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Irie Révoltés live Mannheim © Daniel Wetzel

Anfang der 2000er führte als Heidelberger an einer Band kein Weg vorbei: Irie Révoltés. 18 Jahre später sagt das Kollektiv mit einem großen Abschiedskonzert in der Maimarkthalle in Mannheim "Irievoir". Mission gelungen? Wir meinen: ja!

Anfang der 2000er sorgten Irie Révoltés mit linken Botschaften und einem wilden Mix aus Hip Hop, Reggae und Dancehall auf Deutsch und Französisch für ausverkaufte Heidelberger Hallen. Songs wie "Soleil" beschallten WG- und Schülerparties.  

Es folgte eine Karriere, in deren Verlauf die Iries deutschlandweite Bekanntheit erlangten. Ende 2016 dann die Ankündigung: Am 2. Weihnachtsfeiertag des Jahres 2017 wird die Band ihr letztes Konzert in der Mannheimer Maimarkthalle spielen. Ein langer Abschied beginnt.

Überwältigend

"Wir müssen erstmal verdauen, was hier eigentlich los ist." Carlos Charlemoine alias Carlito sieht man die Emotionen an, kurz vor Konzertende auf der großen Bühne der Mannheimer Maimarkthalle.

Wahrscheinlich hätte sich der Irie Révoltés-Frontmann vor 18 Jahren, als er und ein paar Freunde in Heidelberg ein spontanes Geburtstagskonzert für einen Freund gaben, niemals träumen lassen, dass das alles einmal hier endet: in einer der größten Hallen der Region, vor einem Publikum, das ihn und seine Mitstreiter in den Songpausen immer wieder frenetisch feiert.

Dass das Ganze vor ausverkauftem Haus stattfindet, versteht sich von selbst. Keine Frage: Irie Révoltés gehören zu den Großen und auch das Konzert, das am Ende einer Abschiedstour durch ganz Deutschland steht, kann man nur mit einem Wort betiteln: groß.

Aus Heidelberg in die Welt

Keimzelle der Band war die IGH – die Internationale Gesamtschule Heidelberg im Stadtteil Hasenleiser. Dort hat der deutsche Hip Hop seine Wurzeln: Advanced Chemistry, Torch, Toni L, alle drückten sie dort die Schulbank. Auch Carlito und sein Bruder Pablo alias Mal Élevé fanden hier Mitmusiker und Freunde fürs Leben. 

Die Story der Irie Révoltés ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte und zugleich ein Beispiel dafür, dass man als Band mit viel DIY-Spirit und Kreativität auch heute noch ohne Majorlabel, A&Rs und Businessplan Hallen ausverkauft.

Drei Stunden Vollgas

Doch zurück zum Beginn des Abends: Zwischen Carlitos Erkenntnis, gerade etwas Unglaubliches erlebt zu haben und dem Moment, als der letzte Vorhang fällt – nämlich zu Beginn der Show – liegen fast drei schweißtreibende Stunden, jede Menge Emotionen auf und vor der Bühne und Momente, die wohl für immer in den Köpfen aller Anwesenden bleiben werden.

Einmal noch geben er, Mal Élevé und die sechsköpfige Instrumentalfraktion im Hintergrund Vollgas, bis der Schweiß an den Wänden der Halle kondensiert und die Temperatur auf gar nicht mehr winterliche 35 Grad steigt. Ab und an gesellt sich MC Silence zu den beiden Vokalisten und zum großen Finale gibt sich dann auch der "Funk-Joker" die Ehre.

Hip Hop-Urgestein Toni L reißt gemeinsam mit den Iries die "Fäuste hoch" und verabschiedet sich nicht von der Bühne, ohne der Band für fast zwei Jahrzehnte kompromisslose Auftritte als Repräsentanten der Heidelberger Szene zu danken.

Hexenkessel Maimarkthalle

Sein Prädikat "eine der besten Live-Bands Deutschlands" kann man auch unterschreiben. Die Mischung aus Dancehall, Reggae, Ska und Hip Hop versetzt mit jeder Menge Anarcho-Attitude ist vor allem eines: explosiv, wie auch der letzte Song "Explosion" verdeutlicht.

