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Helloween ( live in Stuttgart,2017 ) © Dominic Pencz

In der Metal-Gemeinde war die neue (alte) Helloween-Besetzung mit Spannung erwartet worden: Würde die Rückkehr von Kai Hansen und Michael Kiske gelingen? Mit einer fulminanten, dreistündigen Show fegen die inzwischen sieben Hamburger Kürbisköpfe vor vollem Haus in der Stuttgarter Porsche-Arena sämtliche Bedenken beiseite.

In den späten 1980er Jahren zählten Helloween zur Speerspitze des deutschen Heavy Metals. Nach dem vielversprechenden Debüt “Walls Of Jericho“ holte sich der Hamburger Vierer mit dem seinerzeit erst 18-jährigen Michael Kiske wohl eine der Jahrhundertstimmen der härteren Gangart ins Boot und nahm mit die beiden Klassiker "Keeper Of The Seven Keys, Part I & II" auf.

Der Zerfall und ein Neuanfang

Kurz darauf fingen die Probleme an: Erst stieg Gitarrist und Sänger Kai Hansen aus, um Gamma Ray zu gründen. Dann gab es Streitigkeiten mit der Plattenfirma und schließlich nach zwei erfolglosen Nachfolgeplatten auch innerhalb der Band. Kiske war unzufrieden mit dem Kurs und verließ Helloween. Drummer Ingo Schwichtenberg wurde aufgrund psychischer Probleme entlassen und nahm sich wenig später das Leben.

Die verblienenen Bandmitglieder um Gitarrist Michael Weikath und Basser Markus Großkopf verpflichteten Sänger Andi Deris und verschiedene Drummer wie Uli Kusch und Dani Löble und die Gitarristen Roland Grapow und Sascha Gerstner und nahmen mit ihnen etliche gute Alben wie "The Time Of The Oath" und "The Dark Ride" auf, ohne jedoch an die einstige Klasse heranzureichen.

Vorgezogenes Fan-Weihnachten

In den vergangenen Jahren gab es wieder erste Annäherungen zwischen den einstigen Streithähnen. Nachdem er sich zeitweilig komplett vom Metal losgesagt hatte, gründete Michael Kiske mit Kai Hansen das Nebenprojekt Unisonic. Außerdem spielten Helloween und Gamma Ray gemeinsame Shows.

Dann Ende des vergangenen Jahres die Sensation: Die beiden verlorenen Söhne kehren heim, ergänzen das bestehende Line-up aus Deris, Gerstner, Großkopf, Löble und Weikath und gehen gemeinsam auf große Welttournee, die sie auch in die Stuttgarter Porsche-Arena verschlägt.

It’s Helloween!

Eine Vorband haben sich Helloween für die mit Spannung erwarteten Shows geschenkt. Wozu auch? Ein Opener würde in diesem Rahmen wohl völlig untergehen. Dafür erklingt irgendwann das Robbie Williams-Stück "Let Me Entertain You" vom Band und hinter dem "Pumpkins United"-Banner vor der Bühne sind erste Silhouetten zu sehen, die bereits frenetisch bejubelt werden.

Als der Vorhang schließlich fällt, lassen sich die sieben Musiker von der ersten Sekunde an nicht lumpen und fahren direkt schwere Geschütze auf. Passend zu seinem 30-jährigen Jubiläum eröffnet das epische "Halloween" vom ersten "Keepers"-Album den musikalischen Reigen. Neben der dreistimmigen Gitarrenarbeit fällt sofort das Gesangsduell zwischen Deris und Kiske auf.

Eine siebenköpfige Einheit

Helloween scheinen ihre neuen (alten) Mitglieder dem Publikum gleich besonders vorstellen zu wollen. Auf dem Laufsteg, der die Bühne nach vorne in den Innenraum verlängert, präsentieren sich erst die beiden Rückkehrer, dann die zwei Frontmänner und schließlich alle drei gemeinsam. Auf jeden Fall zeigen sich Kiske und Hansen über die komplette Show hinweg gefühlt dort prominenter als der Rest.

Dabei kommen aber auch die langjährigen Kürbisköpfe nicht zu kurz. Gerstner darf ebenso bei den ursprünglich vom Gamma Ray-Chef gespielten Passagen solieren, während Andi Deris seinen Vorgänger und jetzigen Mitstreiter am Mikro bei etlichen von dessen Songs unterstützt – und umgekehrt. Weikath und Großkopf hingegen spielen ihren Stiefel solide herunter wie eh und je.

