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Sarin live beim Wave-Gotik-Treffen 2018 © Andreas Henz

Das Wave-Gotik-Treffen 2018 in Leipzig bot bei guten Wetter den zahlreichen Besuchern die Möglichkeit, die verschiedenen Facetten der Schwarzen Szene in allen Teilen der Stadt zu erleben und zu genießen.

Alljährlich zieht das Wave-Gotik-Treffen – kurz WGT – tausende Anhänger der Schwarzen Szene nach Leipzig. Ob man sich nun lieber als Metalhead, Deathrocker, Goth, Cyber, Düsterromantiker, Mittelalterfan oder Neuheide bezeichnet, vom 18. bis 21. Mai fand vermutlich jeder aus dem Umfeld des Gothic seine Nische.

Mehr als Musik

Wer beim WGT ein Musikfestival erwartet, verfehlt das Ausmaß des Festivals. Es wäre ohne weiteres möglich gewesen, vier lange Tage allein mit dem reichhaltigen Kulturprogramm zu bestreiten und Konzerte völlig außen vor zu lassen. 

Abgesehen von den Auftritten der über zweihundert Musikacts gibt es nämlich zahlreiche Lesungen, Stadtführungen, Kunst- und Museumsausstellungen, ein spezielles Kinoprogramm, Handwerkstreffen und mehr zu sehen und zu erleben.

Somit ist jeder Gang durch vier Tage WGT immer eine eigene Reise und ein sehr subjektiver Einblick in eine für Außenstehende faszinierend oder unheimlich wirkende Welt.

Wer plant, gewinnt.

Das WGT findet räumlich sehr zerstreut statt. Zwar gibt es ein Hauptgelände mit Campingplatz, Messehallen und mittelalterlichem Markt, doch nehmen immer auch dutzende Bars, Clubs, Konzerthäuser und öffentliche Einrichtungen an dem Festival teil. Mit den Festivalarmbändchen kann man im ganzen Stadtgebiet den ÖPNV nutzen, doch wollen die Fahrten gut geplant sein.

Vielerorts war der Andrang zu den Veranstaltungen so groß, dass Besucher lange anstehen mussten und mit Pech sogar gar nicht mehr in den Veranstaltungsort kamen. Beispielsweise war zur frühen Nachmittagszeit die Szene-Bar Absintherie Sixtina schon so voll, dass die Besucher auf der Gasse standen, um dem Opera Metal von Molllust zu lauschen, da der kleine Schankraum eigentlich kaum Platz für Livemusik bot.

Fluch und Segen eines Messegeländes

Platztechnisch wesentlich besser sah es auf dem Hauptveranstaltungsort, dem Messegelände des Agra-Treffens, aus. Auf dem dazugehörigen Markt boten Händler ihre szenetypischen Accessoires, Fanartikel und Kleidung für entsprechend szenetypisch hohe Preise feil.

Die Gothic-Szene gilt als sehr kauffreudig und vielseitig in ihren Kleidungsstilen. Nietenverzierte Stiefel, Gasmasken, opulente Ballgarderobe oder fantasievoller Feder- und Knochenschmuck, auf dem Markt konnte man alles in großer Auswahl finden.

Die negative Seite der großen Hallen offenbarte sich bei den Konzerten am Abend. Während man problemlos tausende Besucher wetterunabhängig in einer Messehalle unterbringen kann, ist es um die Akustik bei glattem Beton und Stahlträgern nicht gut bestellt.

Oomph! und Wardruna vermochten klanglich aus dem Raum noch sehr viel herausholen, während Front Line Assembly und Grendel lediglich ein dumpfes, rhythmisiertes Dröhnen in immenser Lautstärke auf ihr Publikum losließen. Auch wenn die Stimmung bei den Konzerten ansteckend energetisch war, so blieb das musikalische Erlebnis in der Agra-Halle durchwachsen.

Zwischen den Extremen

Für den massentauglicheren Geschmack innerhalb der Szene konnte man zu Rock, Metall, Wave und Industrial ausgelassen feiern. Die größten Konzerte fanden in der Agra-Konzerthalle statt. Doch auch Clubs wie das Täubchenthal mit seinem stimmungsvoll illuminierten Konzertraum mit Galerie, der prachtvolle Kuppelbau des Volkspalastes oder der Felsenkeller boten Platz für schöne Konzerte.

