen und die Show zu den Klängen vom Noel Gallagher’s High Flying Birds-Song “It’s A Beautiful World“ eingeleitet wird.

Transparente Videovorhänge fahren inmitten der im Innenraum stehenden Zuschauer empor. Auf ihnen sind Bilder des zerbombten Nachkriegsdeutschlands in Form von Berlin und Köln sowie weiterer europäischer Städte wie Amsterdam, Belfast, Dublin und Manchester aus den 1930er und 1940er Jahren zu sehen. Dazu ertönt der bekannte Charlie Chaplin-Monolog aus „Der große Diktator“.

In Bild und Ton

Zunächst erinnert das Ganze ein wenig an den Auftritt des früheren Pink Floyd-Kopfes Roger Waters an gleicher Stelle nur knapp zwei Monate zuvor. Der Videovorhang, der die Menschenmenge in zwei Hälften teilt, und ein bzw. mehrere Künstler, die aus ihren politischen Überzeugungen keinen Hehl machen, sind verbindende Elemente beider groß angelegter Auftritte in der Lanxess Arena.

Doch U2 packen noch eine Schippe drauf: Bei ihnen dienen die transparenten Videowände nicht bloß der Darstellung von Bewegtbildinhalten. Denn zwischen den beiden Seiten verbirgt sich ein Laufsteg, den die Band während des Openers “The Blackout“ als Bühne nutzt – und der, wie sich nur wenig später zeigen wird, obendrein speziell für Bono sogar noch als zweistöckiges Konstrukt daherkommt.

Aus Erfahrung gut?

Auch wenn die irischen Rocklegenden schon bejubelt werden, bevor sie überhaupt nur die Bühne betreten haben, kommt an diesem Abend dennoch deutlich mehr Stimmung auf, wenn U2 sich auf ihre Wurzeln besinnen und ältere Stücke wie “I Will Follow“ zum Besten geben. Davon haben sie leider gefühlt zu wenige im Gepäck. Der Fokus liegt auf der neuesten Platte “Songs Of Experience“.

Gerade die neueren Werke des Quartetts lassen nämlich qualitativ doch etwas zu wünschen übrig und fallen im Vergleich zu ihren frühen Klassikern deutlich ab – die stimmungsvollen “Iris (Hold Me Close)“ und “Cedarwood Road“ ausgenommen. Daher ist die Songauswahl, bei der keine einzige Nummer des Überwerkes “The Joshua Tree“ den Weg in das aktuelle Set gefunden hat, doch etwas merkwürdig.

Gut (bei) Stimme

Zumindest klingt Bono beim Kölner Konzert besser als befürchtet, auch wenn er sich bei einigen Stücken wie “Red Flag Day“ und “Beautiful Day“ hin und wieder leicht quälen muss. Im Gegensatz zum Berliner Auftritt hält seine Stimme in der Domstadt jedoch den ganzen Abend auf weitgehend gutem Niveau durch – auch wenn er dafür bei “Until The End Of The World“ Wasser „speien“ muss.

Man mag von Bono und seiner teilweise dezent pharisäerhaften Attitüde halten, was man will. Für die einen ist er wegen seines politischen Engagements eine Art Heilsbringer, der sogar schon als Weltbank-Präsident vorgeschlagen wurde, für andere wiederum ein bloßer Selbstdarsteller mit schleierhaften finanziellen Verwicklungen. Unbestritten ist und bleibt er aber ein großer Rock-Frontmann.

Engel oder Teufel?

In letzterer Rolle weiß er sich und seinen Fans in der Kölner Lanxess Arena an diesem Abend zu gefallen. Als Teil der auf mehreren Bühnen stattfindenden Multimedia-Show der irischen Rocker gehört dazu auch seine Selbstinszenierung als eitler Pfau im mittleren Teil des Auftritts. Geschminkt stolziert er mit seinem Hut bei “Elevation“ und “Vertigo“ beinahe wie ein übergeschnappter Zirkusdirektor umher.

Da passt es dann ebenso ins Bild, dass er sich vor einen Spiegel begibt, kurz Kraftwerks “Hall Of Mirrors“ anstimmt und dann sein Alter Ego, den irischen Beelzebub MacPhisto bemüht, der als Teufelsfratze über seinem Gesicht auf den Videoleinwänden in der Halle erscheint – und in dieser Rolle das Eintreten für Liebe und Frieden der Toten Hosen beim #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz verdammt.

Zurück in den Alltag

Geben sich U2 zu Beginn der Show noch melancholischer und persönlicher, als Bono etwa durch “Cedarwood Road“, die animierte Straße seiner Dubliner Kindheit, stapft, werden The Edge, Adam Clayton, Larry Mullen und ihr Frontmann im Laufe des Abends zunehmend politischer. Abschalten, entspannen und dem Alltag für ein paar Stündchen entfliehen, ist bei den vier Iren nicht drin.

Vielleicht ertönt eine musikalisch eigentlich sehr starke Nummer wie “Hold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me“ aus “Batman Forever“ auch aus genau diesem Grund lediglich als Unterbrechung zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Konzerts vom Band. Da sie zu eskapistisch ist, passt sie schlicht und ergreifend nicht in das Konzept neben Stücken à la “Sunday Bloody Sunday“ und “Pride“.

Feuer und (erloschene) Flamme

Dafür machen U2 “New Year’s Day“ zu einem flammenden Plädoyer für die Europäische Union, die sie als einen Gegenentwurf zu den in Schutt und Asche liegenden Städten aus dem Intro-Video sehen. Mit seiner Energie wirkt er wie ein völliger Kontrapunkt zum aus den ruhigen Nummern “One“, “Love Is Bigger Than Anything In Ist Way“ und “13 (There Is A Light)“ bestehenden Finale des Abends.

Irgendwie steht der Schlussakkord sinnbildlich für das gesamte Konzert: U2 wissen nicht so recht, ob sie nun junggebliebene Rocker, alternde Nostalgiker oder politische Wanderprediger sein möchten – und verabschieden sich letztlich mit einem multimedial zwar spektakulären, aber dennoch an vielen Stellen irgendwie vor sich hinplätschernden und unter ihrem Möglichkeiten bleibenden Auftritt.

Setlist

The Blackout / Lights Of Home / I Will Follow / Red Flag Day / Beautiful Day / The Ocean / Iris (Hold Me Close) / Cedarwood Road / Sunday Bloody Sunday / Until The End Of The World // Hold Me, Thrill Me, Kiss Me, Kill Me // Elevation / Vertigo / Even Better Than The Real Thing / Acrobat / You’re The Best Thing About Me / Summer Of Love / Pride (In The Name Of Love) / Get Out Of Your Own Way / New Year’s Day / City Of Blinding Lights // One / Love Is Bigger Than Anything In Its Way / 13 (There Is A Light)

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