Eine (mehr)stimmige Sache

Nachdem die "Keepers"-Hitsingle "Dr. Stein" das Stuttgarter Publikum endgültig auf Betriebstemperatur gebracht hat, begeben sich die beiden Leadsänger gemeinsam nach vorne und erzählen dem Publikum von den beiden Comic-Kürbisköpfen "Seth & Doc". Im Laufe des Abends unterhalten sie die Zuschauer immer wieder in kurzen animierten Videos zwischen den Songs.

Jetzt ist es an der Zeit für die beiden Frontmänner, sich alleine zu behaupten. Kiske glänzt bei "I’m Alive" und "Rise & Fall" und demonstriert, dass er – obwohl inzwischen glatzköpfig – seit seinen Tagen als langhaariger 18-jähriger Jungspund gesanglich auch in hohen Lagen absolut nichts verlernt hat. Deris darf bei den von ihm geschriebenen "If I Could Fly" und "Are You Metal?" auszeichnen.

Power, bis die Mauer fällt…

Doch die neue Helloween-Besetzung hat nicht nur zwei Leadsänger zu bieten, sondern eigentlich ja sogar noch einen dritten. Nach einem von Andi Deris mit Hut und Glitzersakko geprägten "Perfect Gentleman" darf schließlich Kai Hansen bei einem Medley aus Stücken vom Debütalbum "Walls Of Jericho" selbst zum Mikro greifen. Was folgt, ist ein Powermetal-Gewitter vom Feinsten.

Besonders hervor sticht hierbei neben dem Gamma Ray-Frontmann auch Schlagzeuger Dani Löble. Seines massiven Kit enthält insgesamt vier Bass Drums und zwei überdimensionierten Tom-Toms, die links und rechts oberhalb der Becken angebracht sind. Er bearbeitet sein Instrument mit derart viel brutaler Finesse, dass es eine wahre Wonne ist, ihm beim Dreschen auf die Felle zuzusehen.

Nur ruhig Blut

Anschließend haben sich sowohl Hansen, den Kiske nun als einen "Typ mit fünf Batterien im Arsch" bezeichnet, und Löble als auch das Publikum eine kleine Verschnaufpause verdient. Es wird ruhiger – und gleichzeitig leerer auf der Bühne. Außer den beiden Leadsängern und Sascha Gerstner ist zu Beginn des ruhigen, von Deris verfassten "Forever & One (Neverland)" sonst niemand dort zu finden.

Erst im Laufe des "Metal für Mädchen"-Stückes, wie der Songwriter es selbst nennt, kommen die übrigen Bandmitglieder bis auf Hansen hinzu. Einen ähnlichen Aufbau erhält die "Keepers"-Nummer "A Tale That Wasn’t Right", das zunächst nur mit Kiske, Weikath und dem Drummer beginnt, bevor gegen Ende und für das rockige "I Can" wieder beinahe sämtliche Kürbisköpfe vertreten sind.

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Wie sehr sich Helloween bei diesen Konzerten auf ihre glorreiche Vergangenheit beziehen, beweist auch Löbles Solo. Beginnt der aktuelle Drummer der Band zunächst alleine, so taucht anschließend Schwichtenberg auf der Videoleinwand hinter der Bühne auf und darf seinerseits eine Schlagzeugeinlage zum Besten geben. Anschließend "duellieren" sich die beiden Felledrescher.

Es ist beeindruckend, wie präzise Löble Schwichtenbergs Solo Schlag für Schlag kopiert, als die zwei Drummer schließlich in einer Kombination aus Virtuellem und Realem gemeinsam virtuos zu Werke gehen. Als Abschluss dieses Teils der Show werden dann noch stimmungsvolle Fotos von Schwichtenberg gezeigt, die ein würdiges Tribut an das verstorbene Gründungsmitglied darstellen.

Es geht immer weiter…

Dass direkt darauf "Livin‘ Ain’t No Crime" folgt, kann kein Zufall sein. Zwar wird das von Kiske gesungene Stück nicht komplett gespielt, sondern geht direkt in "A Little Time" über. Es darf aber ebenso wie "Why?" dennoch als Kommentar an die vorangegangene Einlage gewertet werden, bevor Helloween sehr viel kraftvoller und brachialer auf das Finale hinarbeiten.

Das reguläre Set wird schließlich von "Power" mit Deris am Mikrofon sowie dem aus dreistimmigen Gitarrenläufen und ebenso vielschichtigen Gesang bestehenden, fulminaten "How Many Tears" abgeschlossen. Als sich die Band daraufhin zum ersten Mal verabschiedet, hallen lautstarke Forderungen nach mehr durch das Rund der Porsche-Arena – und Helloween gehorchen.