Wer neugierig war, konnte musikalisch alle Grenzen ausloten. Nahe der Absintherie Sixtina fand sich Solocellistin Jo Quail für einen Sonderauftritt im kleinen Kreis ein, spielte dabei klassische Meister und eigene Kompositionen. Im Volkspalast zertrümmerten Beinhaus Pflastersteine und Plastikspielzeug und malträtierten mit Brachialgewalt ein aus Schrott zusammengeschweistes Instrumentarium.

Gänzlich ohne Worte und große Gesten, dafür mit vielgestaltiger Rhythmik und stroposkopischen Videoprojektionen erschien AV-Künstler Sarin auf der Bühne und bei groovigem Rock von der Time and Space Society ließ sich gemütlich ein Drink genießen.

Mitten im Grünen

Nahe dem Messegelände gelangte man durch das mittelalterliche Dölitzer Tor in das Heidnische Dorf. Das Wetter spielte das ganze Festival über mit und so hatte konnten die Besucher das wunderbare Ambiente mit bunten Buden, hohen Bäumen und einem stimmigen Musikprogramm genießen.

Egal ob bei färöischer Folkatronic von Eivør, blödsinnigem Partymetal von Feuerschwanz oder mittelalterlich angehauchten Elektrokompositionen von Qntal und Heimatærde, der Met floß reichlich und die Stimmung blieb bis in die Nacht sonnig, auch wenn Schandmaul ihren Open-Air-Auftritt leider absagen mussten.

Die Szene als Attraktion

Die meisten Konzerte und Clubevents konnten Interessierte nur mit dem Festivalbändchen oder gegen Abendkasse besuchen. Anders sah es beim Viktorianischen Picknick aus. Im malerischen und weitläufigen Clara-Zetkin-Park versammelten sich Tausende zu einem eigentlich recht stimmungsvollen Treffen.

Die Besucher waren angehalten zumindest einigermaßen einem historischen oder historisch angelehnten Kleidungsstil (wozu auch der Steampunk zählt) nachzukommen und Picknickgedeck mitzubringen. Manche hielten gar ganze Bankette auf dem Rasen ab.

Das Picknick zog aber auch eine große Menge an szenefremden Besuchern an. Diese wirkten wie Touristen, die zum "Gruftisanglotzen" mit Kamera und Rucksack ausgestattet zur Großstadtsafari aufgebrochen waren. Einige Picknickbesucher präsentieren sich aber gerne in ihren aufwendig gestalteten und teils sehr gewagten Outfits.

Abseits des Trubels

Genug von lauter Musik, zappelnden Leibern und dichtem Gedränge? Auch dann konnte man das WGT genießen und einiges erleben. Auf dem großen Südfriedhof führten Kundige durch die Bestattungsrituale vergangener Jahrhunderte und engagierte Naturschützer brachten den Besuchern die heimische Flora und Fauna näher. Viele Museen gewährten Festivalbesuchern zudem freien Eintritt.

In kleinen Sälen fanden an verschiedenen Orten der Stadt Lesungen und Kunstausstellungen ihren Raum. So gaben Lydia Benecke, Dr. Mark Benecke, Christian von Aster und einige weitere Autoren unterhaltsame und lehrreiche Vorträge. In den Promenaden am Hauptbahnhof präsentierte sich die Schwarze Szene Mexikos in Gemälden und Collagen. Zwischen düsterromantisch, grotesk und provokant wurde dem Kunstinteressierten auf dem WGT einiges geboten.

Vier Tage ohne Alltag

So vieles ließe sich noch sagen über das WGT und würde dennoch nicht ausreichen. Klassische Konzerte am Völkerschlachtdenkmal, die vielen irritierten und beeindruckten Gesichter der "Buntmenschen", wie Nicht-Goths manchmal genannt werden, die besonderen Programme in Clubs und Kinos und, und, und.

Vier Tage WGT sind vor allem vier Tage ohne Alltag und vier Tage, in denen sich Anhänger der Schwarzen Szene im großen Stil mal ganz normal und unter Ihresgleichen fühlen können, egal, wo in der Stadt sie ihren Fuß hinsetzten.

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