Immer wieder bilden sich im Publikum Circle-Pits, Bengalos werden gezündet und Slogans skandiert, kurzum: Die Maimarkthalle gleicht einem Hexenkessel. Der Bass wummert aus den Boxen und wenn Gitarrist Tobi das Distortion-Pedal durchdrückt, brettert sogar der Punk durch die Halle.

Energiebündel Mal Élevé nimmt ab und an ein Bad in der Menge, lässt sich vom Viva Con Agua-Schlauchboot über die Köpfe tragen und gemeinsam mit seinem Bruder verwandelt er kurzerhand das Kamerapodest in der Hallenmitte einen Song lang in eine Bühne. Dazwischen feuern die beiden immer wieder Beatbox- und Freestyle-Salven ins Publikum, als ob es kein Morgen gäbe (was in dem Fall ja auch stimmt).

Die Hoffnung bleibt

"Damals mussten wir dieselben vier Songs zweimal hintereinander spielen", erinnert sich Carlito  an die ersten Konzerte der Band in autonomen Zentren und auf Soli-Partys für das Heidelberger AZ.  Das ist heute natürlich nicht mehr so, dennoch reicht die Songauswahl zurück bis in die Tage der ersten Konzerte bis hin zu Krachern der letzten Platte.

Und auch einen kleinen Ausblick auf die Zeit nach Irie Révoltés gibt es: Mit "Hope" stellt Carlito den ersten Song seiner kommenden Soloplatte vor und nutzt auch gleich die Gunst der Stunde, das Publikum für eine Live-Aufnahme mit einzubeziehen. H. O. P. E. klingt es da lautstark durch die Halle und das macht in der Tat Hoffnung auf neue Songs im Geiste des "Mouvement Mondial".

Ein Abend mit Freunden

Eine beeindruckende Performance liefert auch Jan "Stix on Speed" Pfennig an den Drums ab. Nachdem er erst einmal eine halbe Stunde lang als Vorband der Menge mit Breakbeats eingeheizt hat, sitzt er auch für die vollen zweieinhalb Stunden für die Iries hinter den Fellen.

Doch auch Ur-Irie-Schlagzeuger King Kong darf für einen Song nochmal die Beats beisteuern und auch Tour-Keyboarder Irie Maiden darf zum Abschied nochmal in die Tasten greifen.

Popkultur und Antifa

Was bleibt also nach dieser Abschiedsshow außer der Aussicht auf weitere musikalische Soloprojekte: Irie Révoltés haben Antifaschismus und – zu einem gewissen Grad auch linken Chic - popkulturfähig gemacht. Der Tanz auf dem schmalen Grat zwischen explizit linker Gesellschaftskritik, Pop und kommerziellem Erfolg ist ihnen durchaus gelungen.

Ihr Song "Antifaschist" ist auch am Dienstag Garant für einen Publikumschor – aus zehntausend Kehlen erklingt: "Ich wurde so gebor’n. Ich werd so bleiben, bis ich sterb' – Antifaschist für immer!" Dazu wehen Fahnen mit dem Antifa-Emblem oder mit dem Refugees-Welcome-Logo. Währenddessen zeigt das Publikum mit vokalsparenden Motiven und gereckten Mittelfingern, was es von Rechtsaußen-Parteien hält. 

Die Ideen bleiben

Es ist klar: Irie Révoltés sind mehr als nur Musiker, sondern sehen sich als Aktivisten, unterstützen soziale Projekte wie "Viva con Agua", "Ferries statt Frontex", "Rollies für Afrika" oder nutzen ihre Stimme dafür, Waffenhandel oder das sinnlose Sterben im Mittelmeer anzuprangern. Und eine Bemerkung, die im Laufe des Abends ein paar Mal fällt, ergibt durchaus Sinn: Die Band löst sich auf, aber die Ideen bleiben bestehen.

Wenn es danach geht, wo sich an diesem Abend die Überzahl der "fröhlichen Rebellen" befindet  – auf der Bühne oder davor, dann ist das auch völlig logisch. "Der Kampf geht weiter", gibt sich Mal Élevé zum Abschied siegessicher. Vorerst bleibt nur zu sagen: Irievoir und Merci für alles!

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