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Steven Wilson (live in Frankfurt, 2018) © Leonard Kötters

Bei seiner knapp dreistündigen Performance auf der Tour zu seinem Album "To The Bone" zieht Steven Wilson in der Frankfurter Alten Oper alle Register seines Könnens und liefert eine grandiose Show ab, die es nur an sehr wenig missen lässt.

In vielerlei Hinsicht zählt Steven Wilson inzwischen zu den umstritteneren Persönlichkeiten der Prog-Gemeinde. Einige feiern ihn für die Remixe alter Klassiker von Yes, Jethro Tull, King Crimson oder Gentle Giant sowie seine stilprägenden eigenen Werke, besonders die seiner früheren Band Porcupine Tree. Andere wiederum – speziell Fans experimentellerer Musik – werfen dem Engländer vor, in jüngster Vergangenheit seine Ideale für mehr Eingängigkeit "verraten" zu haben.

Für besonderen Unmut sorgte dabei ein Auftritt im ZDF-Morgenmagazin anlässlich der Veröffentlichung seines aktuellen Albums "To The Bone". Würde der Meister etwa zum Popstar mutieren? Mit der in der progressiven Welt heiß diskutierten, aber erfolgreichen Platte tourt Steven Wilson momentan durch Deutschland und beehrt nach zweijähriger Abstinenz auch die Frankfurter Alte Oper, die zwar entgegen der Vorankündigungen nicht bis auf den allerletzten Platz gefüllt, aber dennoch beinahe ausverkauft ist.

Hart bis zart

Eine Vorprogramm sparen sich der Brite und seine vier Mitstreiter, abgesehen von ein wenig ABBA vom Band. Ähnlich griffig wie die Lieder der Schweden – zumindest für Wilson-Verhältnisse – beginnt das Konzert nach einem Intro-Video mit dem Doppelschlag "Nowhere Now" und "Pariah" von "To The Bone" vergleichsweise ruhig und melodiös. Dafür lässt das Material viel Spielraum für die großartige Stimme der israelischen Sängerin Ninet Tayeb, die Wilson auf seiner letzten Tour begleitete und per Einspielung nun ebenso optisch über der Band thront.

Fans der härteren und vertrackteren Gangarten müssen nach dem geradezu sanften Einstieg jedoch nicht allzu lange ausharren. Mit "Home Invasion" und "Regret #9" von "Hand. Cannot. Erase" holen die Musiker den ersten Longtrack des Abends aus der Tasche und legen mit dem brachialen Porcupine Tree-Song "The Creator Has A Mastertape" direkt eine Schippe Lautstärke und Intensität nach. Schallender Jubel macht sich in der Alten Oper breit. Von diesem Zeitpunkt an dürfte wohl auch der letzte Skeptiker eingesehen haben, dass der Engländer und seine Soloband auch ohne den brillanten Gitarristen Guthrie Govan zu überzeugen wissen, der zwar auf der letzten Tour nicht mehr dabei war, aber sehr wohl auf den Studioalben mitwirkte.

Wie die Mutter…

Obwohl Steven Wilson hinter dem transparenten Vorhang, der die Bühne komplett verhüllt und die anwesenden Fotografen fast zur Verzweiflung treibt, unnahbar zu wirken scheint, ist all dies nur Fassade. Der Meister selbst plaudert nämlich hin und wieder aus dem Nähkästchen. So erfährt das Frankfurter Publikum, dass er seinem eigenen Bekunden stark von seiner Mutter geprägt wurde – einschließlich ihres Faible für Massenmörder, was wohl so einiges hinsichtlich seiner eigenen Musik erkläre.

In diese Kerbe schlägt auch "People Who Eat Darkness", das mit aller gebotenen Dynamik und jeder Menge stimmungsvoller Videoanimationen religiöse Serienkiller thematisiert. Den ersten Teil der Show beendet schließlich der zweite Longtrack "Ancestral", der einmal mehr beweist, welch breites kompositorisches Spektrum Steven Wilson abzudecken vermag. Beginnt das Stück melancholisch und elektronisch angehaucht, so wandelt sich der epische Song in seinem Verlauf gleich mehrfach und wird zu guter Letzt zu einem echten progressiven Schädelspalter, der den Großen Saal der Alten Oper unter der Wucht seines Finales erzittern lässt.