Fast finaler Höhenflug

Jetzt folgt endlich das, worauf sich sicherlich viele der anwesenden Fans schon seit Ewigkeiten gefreut haben: Kiske schnappt sich das Mikrofon und turnt beim Kracher "Eagle Fly Free" auf derartig loftigen gesanglichen Höhen herum, dass es dort selbst den besten Vokalakrobaten der Zunft schwindelig werden dürfte.

Die Sprechchöre, die anschließend zu Ehren des Sängers in der Halle erklingen, hat er sich zurecht verdient. Weder er noch der Rest von Helloween hat aber nach dieser Nummer schon genug. Denn die Band legt mit dem epischen "Keeper Of The Seven Keys" gleich noch eine Schippe nach. Gegen Ende präsentieren sich Weikath und Hansen gemeinsam zu zweistimmigen Gitarrenläufen vorne.

Schließlich stehen Kiske und Deris Arm in Arm am vorderen Ende des Laufstegs, und es bleibt Sascha Gerstner vorbehalten, die übrigen Kürbisköpfe nach und nach von der Bühne zu verabschieden – erst die Sänger, dann Löble, Hansen, Weikath und Großkopf, bis er zu guter Letzt alleine mit der Gitarre in der Hand und Unterstützung des Publikums den Mitsingrefrain zum Besten gibt.

Süßes und Saures

Der Stimmung der Zuschauer nach zu urteilen, dürfte der Abend wohl noch ewig so weitergehen – und Helloween, mit all ihrer in Stuttgart bislang gezeigten Spielfreude, sehen dies wohl ähnlich. Erst kehrt Hansen alleine zurück und spielt im Rahmen seiner Soloeinlage das bekannte "Hall Of The Mountain King" von Edvard Grieg an, wobei ihn wenig später der Rest der Instrumentalisten unterstützt.

Aus diesem Zwischenspiel geht die Band direkt in den Klassiker "Future World" über, zu dessen Beginn Kiske die Fans den Gesang alleine beginnen und sich auch beim Refrain von ihnen unterstützen lässt. Mittlerweile tobt die Porsche-Arena. Bei aller guten Laune, die bereits bei Deris‘ Nummern vorhanden war, weht bei den "Keepers"-Klassikern mit dem Originalsänger ein anderer Wind in der Halle.

Sieben Schlüssel aus einem Guss

Fast drei Stunden sind vergangen, als sich die Band mit "I Want Out", bei dem das Publikum den Musikern mit minutenlangen Sprechchören unter die Arme greift, und übergrößen Kürbiskopf-Luftballons endgültig verabschiedet. Ein besseres Finale als diese vier kraftvoll und in Bestform dargebotenen "Keepers"-Nummern hätten sich die neuen Helloween kaum aussuchen können.

Sie in dieser Verfassung zu sehen, ist ein echtes Erlebnis, mit dem im Vorfeld wohl kaum jemand gerechnet hätte. Zwei Frontmänner, die ihrem Namen mehr als gerecht werden, dazu fünf formidabel aufspielende Instrumentalisten – und das Ganze wirkt auch noch, dem Namen "Pumpkins United" entsprechend, wie eine echte Einheit. Sogar zwischenmenschlich scheinen sie zu harmonieren. Angesichts dieser grandiosen Vorstellung bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass sich die Kürbisköpfe in dieser Besetzung auch 2018 nochmals vor deutschem Publikum zeigen werden.

Setlist

Halloween1 / Dr. Stein1 / I’m Alive3 / If I Could Fly4 / Are You Metal?4 / Waiting For The Thunder4 / Rise & Fall3 / Perfect Gentleman2 / Walls Of Jericho Medley (Starlight/Ride The Sky/Judas)5 / Heavy Metal (Is The Law)5 / Forever & One (Neverland)2 / A Tale That Wasn’t Right1 / I Can4 / Dani Löble Schlagzeugsolo mit Ingo Schwichtenberg Tribute / Livin’ Ain’t No Crime3 / A Little Time3 / Why?2 / Sole Survivor2 / Power4 / How Many Tears6 // Eagle Fly Free3 / Keeper Of The Seven Keys1 // Kai Hansen Gitarrensolo / Future World3 / I Want Out1

Gesang: 1 Michael Kiske mit Andi Deris, 2 Andi Deris mit Michael Kiske, 3 Michael Kiske alleine, 4 Andi Deris alleine, 5 Kai Hansen alleine, 6 Michael Kiske, Andi Deris und Kai Hansen gemeinsam

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