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Arcade Fire (live in Frankfurt 2018) © Torsten Reitz

Im weiten Oval der Frankfurter Festhalle bieten Arcade Fire eine fast perfekte Indie-Pop/Rock-Show, die ihre Fans zu ausgelassenem Mitsingen animiert. Bedenken über die Hinwendung zum 80er-Pop kann die Band aber nicht ausräumen.

Arcade Fire waren schon immer eine große, manchmal überdimensionierte Band. So überrascht es nicht, dass sie mit ihrer aktuellen Tour die Inszenierung auf ein neues Niveau heben.

Mit einer als Boxring gestalteten Bühne in der Mitte sowie einer ausgefeilten Licht- und Videoshow sorgen die Kanadier in der Festhalle Frankfurt für ein beeindruckendes Konzerterlebnis. Die Zuschauer verteilen sich um die Band, die eigentlich nach allen Seiten spielen will, aber natürlich nicht immer allen Zuschauern in allen Positionen gerecht werden kann.

Auf Tuchfühlung

Schon das Betreten der Halle ist als Einzug der Gladiatoren vor einem Boxkampf inszeniert. Die Band etabliert sich damit – ironisch und ernsthaft zugleich – als Indie-Schwergewichte. Auch im weiteren Verlauf des Abends zieht es vor allem Win Butler immer wieder zu den Fans, die diese unerwartete Nähe natürlich begrüßen.

Mit diesem Konzept ist die Band sehr erfolgreich. Die Kritiken sind fast überall positiv bis euphorisch. Und tatsächlich bieten Arcade Fire mehr als zwei Stunden ausgezeichnete Unterhaltung, die auch aufgrund der wirklich ausgezeichneten Licht- und Video-Inszenierung nie langweilig wird.

Ausgewogene Songauswahl

Besonders erfreulich ist die Setlist, die einen sehr guten Querschnitt ihrer bisherigen Karriere bietet. Die meisten Klassiker der ersten drei Alben sind vertreten und selbstverständlich ist die Freude der Fans über Songs wie "No Cars Go" oder "Tunnels" groß. Diese Lieder zählen unbestritten zu den besten Indie-Rock-Songs dieses Jahrtausends. 

Gleiches gilt für die längere Suite aus dem Album "The Suburbs", die in eindrucksvoller thematischer Geschlossenheit einen zentralen Bezugspunkt nordamerikanischen Lebens aufgreift. 

Zum Mitwippen geeignet

Die Meinungen über die Qualität des neuen Materials und vor allem des neuen Albums "Everything Now" sind bekanntermaßen geteilt. Die neuen Songs fügen sich aber vor allem aufgrund ihrer tanzbaren (oder zumindest mitwippbaren) Beats gut in das Gesamtkonzept ein – mit einer Ausnahme: "Electric Blue" ist nicht nur musikalisch ein Fremdkörper, es ist darüber hinaus ein schlechtes Lied, das Régine Chassagne zudem noch gesanglich überfordert.

Sicher: Wer genau hinhört, erkennt schon auf den frühen Alben, die Chöre, eingängigen Melodien, treibenden Rhythmen und Mitsing-Refrains, die der Band den Massenerfolg bescherten. Insofern ist diese Entwicklung im Rückblick weniger überraschend, als es den Anschein hatte.

Gefahr des Bedeutungsverlusts

Einen Bedenken können aber Arcade Fire mit dem Konzert nicht ausräumen, nämlich, dass mit der Hinwendung zum 80s-Pop ein Bedeutungsverlust einhergegangen ist. Während vor allem die ersten drei Alben über thematische Tiefe verfügten, egal ob Arcade Fire über persönliche Erlebnisse sangen oder gesellschaftliche Entwicklungen kommentierten, scheint diese auf "Everything Now" verlorengegangen zu sein.

"We Don't Deserve Love" und "Put Your Money On Me" wirken jedenfalls nicht wie Lieder, die Menschen über das momentane Miterleben im Konzert hinaus berühren und mitreißen können. Das war aber immer die Stärke der Band: Sie hatten etwas zu sagen. Für eine Großraumdisko sind Arcade Fire zu gut, zu klug – und vor allem zu wichtig.

Intensive Erfahrung

Traditionell beschließen Arcade Fire den Konzertabend mit "Wake Up", bei dem die Preservation Hall Jazz Band mitwirken darf. Der Abschied verzückt das Publikum, das minutenlang den Refrain mitsingt, auch als das Lied schon lange verklungen ist.

Nur wenige Bands vermögen ihre Fans auf diese Weise zu erreichen und für ein dermaßen intensives Gefühlserlebnis zu sorgen. Man kann nur hoffen, dass ihnen das auch in Zukunft gelingen wird.

Setlist

Everything Now / Rebellion (Lies) / Here Comes the Night Time / No Cars Go / Electric Blue / Put Your Money on Me / Sprawl I (Flatland) / My Body Is a Cage / We Used To Wait / Neighborhood #1 (Tunnels) / The Suburbs / The Suburbs (Continued) / Ready to Start / Sprawl II (Mountains Beyond Mountains) / Reflektor / Afterlife / Creature Comfort / Neighborhood #3 (Power Out) // We Don't Deserve Love / Everything Now / Wake Up

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