Populärer Prog(ger)

Die zweite Hälfte des Konzerts beginnt damit, dass Wilson, Bassist Nick Beggs und Drummer Craig Blundell zu Shakern greifen, während Gitarrist Alex Hutchings und Keyboarder Adam Holzman ihre eigentlichen Instrumente bedienen. Jubel macht sich breit, denn was die fünf Musiker zum Besten geben, ist das Intro zum sehnsüchtig erwarteten Epos "Arriving Somewhere But Not Here" von Porcupine Tree, das einmal mehr demonstriert, welch guter Songwriter der schlaksige englische Maestro ist – die ganzen Pop-Vorwürfe hin oder her.

Genau darauf geht Wilson nach dem donnernden Applaus am Ende des Stückes auch ein und berichtet erneut von seinen Eltern und deren Geschmack. Während sein Vater ihn an progressive und experimentelle Klänge herangeführt habe, sei seine Mutter mit ihrem fantastischen Popgeschmack dafür verantwortlich, dass sein eigenes musikalisches Universum aus zwei Teilen bestehe. Im gleichen Atemzug holt der frühere Porcupine Tree-Kopf zum verbalen Rundumschlag gegen die Chartstürmer von heute aus: "Modern pop music is shit, and I think you can scientifically prove it’s shit."

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Mit dieser Kritik geht es ihm aber keineswegs darum, erfolgreiche Künstler zu diskreditieren. Wilson führt nämlich aus, dass Popmusik für ihn in keiner Weise mit Justin Bieber oder Miley Cyrus gleichzusetzen sei, sondern vielmehr eine Kunstform darstelle, die großartige Künstler wie ABBA, Prince, Michael Jackson, Depeche Mode, Tears For Fears, Donna Summer und natürlich die Beatles mit ihren fantastischen Werken geprägt hätten. Weil er selbst immer wieder neue Herausforderung brauche, habe er auf seiner aktuellen Platte schließlich versucht, diese Genies nachzuahmen.

Damit befindet sich Wilson in der Tradition guter, alter progressiver Legenden wie Genesis und Yes. Als diese Bands Ende der 1970er erkannten, dass im Zuge der Punk-Revolution mit ihren ausufernden Stücken kein Land mehr zu gewinnen war, wandelten sie sich und streuten wenig später ihre vertrackten Ideen mit Hits wie "Mama" oder "Owner Of A Lonely Heart" in homöopathischen Dosen unter das Volk (und in die Charts). Vielleicht besinnt sich Wilson genau auf diese Bands. Immerhin ist auch "To The Bone" als Ganzes alles andere als leichte Kost.

A Disco Night At The Opera

Wie Wilson selbst sich die Musik für den kultivierten Pop-Fan von heute vorstellt, demonstriert er mit "Permanating" – einem der beiden Songs, mit dem er seinerzeit im Morgenmagazin auftrat und der seinem Verständnis eines massenkompatiblen Liedes wohl am nächsten kommt. Augenzwinkernd merkt er an, er habe sogar bereits gestandene, bärtige Männer mit T-Shirts von Opeth zu dem Stück tanzen sehen. Das machen auch die zahlreichen Frankfurter Zuschauer: Sie stehen von ihren Sitzen auf, klatschen und wippen mit, soweit das in den Stuhlreihen der Alten Oper denn möglich ist.

Wie es sich gehört, gibt es dazu passend eine überdimensionale Discokugel, die unter der Decke des Großen Saales hängt und ihn während des Stückes mehrere Male funkeln und glitzern lässt. Nur weil "Permanating" die Bee Gees aus dem Sack zu lassen scheint, bedeutet dies aber nicht, dass der Rest des Abends nun so weitergehen würde. Schon bald folgt mit "Song Of I" und "Lazarus" ein vielseitiges musikalisches Kontrastprogramm für diejenigen Zuschauer, die Wilsons Anbiederung an die künstlerisch wertvollen Pop-Sounds vergangener Zeiten erst noch verdauen müssen.

Bewegliche Brüder

Flexibel zeigt sich auch Bassist Nick Beggs, und das nicht nur in musikalischer Hinsicht. Bei "Detonation" führt der Tieftöner, der im Laufe des Abends gelegentlich zum exotischen Chapman Stick greift, mehrere Yoga-Übungen vor und verleitet Steven Wilson zu der Aussage, sie seien ja eine sehr gesunde Truppe. Vielleicht kommt daher das Bedürfnis des Bandkopfes, sich ständig neue Herausforderungen zu suchen, wie etwa den Falsettgesang in "The Same Asylum As Before", bei dessen Ansage er sich selbst ein wenig auf die Schippe nimmt. Es sei schließlich vermessen, wenn ein weißer Engländer wie er sich zum Ziel setze, wie Prince oder Marvin Gaye klingen zu wollen.

Aller (eigenen) Unkenrufe zum Trotz schlägt sich Wilson bei seinem Versuch gar nicht einmal schlecht. Die Alte Oper wirkt in diesem Teil des fast dreistündigen Konzerts beinahe wie elektrisiert. Dafür sorgt außerdem eine fantastische Version des ruhigen wie wunderschönen Porcupine Tree-Stückes "Heartattack In A Layby", das eine solche Inszenierung mit Surround-Sound, der den Gesang aus allen Ecken des Raumes ertönen lässt, auch mehr als verdient hat. Als Kontrastprogramm gibt es mit "Vermillioncore" und dem fulminanten "Sleep Together", das wie bereits zwei Jahre zuvor den gesamten Großen Saal beben lässt, wieder sehr lautere und härtere Klänge auf die Ohren.

Nicht ganz so schwarz(malend)er Singvogel

Mit den drei Zugaben, die Wilson zum Abschluss eines musikalisch runden Gesamtpaketes zu Besten gibt, demonstriert er noch einmal, wie vielseitig sein bisheriges Schaffen doch gewesen ist: "Even Less" spielt er ganz alleine – nur, um zu demonstrieren, dass der Song immer noch einwandfrei funktioniert. Dazu präsentiert er zwei weitere Stücke aus jüngeren Jahren, das nach dem amerikanischen Filmregisseur benannte "Harmony Korine" und das auch mit Hilfe des animierten Videos eine traurige Geschichte erzählende "The Raven That Refused To Sing". Gott sei Dank ist Steven Wilson aber nicht wie der von ihm besungene Rabe, sondern erhebt seine Stimme ein aufs andere Mal neu.

Das mag in der Form von "To The Bone" vielleicht nicht jedem seiner Anhänger zusagen, ist allerdings auch nicht weiter schlimm. Vielleicht gefällt das Album dem Engländer schon morgen selbst nicht mehr. Denn wie die kürzlich in Rente gegangenen kanadischen Prog-Altmeister von Rush, deren Klassiker "A Farewell To Kings" erst kürzlich neu bearbeitet hat, erfindet er sich gefühlt alle Nase lang neu – und es ist selbst als Fan völlig legitim, ein paar seiner Sachen nicht zu mögen. Live ist Steven Wilson aber weiterhin über jeden Zweifel erhaben. Eine ähnlich brillante Show wie einst im Januar 2016 beweist dies eindrucksvoll – auch wenn Meistergitarrist Guthrie Govan doch ein wenig fehlt.

Setlist 

Nowhere Now / Pariah / Home Invasion / Regret #9 / The Creator Has A Mastertape / Refuge / People Who Eat Darkness / Ancestral // Arriving Somewhere But Not Here / Permanating / Song Of I / Lazarus / Detonation / The Same Asylum As Before / Heartattack In A Layby / Vermillioncore / Sleep Together // Even Less / Harmony Korine / The Raven That Refused To Sing

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